Eine Schule muss von außen nicht aussehen wie eine Schule. Unterrichten lässt sich überall. Deshalb störte es Rachel Bauer auch nicht, als sie ihre Tochter vor zweieinhalb Jahren mitten im Konstanzer Industriegebiet einschulte, in den ehemaligen Büroräumen eines homöopathischen Versandhauses. Immerhin passte die Geschichte des Ortes zur Schulform. Damals wurde gerade die erste Klasse einer Waldorfschule eingerichtet.

"Ich zeig Ihnen mal, wie wir angefangen haben", sagt Rachel Bauer und führt in ein Zimmer, das wie aus der Zeit gefallen wirkt: Parkettboden, Holzschreibtische mit Stiftmulden, vorn eine Schiefertafel, Pastell an den Wänden. Die Möbel hat damals eine andere Schule aus ihrem Fundus gespendet. Die Wände haben Schüler, Lehrer und Eltern in den Sommerferien gestrichen. Noch heute erzählen die Schüler stolz: "Wir haben unsere Schule selbst angemalt!"

Rachel Bauer ist keine Pädagogin. Sie ist Psychotherapeutin und hat 2012, nach nur zwei Jahren Vorbereitungszeit, mit anderen Müttern und Vätern eine Waldorfschule gegründet. Eine Schule, die auf der anthroposophisch geprägten Pädagogik Rudolf Steiners beruht. In Deutschland sind Waldorfschulen zurzeit besonders beliebt. Eltern suchen nach Alternativen zur staatlichen Schule, sie fürchten, dass ihr Kind dort von einem allgemeinen Leistungsdruck überfordert wird und in der Masse untergeht.

Ende 2014 gab es in Deutschland 253 Waldorfschulen, 66 davon sind in den letzten zehn Jahren entstanden, ein Zuwachs von 23 Prozent. Hinter diesen Zahlen stehen Menschen wie Rachel Bauer, denn die Initiativen für neue Waldorfschulen kommen von unten, direkt aus den Familien.

Gründungseltern haben eins gemeinsam: In vielen Fällen haben ihre Kinder einen der bundesweit 550 Waldorfkindergärten besucht. Auch der Kern der Konstanzer Initiative – Manuela Kramer, Jennyfer Bruderhofer und Rachel Bauer, alle um die 40 – hat sich so kennengelernt. Bauer war selbst einst Waldorfschülerin. Manuela Kramer sagt, ihr Freundeskreis sei "waldorfpädagogisch orientiert". Jennyfer Bruderhofer, eine Buchhändlerin, hatte ihren Sohn erst in einen öffentlichen Kindergarten gegeben. "Doch dort wusste er nicht, was er machen sollte, er war vom offenen Angebot überfordert." Als er in einen Waldorfkindergarten wechselte, sei er aufgeblüht. "Die Einrichtung hat ihm mehr Geborgenheit gegeben."

"Geborgenheit", "behüteter Raum", "den Kindern Zeit lassen", "nicht nur ihre Defizite betrachten", "ganzheitliches Entfaltenkönnen": Wer den drei Müttern zuhört, hat ihre Bildungsideale schnell verstanden. An öffentlichen Regelschulen sehen sie diese nicht verwirklicht. Und sie haben es bei Freunden erlebt, die ihre Kinder dorthin schicken mussten, weil Konstanz keine Waldorfschule hatte. "Dort gab es Leistungsdruck ab Klasse eins und keine Zeit anzukommen", sagt Manuela Kramer. Waldorfschulen arbeiten hingegen ohne Schulbücher und bis zur Oberstufe ohne Noten; Sitzenbleiben gibt es nicht. Lehrer und Eltern verwalten die Schule gemeinsam.

Wo Waldorf draufsteht, muss auch Waldorf drin sein

Von der ersten bis zur achten Klasse werden die Schüler vom selben Klassenlehrer in den Hauptfächern unterrichtet, im typischen Epochenunterricht wird ein Thema über mehrere Wochen fächerübergreifend behandelt. Dazu kommen Handarbeit, Eurythmie und viel Kunst. Für all das fuhr Manuela Kramer ihre ältere Tochter lieber jeden Tag eine Dreiviertelstunde mit dem Auto zur nächsten Waldorfschule. Der Jüngere allerdings, der damals gerade geboren wurde, sollte es leichter haben. "Irgendwann sagten wir uns: Warum gründen wir nicht einfach selbst eine Waldorfschule?"

Waldorfschulen sind in Deutschland umstritten. Während Anhänger den ganzheitlichen Unterricht und die genau an den Entwicklungsstufen der Kinder ansetzende Pädagogik loben und bereit sind, dafür durchschnittlich 160 Euro im Monat zu zahlen, halten Kritiker Anthroposophen für eine "esoterische Sekte", die von "totalitärer Pädagogik" geleitet sei und sich im Unterricht Formen "subtiler Indoktrination" bediene. "Steiner geht etwa davon aus, dass bei jedem Menschen eines von vier Temperamenten dominiert. Die Klasse soll dementsprechend als Schicksalsgemeinschaft zusammengesetzt sein", sagt der Bremer Grundschullehrer und Waldorfkritiker André Sebastiani. Er zweifelt, ob Lehrer, die solche Theorien im Kopf haben, wirklich jedem Schüler gerecht werden können. Auch das oft gelobte Klassenlehrerprinzip hat in seinen Augen Nachteile: Komme ein Schüler mit dem Lehrer nicht klar, seien acht Jahre ein "kaum zu überblickender Zeitraum".