Wer heute ein Fernsehgerät kauft, tut es mit gemischten Gefühlen. Holt er sich etwa einen Verräter, einen Denunzianten ins Haus? Die neuen Smart TVs sind keine loyal-verschwiegenen Hausgenossen. Nein, sie neigen dazu, gewisse Daten an Dritte (etwa TV-Sender oder Google) weiterzugeben.

Aufregung hat jetzt die Meldung ausgelöst, das neue Smart TV von Samsung habe ein sehr offenes Ohr für seine Besitzer. Es höre nicht nur, was im Fernsehzimmer gesprochen werde, sondern gebe es auch weiter. In den Datenschutzvereinbarungen von Samsung steht: "Bitte beachten Sie, dass sämtliche gesprochenen Worte, auch persönliche oder sensible Informationen, bei Ihrer Nutzung der Spracherkennung erhoben und an einen Drittanbieter übertragen werden."

Samsung hat inzwischen seine besten Leute von der Treuherzigkeits- und Beschwichtigungsabteilung losgeschickt; sie lassen ausrichten, dass die Lauschgefahr nur bestehe, wenn die Spracherkennungsfunktion des Gerätes aktiviert sei. Aber ist diese Funktion nicht gerade der Witz des Geräts?

Früher hätten solche Technologien einen Aufschrei ausgelöst, heute werden sie mit Resignation aufgenommen. Auch die Siri-Funktion des iPhones ist ja ein einziger Weitersageservice: Siri gehört zu den größten Tratschtanten der Weltgeschichte, und die Fragen, die wir ihr stellen, sprechen sich bis zu Apple herum.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 7 vom 12.02.2015.

Vermutlich ist es am besten, das Belauschtwerden als Zivilisationssprung zu feiern. Gerade unter den Deutschen, die zu Millionen ihre Freizeit damit verbringen, dem Fernseher freche Antworten zu geben, wird das horchende TV-Gerät für eine höhere Redekultur sorgen. Jede Verwünschung gegen "die da oben" könnte die Gemeinten nun tatsächlich erreichen. Wenn der Gatte auf die Regierung schimpft, mag seine Frau zischen: Leise, der Samsung hört doch alles! Und der Ehemann wird kontern: Das soll der Samsung ja gerade hören! Allmählich würde das Wohnzimmer sich in eine speakers’ corner verwandeln, und erzürnte Bürger müssten nicht nach Dresden reisen, um bei Pegida mitzulaufen, es würde genügen, sich der Bewegung Pfahh (Patriotische Fernsehzuschauer am heimischen Herd) anzuschließen und bequem vom Sofa herab zu brüllen: Jetzt hör mir gut zu, Lügenfernseher!

In der Angst um die Indiskretion jener Machtzentren "am anderen Ende" unserer Technologie verbirgt sich noch eine ganz andere Verheißung. Diese Systeme sind keine Einweg-Angelegenheiten, die ihre Inhalte über uns ausschütten. Nein, wir können sie über Nebenarme selber fluten und verstopfen. Vielleicht wird die allwissende Gegenseite das Lauschen dann irgendwann einstellen – aus purer Erschöpfung.