Okay, mit weißen Pferden war nicht zu rechnen. Auch nicht mit Kutschen, in denen heiratswillige keltische Jungfrauen herangeprescht kommen. Wo aber ist die Villa auf dem Hügel, von der er so eindringlich erzählt, wo der Bahnhof mit den Lokführern, die stählerne Kessel heizen? Und was ist aus den Gleisen geworden, die er überquert haben will, berauscht von einer Buddel cherry, cherry wine? Gemessen an der Szenerie des gleichnamigen Songs, wirkt die Cyprus Avenue, nun ja, bescheiden: eine in suburbane Stille gehüllte Wohnstraße, wie es sie in jeder mittleren Stadt zu Dutzenden gibt. Maurice Kinkead lacht. So kann man es natürlich sehen. Ein bisschen prosaisch wäre das aber schon.

Betrachten wir die Sache doch mal mit Vans Augen. Die soliden, frei stehenden Häuser: Verheißungsvoll liegen sie hinter Buchsbaumhecken verborgen. Die breiten, eine kleine Anhöhe hinaufführenden Bürgersteige: Einem Kind aus der Nachbarschaft müssen sie wie Boulevards erscheinen. Und was die Zypressen anbelangt: Zugegeben, es handelt sich um Kiefern, hier oben im Norden gedeihen Kiefern einfach besser, doch wenn man beim Schlendern in die Kronen emporblickt, verbreiten sie selbst an eisigen Wintertagen wie diesem einen Hauch von Arkadien. Nein, sagt Maurice, mit Cyprus Avenue hat Van nun mal keine Reportage abgeliefert, sondern ein Stück Poesie. So ist das, wenn du aus East Belfast kommst, fügt er hinzu: Du musst dir was einfallen lassen.

Fantasie braucht auch, wer sich auf Van Morrisons Spuren durch Belfast bewegt. George Ivan Morrison, den hier alle nur Van nennen, hat seine Heimatstadt oft und hymnisch besungen, sein Ruf als Irlands bedeutendster Musiker ist unumstritten, doch im Konkreten klaffen Dichtung und Wirklichkeit gehörig auseinander. Niemand weiß das besser als Maurice, ein Mann in Jeans, Fleece und Flanellhemd, der durchs Viertel führt. Nebenberuflich ist er Van-Fan, hauptberuflich Geschäftsführer des Konsortiums East Belfast Partnership, das den ersten offiziellen Van Morrison Trail ins Leben gerufen hat: Auf sieben Stationen führt er durch die Welt von Morrisons Kindheit. Gerade haben wir die Stelle passiert, wo einmal Davey’s Chipper stand, ein Fish-and-Chips-Laden, dessen schmalzgebackene Köstlichkeiten Van in seinem Song A Sense Of Wonder verewigt hat, doch statt gravy rings und wagon wheels gibt es dort inzwischen chinesisches Fast Food.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 7 vom 12.02.2015.

Wer die Zeile aus Beside You nicht kennt, in der ein six-bells chime die Gläubigen zur Andacht ruft, wird schulterzuckend an der St Donard’s Church vorbeilaufen, die im Song gemeint ist: ein typisch irisches Steinkirchlein. Und der Beechie River, der in Morrisons Vorstellungskraft zum Mississippi anschwillt, fließt in der Realität als munteres Rinnsal unter einer Brücke dahin. Maurice lacht schon wieder: Es ist ein Traum-Belfast, das aus Vans Liedern spricht.

In der Hyndford Street kann man sein Geburtshaus besichtigen, ein winziges Reihenhäuschen mit Messingplakette neben der Tür. Sogar die Bahntrasse aus Cyprus Avenue findet sich bei näherem Hinsehen, wenngleich dort heute ein Fahrradweg verläuft. Mindestens ebenso wichtig wie das wenige, was der Rundgang präsentiert, ist für Vans Welt aber ohnehin das, was man nicht besichtigen kann: seine ausschweifende Romanlektüre, die Schallplattensammlung des Vaters, der Sendersuchlauf des Radios, den er gleich in mehreren seiner Lieder festgehalten hat – Radio Luxemburg als Überbringer einer frohen Botschaft namens Rock ’n’ Roll.

Van Morrison ist East Belfast entkommen. © AFP / Freier Fotograf / Getty Images

Dass East Belfast eine Gegend ist, der man entkommen möchte, das zumindest teilt sich auf Anhieb mit. Bald zwei Jahrzehnte nach dem Karfreitagsabkommen von 1998, das die blutigen Auseinandersetzungen zwischen englandtreuen Protestanten und der IRA offiziell beendete, ist Nordirlands größte Stadt im Aufbruch begriffen. Besucher zieht es in die Kneipen des Zentrums, sie bestaunen den zum IT-Park umgewandelten Hafen, sie gruseln sich im Norden, wo zwischen Falls Road und Shankill Road die Reste der letzten Mauer Europas zu besichtigen sind. Serienjunkies buchen die Game of Thrones-Tour: In einem riesigen Studiokomplex jenseits des River Farset wurden die Innenszenen der Fantasy-Saga gedreht, gegen ein geringes Aufgeld gibt es eine Busfahrt zu den Schlössern der Umgebung dazu. Am armen, proletarisch geprägten Osten aber ist die Entwicklung vorbeigegangen.

Von ein paar grünen Inseln wie dem Orangefield Park abgesehen, dominiert noch immer die Tristesse der Vorstadt. Die Wäsche flattert im Wind, die Straßen sind menschenleer, neben Van The Man Morrison gibt es nur einen Grund, sich hierherzubegeben: Fußballer George Best, der im Stadtteil Greenway aufwuchs, die nordirische Nationalmannschaft anführte und sich mit nicht einmal 60 Jahren totgetrunken hatte.