Shimon Shukrun könnte jeden Tag vom Erdboden verschluckt werden. Wenn er auf der Veranda vor seinem Haus steht und auf das Tote Meer hinausblickt. Wenn er zu seinem Auto geht und zum Einkaufen fährt. Oder zusammen mit seinen Enkelkindern, wenn sie zu Besuch sind und er mit ihnen im Garten spielt. Jederzeit könnte sich – wie in einem Hollywoodfilm – die Erde unter ihm auftun, und er fiele in einen tiefen Krater. Die Gegend, in der sein Haus steht, ist mit Schildern gesäumt, die auf Hebräisch, Arabisch und Englisch vor Löchern im Erdboden warnen. Neben dem Bungalow des 67 Jahre alten Israelis rotten die Überreste eines Campingplatzes vor sich hin: verrostete Metallgerüste, die Ruinen eines Waschhauses, Reste eines Pubs.

"Vor Jahren ist auf dem Campingplatz eine Putzfrau mit ihrem Reinigungswagen über einen gepflasterten Weg gelaufen, als plötzlich die Erde unter ihr nachgegeben hat", erzählt Shukrun, der seit mehr als 40 Jahren am Rand des Toten Meers lebt. Er arbeitete damals als Hausmeister auf dem Campingplatz, der zum nahe gelegenen Kibbuz Ein Gedi gehörte. Die Frau überlebte den Sturz in fünf Meter Tiefe mit mehreren Brüchen. Am nächsten Tag schlossen die Behörden den Campingplatz und schickten 400 Touristen nach Hause. Hausmeister Shukrun ist als Einziger geblieben.

Die Putzfrau war ein Opfer der Schlucklöcher am Toten Meer. In den achtziger Jahren hatten Anwohner das erste Mal einen Krater in der Erde entdeckt. Mittlerweile sind vier Verletzte und mehr als 3.000 Löcher dazugekommen. Einmal brach ein Forscher in die Erde ein, 14 Stunden harrte er im Graben aus. Als er nicht mehr an seine Rettung glaubte, schrieb er auf Klopapier Abschiedsbriefe an seine Familie. Schließlich fand ihn ein Rettungsteam, das längst auf die Bergung aus den Löchern spezialisiert ist, und zog ihn heraus. Die Geschichte vom Forscher im Loch kennt jeder in der Region. Sie wird gerne erzählt, um Besuchern deutlich zu machen, wie drastisch die Gefahr vor Ort ist.

Betrachtet man Luftaufnahmen, gleicht das Ufer des Toten Meers einer Kraterlandschaft. Mittlerweile kommt pro Tag ein Loch dazu, schätzt die Hydrologin Carmit Ish Shalom, die im Kibbuz Ein Gedi lebt und seit vier Jahren am Toten Meer forscht. Die Schlünde sind bis zu 20 Meter breit und tief. Es gleicht einem Wunder, dass noch niemand tödlich verunglückt ist.

Forscher warnen, das Pipelineprojekt berge unkalkulierbare Risiken

Die Trichter entstehen, weil der Wasserspiegel des Toten Meers absinkt. Weicht das Salzwasser zurück, dringt Süßwasser nach. Es wäscht die unterirdische Salzschicht aus. Große Hohlräume entstehen, über denen die Oberfläche einstürzt. Dass das Tote Meer austrocknet, liegt an Israel, an Jordanien, Syrien und dem Libanon, die es nach dem Wasser des Jordan dürstet. Der einzige, einst mächtige Zufluss plätschert heute nur noch als Rinnsal ins Tote Meer. 98 Prozent des Flusses zweigen die Anrainer für Haushalte, Landwirtschaft und Industrie ab. In den vergangenen 50 Jahren hat das Tote Meer ein Drittel seiner Fläche eingebüßt. 2050 dürfte nur noch ein Teich übrig sein. "Das Tote Meer ist ein Symbol dafür, wie wir unsere Umwelt behandeln", sagt Hydrologin Shalom. "Natürlich brauchen wir Süßwasser, um zu leben, aber wenn wir so weitermachen, verlieren wir diesen einzigartigen Ort."