Die sonst so kühle TV-Moderatorin gerät warmherzig ins Schwärmen: Alle Achtung, der Herr Minister trägt Lederjacke, und das blaue Hemd hängt ihm lässig aus der Hose. Andere journalistische Spitzenkräfte liefern tiefgründige Betrachtungen über Rollkoffer, Retrorucksack und Haarschnitt. Ein Lifestyle-Reporter auf Spiegel Online schießt den Vogel ab und bemerkt, der Mann trage den "Farbton des Anarchismus". Hilfe, ein Linker! "Ein dreister Geist."

Der "dreiste Geist", der den politischen Modejournalismus aus dem Winterschlaf riss, ist Yanis Varoufakis, der neue griechische Finanzminister. Medien bestaunen ihn als linken Snob, Fachleute kennen ihn eher als querköpfigen Ökonomen und eigenwilligen Denker. Varoufakis studierte Mathematik an der Universität Essex und lehrte in Sydney, Athen und Austin/Texas. Hauptberuflich verfasste er Fachbücher für Fachleute und schrieb esoterische Aufsätze über Spieltheorie. Nebenbei moderierte Varoufakis Radiosendungen, einmal wurde er wegen einer verbalradikalen Kritik an Israel an die Luft gesetzt. Außerdem berät der 53-Jährige einen Hersteller von Computerspielen und veröffentlicht in seinem Blog philosophische Fußnoten zur Weltgeschichte.

Aber es gibt noch etwas, das ihn von anderen Wirtschaftsfachleuten in ihren akademischen Gewächshäusern unterscheidet: Varoufakis besitzt eine dunkle Leidenschaft für die griechische Mythologie. Für ihn, so scheint es, ist die Antike nie zu Ende gegangen. Die alten Götter sind noch lebendig, unter dem Lack der Moderne toben die alten Schicksalsmächte und sind so gefährlich wie eh und je.

Was das heißt? Das heißt, dass Varoufakis den Kapitalismus als eine mythische Macht empfindet, als einen dämonischen Zwitter. Auf der einen Seite bringt er den Menschen das Feuer und schenkt Reichtum und Fortschritt. Auf der anderen Seite öffnet er die Büchse der Pandora und führt zu "unerträglicher Armut" und "schlimmster Sklaverei". Doch auch hier, so kann man Varoufakis verstehen, hilft der Mythos weiter. Mit List und Tücke, mit Gabe und Gegengabe, kurz: mithilfe von Umverteilung und Selbstbeschränkung lässt sich die Zerstörungskraft des Kapitalismus bändigen. Wer seinem Sirenengesang nicht erliegen wolle, der müsse sich wie Odysseus an den Mast binden – und dann erwarte die Menschheit eine neue "Epoche des Humanismus".

Varoufakis’ Antikenmetaphorik ist manchmal ziemlich anstrengend, sie hat etwas von einem großen Abwehrzauber, als könne man nur so die Weltgeschichte begreifen. Doch immerhin, sie liefert den Schlüssel zu seinem Theorietempel. Ein zentrales Datum, ja mehr noch: eine mythische Chiffre ist für ihn die Weltwirtschaftskrise 1929. In diesem Schicksalsjahr, schreibt er in seinem glänzend formulierten Buch Der globale Minotaurus (Kunstmann Verlag 2012), habe sich die Vorhersage des Propheten Karl Marx erfüllt. Schockartig begriff die Welt, dass der kapitalistische Gott ganze Gesellschaften ins Elend zu stürzen vermag.

Für die Vereinigten Staaten wurde das Menetekel zum Jahrhunderttrauma und bestimmte noch auf Jahrzehnte ihre Politik. Vor dieser Politik verneigt sich Varoufakis, er nennt sie kühn, weitsichtig und großherzig. Bei aller Hegemonie, bei aller hässlichen Verbindung aus politischer und ökonomischer Macht hätten die USA nach 1945 versucht, den Kapitalismus zu bändigen. Die alten New-Deal-Anhänger entwickelten einen "globalen Plan"; sie sorgten für eine massive Umverteilung von Überschüssen, die der Marktmechanismus allein nie hätte leisten können. "Amerikas globaler Plan war der größte sozioökonomische Eingriff, den es in der Geschichte der Menschheit je gegeben hat ... Nie zuvor hat ein Sieger der Gesellschaft, die er zuvor noch bekämpft hatte, geholfen, um so langfristig seine eigene Macht zu sichern." Bedauerlich sei allerdings gewesen, dass sich der Ökonom John Maynard Keynes nicht mit seinem Vorschlag habe durchsetzen können, das "Recycling von Überschüssen" einer globalen Institution anzuvertrauen. Die USA lehnten dankend ab – sie wollten die Sache lieber selbst in die Hand nehmen.

Doch das Goldene Zeitalter des Kapitalismus währte nur bis zum Vietnamkrieg. Amerikas Haushaltsdefizite wuchsen in den Himmel, und nach dem Ende der festen Wechselkurse 1971 war der globale Plan tot. Damit beginnt die zweite Phase des Weltkapitalismus, Varoufakis nennt es das "Zeitalter des Minotaurus". Amerika spielt nun nicht mehr den großzügigen Hegemon, sondern hockt in seinem "Labyrinth" und fordert "mit eiserner Faust" Opfergaben, um sein Haushaltsdefizit auszugleichen. Weniger martialisch gesagt: Amerika ließ sich von der Welt füttern. Es saugte das Kapital aus den westlichen Ländern ab und leitete es auf die Mühlen der Wall Street. Genüsslich zitiert Varoufakis Paul Volcker, den ehemaligen Vorsitzenden der US-Notenbank: "Die USA absorbieren rund 80 Prozent des Nettoflusses an internationalem Kapital." Das könne auf Dauer nicht gut gehen, und es ging auch nicht gut.

Zwar hielt der amerikanische Minotaurus den Weltmarkt in einem "Zustand des ausgeglichenen Ungleichgewichts", aber zugleich nährten die gigantischen Kapitalzuflüsse die giftige Schlange des Kasino-Kapitalismus. In den nuller Jahren, so Varoufakis, verlor die Wall Street dann jedes Maß. Sie glaubte an ein "risikoloses Risiko" und erfand Finanzprodukte, "die eine anständige Gesellschaft hätte verbieten müssen". Während Wirtschaftswissenschaftler "mit untadeligen neoliberalen Überzeugungen" das Evangelium der Deregulierung predigten, stieg der kapitalistische Ikarus mit seinen toxischen Papieren hoch auf und stürzte abgrundtief. Die Finanzkrise 2008 zerstörte Billionenwerte, und bald saß in jeder amerikanischen Schulklasse mindestens ein Kind, dessen Eltern ihr Haus verkaufen mussten. Damit verlor Amerika, wie Varoufakis nicht ohne Bedauern feststellt, seine stabilisierende Rolle in der Welt. Seitdem sei der globale Markt in ständigem Aufruhr. "Radikale Ungewissheit" kennzeichne die dritte Epoche des Weltkapitalismus. Und in der leben wir nun.