Bei der ersten Anfrage für ein Treffen schreibt Christian Ude in einer Mail, er sei gerade auf Mykonos. Er gibt seine Nummer, man könne ihn anrufen. Am Telefon sagt er: Nein, stören würde man nicht, er habe jetzt ja freie Zeit, er sei selbstbestimmt, das sei das Privileg des Ruheständlers. Wobei ein Ruheständler natürlich nicht zur Ruhe verdammt ist, aber darum wird es noch gehen. Ude war zwei Jahrzehnte lang Münchens Oberbürgermeister, und vielleicht wäre er es noch immer, würde es nicht die gesetzliche Altersgrenze für Bürgermeister geben. Oder der SPD-Politiker wäre heute Ministerpräsident in Bayern, hätte er 2013 nicht die Wahl gegen Horst Seehofer (CSU) verloren.

Stattdessen ist Ude jetzt für längere Zeit im Jahr auf Mykonos. Er las dort gerade zwei Romane, wofür er früher nie Zeit hatte. Und er verbrachte seinen 67. Geburtstag mit seiner Frau Edith. Sie waren noch nie zu zweit an einem Geburtstag. Das sei etwas ganz Besonderes für ihn, sagt Ude. Sie gingen essen und tranken auf der Terrasse Rotwein. Damit die, die sich das nicht vorstellen können, sehen können, wie das ausschaut, hat Ude Fotos auf Facebook gepostet. Da sieht man zwar nicht Edith und ihn beim Wein, aber man sieht Ude in weißer Kleidung mit Ledersandalen vor seinem weiß-blauen Ferienhaus, man sieht Ude in einer Hängematte, und man sieht Ude die Katzen füttern. Dazu schrieb er: "Liebe Werktätige in der Heimat, jetzt heißt es stark sein, denn ihr müsst einen Blick in das schwarze Loch werfen, in das Ruheständler bekanntlich hinabstürzen. Hungernde Katzen vor der Haustür, leere Strände, leere Kirchen, leere Straßen, selbst die Sonne geht unter. Und morgen werde ich schon wieder ein Jahr älter." Er wollte, sagt er, einmal dieses Schwarze Loch karikieren, von dem alle immer sprechen: Wieso solle man denn da reinfallen, nur weil man ein freier Mensch mit einem freien Terminkalender ist? "Das ist doch wirklich absurd."

Während Ude diesen Satz sagt, ist er nicht mehr in Griechenland, sondern in Istanbul. Er trägt einen dunklen Anzug und eine Aktentasche, aber er bewegt sich so entspannt, als habe er noch immer seine weiße Freizeitkleidung an. In einer Stunde beginnt das Mittagessen. Davor gibt es unerwartet Zeit, und Ude hat nichts Besseres zu tun, als einen Spaziergang am Marmarameer zu machen. Das sei jetzt also, stellt er fest, "die kontemplative Phase der Meditation vor dem Essen". Dabei ist Ude nun in Istanbul kein Urlauber mehr, er ist als Politiker unterwegs. Am Morgen hat er schon einen Kindergarten und ein Altenheim besucht.

Ude hat einen neuen Job: Er berät in Istanbul einen langjährigen Freund, Ali Kılıç. Kılıç ist Mitglied der Oppositionspartei CHP, und seit Frühjahr dieses Jahres ist er Bürgermeister von Maltepe, einem Stadtteil auf der asiatischen Seite.

Als Kılıç in Istanbul gewählt wurde, kam in München Udes Nachfolger Dieter Reiter (SPD) ins Amt. Kurz darauf rief Kılıç Ude an. Du hast doch jetzt Zeit, sagte er, dann kannst du mir ja helfen. Ude sagte zu, aber er ließ sich schriftlich geben, dass er dafür kein Honorar bekomme. Er fährt nun mehrmals im Jahr zu seinem Ehrenamt in die Türkei.

Kılıç hat Ude gewollt, weil er weiß, dass der nicht stillsteht, er sagt es so: "Ude geht nicht einfach nur die Straße lang, er guckt rechts, links, überlegt, hat eine Idee, was könnte man machen, er lässt seine Erfahrung sprechen, er ist ein Schatzkasten." Ude hat Kılıç gezeigt, wie man das so macht, ein Bürgermeister, mit der Betonung auf Bürger, zu sein. Er sagte ihm: Wo immer man hinkommt – Hände schütteln! Selbst wenn man das als anbiedernd empfinde. So hatte Ude sich anfangs gefühlt. Er begann, mit 45, als blasser Bürokrat, als er ging, nannten sie ihn in München längst den Bürger-King.

Maltepe soll modern und traditionell werden, so wie München

In Istanbul denken Ude und Kılıç nun über eine kommunale Wohnungsbaugesellschaft nach, den Ausbau von Kindergärten, und sie planen eine Messe. Sie suchen dafür gerade ein Areal, 100.000 Quadratmeter soll die Messe anfangs groß sein, und bald auf 250.000 anwachsen. Es gibt schon eine Messe, auf der europäischen Seite, aber die reicht nicht aus, eine zweite Messe soll die asiatische Seite aufwerten. Sie soll in Istanbul neue Arbeitsplätze schaffen und, für die deutschen Aussteller, einen neuen Markt: In Istanbul erreichen sie auch Unternehmer, die ohne Visum nicht nach Deutschland kommen können. Für die Messe München war das ein Argument, sie sicherte zu, bei der Planung zu beraten.

Wer Christian Ude in diesen Tagen begleitet, zum Beispiel bei seinem Spaziergang am Meer, der erlebt einen Mann, der geht und guckt und alles, was er sieht, kommunalpolitisch bewertet. Er kann darüber lange dozieren. Man erlebt aber auch einen Mann, der plötzlich anhält und zum Hinsetzen auffordert, auf eine Mauer am Wasser, und dann sagt: Oh, was ist denn da für eine Katze? Dann zu der Katze: Bist ja fast eine griechische Katze, hör mal? Dann schnalzt er mit seiner Zunge: Tststststs.

Was ist denn eine griechische Katze, Herr Ude? "Sie sind fast immer erschreckend dürr, aber gerade auf Mykonos treten sie unheimlich selbstbewusst auf und lassen sich von Fremden streicheln, türkische Strandkater würden das nie tun." Die Katze läuft weiter. "Vielleicht war es kein Kompliment, als griechische Katze apostrophiert zu werden."