Wer Zweifel daran hat, dass die FDP, die bei den Wahlen in Hamburg gewonnen hat, nicht mehr die FDP ist, die vor gut einem Jahr den Tiefpunkt ihrer Geschichte erlebte, muss sich ansehen, wie die Liberalen ihren überraschenden Erfolg feierten: zurückhaltend, ein bisschen ungläubig, ständig die Selbstermahnung auf den Lippen, bloß nicht abzuheben. Das bedeutet nicht, dass die Partei ihrem Hamburger Erfolg und der Tendenz nach oben, die darin steckt, misstraut. Nur sieht vor allem ihr Vorsitzender Christian Lindner, dass die Liberalen gerade die allererste Etappe eines ziemlich langen Weges genommen haben, der sie im Herbst 2017 zurück in den Bundestag führen soll.

Euphorie oder triumphale Anfälle, wie man sie von früheren FDP-Erfolgen kannte, wären da eher schädlich. Sie würden nicht nur die Konzentration schwächen, die nötig sein wird, um auf die politische Bühne Berlin zurückzukehren. Sie würden vor allem Erinnerungen wecken an die Zeit, in der die dröhnende Selbstinszenierung zum eigentlichen Markenzeichen der Partei geworden war. Mit schriller Angeberei bei schwacher politischer Substanz hat sich die FDP in die Existenzkrise manövriert. Deshalb will sie jetzt vor allem eins: ihre politischen Vorstellungen skizzieren und auf dem Teppich bleiben. Dass sie das in Hamburg, an ihrem ersten schönen Wahlabend seit Langem geschafft hat, ist ein starkes Indiz für eine andere FDP.

Als die Partei im September 2013 von den Wählern aus dem Zentrum des politischen Systems katapultiert wurde, lag die Versuchung nah, sie als radikale Opposition neu zu formieren. Die Themen für eine bürgerliche Protestpartei drängten sich geradezu auf: Einwanderung, Islam, Euro-Krise. Hätte sich die FDP in diese Richtung bewegt, wäre sie in den gefährlichen Wettbewerb eingetreten, der ihr nach dem Bundestags-Aus vielfach prognostiziert worden war: den Kampf mit der AfD. Doch bei keinem der aktuellen Themen mit Frust- und Wutpotenzial hat sich die FDP seither auf die schiefe Ebene begeben. Ihr proeuropäischer Kurs ist heute klarer als zu Regierungszeiten, und auch an ihrer positiven Haltung gegenüber Migranten hat sie selbst unter dem Druck wachsender Zuwanderung keinen Zweifel aufkommen lassen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 8 vom 19.02.2015.

Statt sich mit der AfD auf einen systemoppositionellen Wettbewerb einzulassen, markierte die FDP mit ihrer überraschenden Resistenz gegen populistische Anwandlungen den Unterschied. Gerade im Kontrast zur AfD, deren liberale Fassade den ressentimentgeladenen Kern bestenfalls notdürftig verdeckt, präsentiert sich die FDP skeptischen bürgerlichen Wählern als seriöse Alternative. So ist aus der Konkurrenz mit der AfD für die Liberalen keine Bedrohung, sondern ein Vorteil erwachsen.

Als die FDP die Bundestagswahl verloren hatte, galt sie politisch als mausetot. Die minimale Chance auf ein Comeback wurde an die Erwartung geknüpft, die Partei müsse sich komplett neu erfinden. Der Abgang der bestimmenden Figuren der Ära Westerwelle war unumgänglich und angesichts des Desasters auch unumstritten. Doch für die programmatische Ebene gilt der Erneuerungszwang nicht in gleicher Weise. Zwar bleibt die FDP die plausiblen Antworten schuldig, was "innere Liberalität" angesichts der Macht von Internetkonzernen oder der Überwachungsmanie von Geheimdiensten heute bedeuten könnte. Doch dafür wirkt die Partei ausgerechnet mit ihrer klassischen wirtschaftsliberalen Haltung plötzlich wieder seltsam en vogue. Während die AfD davon zehrt, dass die liberalisierte CDU-Union den rechten Rand der Gesellschaft immer weniger binden kann, profitiert die FDP von der Sozialdemokratisierung der Union auf ökonomischem Terrain.

Die FDP ist derzeit die einzige Partei, die dem wachsenden Unbehagen Ausdruck verleiht, der deutsche Boom zehre nur noch von der Substanz früherer Reformen. Mit ihrer Kritik, die große Koalition unternehme kaum etwas, den erstaunlichen ökonomischen Erfolg des Landes auch in Zukunft zu sichern, darf die FDP in der Wirtschaft wie in Teilen der Unions-Wählerschaft mit Zustimmung rechnen. Die ohnmächtige Kritik, die der Wirtschaftsflügel der Union an milliardenschweren Projekten wie Mütterrente und Rente mit 63 oder am Mindestlohn übt, markiert zugleich die liberale Lücke. Um sie zu füllen, muss sich die FDP nicht neu erfinden, sie muss nur – weniger plakativ und PR-orientiert als in früheren Zeiten – als Stimme wirtschaftlicher Vernunft auftreten, ohne dabei mit sozialer Härte zu kokettieren. Beides ist der Lindner-FDP gelungen. Für den Wahlerfolg in Hamburg hat das schon mal gereicht.

Es gehört zum liberalen Lernprogramm "neue Bescheidenheit", nach dem ersten zarten Erfolg nicht gleich wieder aufzutrumpfen. Fast schon komisch wirkt es, wie defensiv die liberale Spitzenkandidatin Katja Suding mit der vagen Möglichkeit umgeht, dass am Ende vielleicht doch die FDP statt der Grünen mit Olaf Scholz die Hansestadt regieren könnte. Inhaltlich lässt es sich jedenfalls gar nicht so leicht begründen, warum der wirtschaftsfreundliche Sozialdemokrat in einer Koalition mit den Grünen so viel besser als mit den Liberalen fahren sollte. Zumal es ja auch der SPD über Hamburg hinaus gefallen müsste, einmal wieder eine alternative Machtoption zu Rot-Grün auszuprobieren. Die Grünen koalieren schließlich auch mit der Union.

Zur Aufwertung der FDP nach ihrem Hamburger Lichtblick trägt jedenfalls bei, dass die Sozialdemokraten im Bund nicht auf Dauer als Juniorpartner der Union fungieren wollen und sich schon deshalb nach neuen Perspektiven umsehen müssen. Und auch die FDP wird, wenn es ihr gelingt, sich neu zu etablieren, nicht mehr als natürliches Anhängsel der CDU auftreten. Zu einer seriösen, weltoffenen, wirtschaftsliberalen Partei gehört am Ende auch die koalitionspolitische Eigenständigkeit.

Doch bis solche Fragen für die FDP wieder relevant werden, dauert es noch eine Weile. Die Liberalen haben gerade die Erfahrung gemacht, wie kurz unter den aktuellen politisch-medialen Bedingungen der Weg vom endgültigen Ableben zur Wiederauferstehung ist. Und umgekehrt! Weil der FDP-Vorsitzende das wissen dürfte, könnte aus dem Hamburger Erfolg doch mehr werden als ein Zwischenhoch.