Philip, die Zeit der Krisengipfel ist zurück. Wenn die Staats- und Regierungschefs der EU an diesem Donnerstag in Brüssel zusammenkommen, geht es erstmals seit vielen Monaten wieder um die Zukunft des Euro. Die griechische Regierung dringt auf einen Schuldenschnitt, der Rest Europas hält dagegen, und wenn kein Kompromiss gefunden wird, könnten die Griechen in die Zahlungsunfähigkeit schlittern.

Eine Staatspleite hätte verheerende Folgen, sie würde das Vertrauen der Anleger erschüttern und könnte sogar zum Austritt Griechenlands aus der Währungsunion führen. Dabei braucht Griechenland überhaupt keinen Schuldenschnitt.

Angesichts einer Schuldenlast von rund 175 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung mag das nach einer gewagten These klingen. Doch die Zahl führt in die Irre. Denn wie sehr die Schulden drücken, hängt nicht nur von der Höhe der Verbindlichkeiten ab, sondern auch von den Konditionen für die Rückzahlung. Wenn ich mir 100.000 Euro geliehen habe und jeden Monat 1.000 Euro Zinsen zahlen muss, dann schränkt die Verschuldung meinen finanziellen Spielraum erheblich ein. Wenn ich nur 10 Euro Zinsen zahlen muss, sieht die Sache schon anders aus.

Genau das übersehen die meisten Ökonomen, die einen Schuldenschnitt für Griechenland fordern. Im Jahr 2012 wurden die Zinsen der Hilfskredite gesenkt und die Laufzeiten gestreckt. So muss Griechenland zum Beispiel für einen großen Teil seiner Schulden überhaupt keine Zinsen abführen. Im vergangenen Jahr hat das Land deshalb nur 4,2 Prozent seiner Wirtschaftsleistung für Zinsen ausgegeben.

Damit wenden die Griechen weniger als die Italiener für den Schuldendienst auf und nicht wesentlich mehr als die Amerikaner. Ich kenne niemanden, der einen Schuldenschnitt für die USA fordert. Wie wenig aussagekräftig die Höhe der Schulden für sich genommen ist, zeigt das Beispiel Japan: Das Land ist mit mehr als dem doppelten seiner jährlichen Wirtschaftsleistung verschuldet und muss gerade einmal zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Zinsen ausgeben.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 7 vom 12.02.2015.

Rein ökonomisch betrachtet, braucht Griechenland also keinen Schuldenschnitt – und auch politisch ist diese Forderung alles andere als ein kluger Schachzug. Insbesondere in Deutschland ist der Widerstand gegen einen solchen Schritt enorm, zumal es nach deutschem Haushaltsrecht auch nicht ohne Weiteres möglich ist, finanzielle Forderungen einfach so wegzustreichen. Die Schuldenlast müsste also erneut durch finanzakrobatische Kniffe wie längere Laufzeiten gesenkt werden – was den Griechen den Vorwurf einbringen würde, erneut zu tricksen.

Der neue griechische Finanzminister Yanis Varoufakis hat etwas zu seiner zentralen Forderung gemacht, was seinem Land kaum helfen und die Deutschen maximal verärgern würde. Er sollte deshalb schnell das Thema wechseln. Der Spielraum im Athener Staatshaushalt wird nicht durch die Verschuldung eingeschränkt, sondern durch die strengen Sparvorgaben der Europäischen Union. Eine Lockerung dieser Vorgaben würde es dem griechischen Staat ermöglichen, mehr auszugeben und die schlimmsten Sozialkürzungen rückgängig zu machen – das zusätzliche Geld würde der Wirtschaft einen dringend benötigten Schub verpassen. Dein Mark

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