Der Mann in der hinteren Nische einer Filiale der Kaffeehauskette Aida hat fahle Haut, eingefallene Wangen und auffallend schlechte Zähne. Einfache Bewegungen wie Bücken oder Aufstehen fallen ihm schwerer als den meisten in seinem Alter.

Andererseits: Für einen 60-Jährigen, der ein Viertel seines Lebens schwer heroinabhängig war und sich täglich bis zu ein Gramm Heroin in den Unterarm schoss, wirkt Erich Heine erstaunlich fit. 2015 will er "noch einmal richtig durchstarten", eine eigene Wohnung beziehen, ausgehen und, wer weiß, vielleicht sogar eine "neue Frau kennenlernen".

Junkies sterben nicht mehr jung. Überall werden sie stetig älter. Viele Heroinsüchtige, die an Substitutionsprogrammen teilnehmen, erreichen problemlos das Pensionsalter. Doch es gibt kaum aussagekräftige Zahlen zu älteren Heroinsüchtigen. Harald Spirig, Geschäftsführer des Schweizer Hauses, einer Wiener Einrichtung für Drogentherapie, ist sich aber sicher: "Österreichweit gibt es bereits über 7.500 Drogensüchtige, die 50 Jahre und älter sind – Tendenz klar steigend."

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Die Gründe für die rapide gestiegene Lebenserwartung der Süchtigen sind vielfältig: Drogenzentren bieten den Patienten kostenlosen Spritzentausch als hygienische Maßnahme an; Österreichs Justiz setzt schon seit Längerem auf das Prinzip "Therapie statt Strafe". Dank Medikamenten wie Methadon und Substitol kommen Junkies ohne Entzugserscheinungen durch den Tag – die Nebenwirkungen sind gering.

Nur noch 140 Drogentote gab es vergangenes Jahr in Österreich – im Jahr zuvor waren es 200. Das bedeutet zwar immer noch eine Sterberate von rund zehn Prozent. Doch wenn die Süchtigen einmal die 40 überschritten haben, ist die Lebenserwartung erstaunlich hoch. Und so rückt die einstige Randgruppe der älteren Süchtigen zunehmend ins Zentrum der heimischen Drogenpolitik.

"Heroin war natürlich Teil des Lifestyles", erzählt ein Althippie

Harald Spirig war 2010 an einer EU-Studie zum Alltag von älteren Drogenabhängigen in Österreich beteiligt. Dabei stellte sich heraus: Ein Großteil der Süchtigen, die in den 1960er und 1970er-Jahren süchtig wurden, lebt in der Bundeshauptstadt. Die meisten sind aufgrund ihrer jahrelangen Sucht körperlich eingeschränkt, haben den Kontakt zu Familie und Freunden abgebrochen, viele sind alleinstehend und mittellos.

Walter, der seinen Familiennamen lieber geheim halten möchte, ist so einer. Der 64-Jährige mit den kinnlangen grauen Haaren lebt in einer winzigen Gemeindebauwohnung in Simmering, die er von seiner Mutter übernommen hat: 27 Quadratmeter, zwei Zimmer. In einem hat Walter eine kleine Kochnische und eine Duschkabine. Im Wohnzimmer steht eine blaue, ausziehbare Couch auf einem schwarzen Teppich, davor ein Regal mit einem alten Röhrenfernseher. Viel mehr besitzt Walter nicht.

"Ich habe wegen den Drogen fast alles verkauft oder einfach verloren", sagt Walter, der von 827 Euro Mindestsicherung im Monat lebt. Ein echter Hippie mit wallenden, schulterlangen Haaren, Blumenhemden und Glockenhosen sei er gewesen, ein "Musikfreak", der Rockbands wie Cream, Deep Purple oder Led Zeppelin vergötterte und Erstpressungen auf Vinyl sammelte. "Heroin war natürlich Teil des Lifestyles, wir haben mitbekommen, wie viele von den Musikern Heroin nahmen", sagt Walter.

Wie Erich Heine hat auch Walter viele Zahnlücken. "Zähne sind immer das Erste, was du wegen dem Gift verlierst. Und ich hatte echt verdammt gute Beißer." Erich Heine war Computerexperte, Walter arbeitete als Elektriker, beide verdienten gut, beide wurden mit Anfang 20 süchtig und verloren innerhalb weniger Monate ihre Jobs. Beide unternahmen abenteuerliche Drogentrips nach Pakistan und Indien, wo man damals reines Heroin zu Spottpreisen kaufen konnte.

"Früher war es so einfach, Drogen zu schmuggeln", sagt Erich Heine und erzählt, wie er sich mehrere Gramm reines Heroin in die Schuhsohle schustern ließ und damit an den pakistanischen, türkischen und österreichischen Grenzbeamten vorbeimarschierte. Walter war noch dreister: Er lagerte ein paar Päckchen Heroin neben Zigaretten, Sonnenbrillen und Romanen von Jack Kerouac im Handgepäck. "Viele von uns haben diese Reisen gemacht. In Österreich war es nicht nur schwer, an Heroin zu kommen, es war auch unglaublich teuer", sagt Walter. "Die billigen Hotels in Istanbul waren zum Teil voll mit Wiener Junkies." Bis zu 3.500 Schilling kostete ein Gramm Heroin noch in den 90er Jahren. Erich Heine verschuldete sich über beide Ohren und schnorrte Familie wie Freunde an, Walter wurde selbst zum Dealer.

Wie viele Finger er gebrochen hat, weiß der Rotlichtschläger nicht mehr

Heute wäre es leichter, an Heroin zu kommen. Viele Dealer haben es im Angebot und verkaufen es um gerade einmal 50 Euro das Gramm. Trotzdem wird es von den Jungen gemieden. "Heroin hat heute eher ein Verlierer-Image", sagt Hans Haltmayer, Beauftragter für Sucht- und Drogenfragen der Stadt Wien. Die Zahlen aus dem Drogenbericht des Gesundheitsministeriums bestätigen das: 2002 waren noch 190 Heroinabhängige unter 18 Jahren in Substitutionsbehandlung, 2014 lediglich zwei. Gleichzeitig ist die Zahl der über 50-Jährigen in den Suchtzentren seit 2010 von 560 auf knapp 1.000 angestiegen.