Der Philosoph Slavoj Žižek © Ulf Andersen/Getty Images

Fast unverschämt dick ist es, das neue Buch von Slavoj Žižek: Mit Weniger als nichts legt er einen Versuch vor, die Summe seines Denkens auf der Höhe der Gegenwartsphilosophie zu ziehen. In vier umfangreichen Teilen widmet es sich in echt hegelscher Manier der gesamten Philosophiegeschichte von der Antike bis in die Gegenwart. Im ersten Teil beschreibt er die Philosophiegeschichte von Platon bis Fichte als Ermordung Gottes und Selbstbehauptung des Subjekts. Teil zwei wiederholt Žižeks Hegel-Deutung, mit der er in den neunziger Jahren berühmt wurde. Dieser zufolge ist Hegel ein Denker der radikalen Kontingenz, der behauptet, jeder Versuch, das Reale zu begreifen, bleibe unabschließbar. Jede theoretische Anstrengung weise eine Lücke auf; Žižek nannte dies in seinem gleichnamigen Buch von 2006 Parallaxe. Der dritte Teil enthält seine ebenfalls in vielen Büchern publizierte Deutung der philosophischen Implikationen der Psychoanalyse Jacques Lacans. In Teil vier findet man schließlich neue Ideen, da Žižek seit Kurzem meint, die Quantenphysik sei eine Fundgrube für seine Theorie des Subjekts.

Slavoj Žižek verteidigt seine Sicht auf Kant und Hegel

Die Grundidee des Buchs lautet, "die Zeit des Deutschen Idealismus", also die von Kant, Fichte, Schelling und Hegel, sei letztlich der "einzige Schlüssel (...), um die gesamte vorausgegangene und nachfolgende Tradition überhaupt als Philosophie lesen zu können". Für diese hierzulande manchen schmeichelnde, andernorts sicher sehr waghalsige These führt er einen bemerkenswerten Grund an: Mit Kant sei nämlich zum ersten Mal deutlich geworden, dass wir "die Realität" gar nicht "als absolutes Ganzes" begreifen können. In Žižeks Augen bedeutet Augenhöhe mit dem Deutschen Idealismus also insbesondere, dass wir nicht annehmen sollten, es gebe ein allumfassendes Ganzes. Vor dem Hintergrund dieser in der Gegenwartsphilosophie in der Tat zentralen These entwickelt Žižek nun noch einmal seinen gesamten Theorieaufbau.

Wer das Denken des 1949 in Slowenien geborenen Philosophen bisher verfolgt hat, wird von der Lektüre nicht sonderlich überrascht. Es drängt sich gar der Verdacht auf, man bekomme auf mehr als 1400 Seiten nicht nur nichts Neues geliefert, sondern weniger als nichts Neues, da man sich auch noch darüber ärgert, dass man alle Ideen sowie die allermeisten Anekdoten und Zoten Žižeks schon aus seinen inzwischen klassischen Büchern des letzten Jahrhunderts kennt, vor allem aus Denn sie wissen nicht, was sie tun . Genießen als ein politischer Faktor (1991) sowie Verweilen beim Negativen . Psychoanalyse und die Philosophie des Deutschen Idealismus (1993).

Doch ganz so arg steht es mit dem neuesten Werk dann doch nicht. Žižek wiederholt sich nicht einfach nur unter leicht veränderten Vorzeichen, sondern versucht, seine Position gegen Einwände aus der neuesten französischen Philosophie zu verteidigen. Während viele meinen, das Subjekt könne nicht der Anfang und das Ende aller Philosophie sein, hält Žižek dagegen, es sei unmöglich, uns selbst als Subjekten zu entkommen. Alles Denken und Erkennen ist für ihn subjektiv verzerrt. Und er setzt sich dabei vor allem mit einem neueren Denker auseinander: Quentin Meillassoux hat 2008 ein vielbeachtetes, geradezu bahnbrechendes Werk mit dem Titel Nach der Endlichkeit publiziert, einen der Wendepunkte der momentanen Rückkehr zum Realismus in der Gegenwartsphilosophie. Meillassoux attackiert darin unter anderem Kant, den Deutschen Idealismus und Heidegger – also beinahe alles, was Žižek lieb ist –, weil sie nicht imstande seien, eine Wirklichkeit zu denken, die radikal außerhalb aller Denkakte liege (ein alter Vorwurf, der übrigens nicht stimmt).

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 7 vom 12.02.2015.

Hier nun setzt Žižek ein und verteidigt seine Lesart der Philosophie Kants und des Deutschen Idealismus. Denn in seinen Augen ist der Idealismus in Wahrheit ein Materialismus, sofern der Idealismus die Wirklichkeit im Ganzen für unerkennbar hält. Freilich ist auch diese These ein uralter Bekannter für Leser Žižeks: Sie findet sich schon in besagten Büchern aus den frühen Neunzigern, die Žižek berühmt gemacht haben. Er fühlt sich nun allerdings herausgefordert, zu unterstreichen, dass der Materialismus nichts mit Materie zu tun habe (was eine merkwürdige These ist), sondern eigentlich behaupte, dass der Eindruck einer harten Objektivität, die sich unseren Begriffen entziehe, ein "Effekt oder eine verdinglichende (Fehl-)Wahrnehmung dessen" sei, "was ursprünglich ein inneres Ungleichgewicht oder ein Antagonismus in der Textur der Begriffe selbst ist". Also: Der Eindruck, die Wirklichkeit sei das ganz Andere gegenüber dem Subjekt, soll eine Illusion sein. Dabei hält Žižek diese These für die Quintessenz des Materialismus, um sich so gegen den Einwand zu verteidigen, der Idealismus sei überholt, weil er die Wirklichkeit als eine Projektion begrifflicher Strukturen und nicht als "großes Außerhalb" (Meillassoux) verstehe.