Die jungen Herren von Bilderbuch, ganz rechts der Sänger Maurice Ernst © Daliah Spiegel

Selbst in der Deodorant-Werbung sind Glamour und Geld schon nicht mehr sexy. Im neuen Axe-Spot posieren schnelle Autos, Blitzlichtgewitter flackert, und fiese Typen werfen mit Dollarscheinen um sich. Bis die Protagonistin dann ihren echten, einfachen, völlig auf dem Boden gebliebenen Typen findet – und der ganze böse Glamour um sie herum verschwindet. "Weniger ist mehr" wird am Ende als Slogan eingeblendet, während eine dieser Holzfällerhemden-Hipster-Folkbands das Sakrileg begeht, Welcome to the Jungle von Guns N’ Roses als langsame Flüsternummer mit ganz viel Hall zu covern. Champagner, Exzess und Sportwagen sind nicht mehr sexy, ist die überdeutliche Botschaft.

Zum Glück erscheint kommende Woche das heiß erwartete Album Schick Schock der österreichischen Band Bilderbuch und räumt mit diesem Missverständnis wieder auf. Der erste Song reißt nämlich die neue zusatzstoff- und glamourfreie Deodorant-Welt wieder ein, mit Synthieklängen, als sei gerade eine Big Band aus dem Gefängnis ausgebrochen. "Willkommen im Dschungel, wo sind hier die Drinks?", stellt die Band erst einmal die alles entscheidende Frage. Für sie ist es kein Problem, den Sex-Appeal von Guns N’ Roses und Champagnerexzessen im Jahr 2015 ernst zu nehmen. Der Gesang schraubt sich ganz nach oben, zu Dschungelgeräuschen, Trommelwirbel und schwitzigem Funk, bei dem kein Deo mit Understatement helfen würde.

Bilderbuch führten im vergangenen Jahr mit den aus Schick Schock bereits veröffentlichten Songs die Kritiker-Charts der Popmagazine an und wurden in Österreich mindestens als Nachfolger Falcos gehandelt. Die Hoffnung, die man mit ihnen verbindet und die das neue Album schon nach dreißig Sekunden erfüllt: dass es da eine Band endlich mal wieder ganz ernst meint, wenn sie sexy sein will. Nur, wie kriegen die das hin, wo doch deutschsprachiger Indiepop so notorische Probleme mit dem Sexysein hat?


Das Video zum Bilderbuch-Song Maschin sorgt schon seit einiger Zeit in den Sozialen Netzwerken für Jubel, nein, eher: für leises Stöhnen. Weil es so anders, so sexuell, so anders sexuell ist. Der Sänger Maurice Ernst – ein Name, so wunderbar wie die blonde Zottelfrisur dieses Bübchens Mitte 20 – rekelt sich in einem gelben Lamborghini aus den Neunzigern, er streift sich genüsslich gelbe Lederhandschuhe über, und dann, als man schon gar nicht mehr kann, stellt er den Sitz des Sportwagens vor und zurück und noch einmal vor und zurück. Entschuldigung, falls diese Beschreibung jetzt unangenehm war, aber so ist das eben im Deutschen mit dem Sex, wenn man nicht Bilderbuch ist. "La-la-la-lass mich nicht los, le-le-le-leg dich zu mir, ha-ha-ha-halt mich fest, Maschiiiiiiiiiiiiiin", singt Maurice Ernst und fährt langsam die Fensterscheiben elektrisch rauf und runter. Maschin ist der Song auf Schick Schock, der noch am ehesten darauf verweist, dass Bilderbuch auch mal angefangen haben wie alle Indiepop-Acts und als Schülerband die Strokes coverten. Inzwischen sind sie große Eklektizisten, da haben sie sich an ihrem Vorbild Kanye West orientiert, dem Axl Rose der Gegenwart. "Ich lese Proust, Camus und Derrida, mein Schwanz so lang wie ein Aal" – ja, hier wird Rap-Attitüde mit Diskurspop vermählt, und es ist eine Liebesheirat. Aber keinesfalls monogam, denn zu Rap kommen Prince, der R ’n’ B der Neunziger und unzähliges mehr. Willkommen im Dschungel der Zitate.