Wir sind noch nicht einmal auf der Autobahn, und schon schläft der halbe Bus. Überall um mich herum fallen Lider zu, sacken Köpfe gegen Fensterscheiben, rutschen Arme von Lehnen. Sehe ich junge und mittelalte Menschen, in den Schlaf gesummt vom Motorbrummen. Hinter mir wühlen zwei Männer in ihren Rucksäcken, pusten sich Nackenkissen auf und setzen Schlafbrillen auf. Eine Frau schält eine Orange, bald weht eine Zitrusbrise herüber. Der ideale Proviant hier an Bord, wo man auch geruchlich zusammenrückt.

Viermal werde ich in dieser Woche mit Fernbussen hin- und herfahren. Zwölf Stunden und sechsundvierzig Minuten an Bord verbringen. Ein für viele Deutsche ziemlich neues Verkehrsmittel erproben. Erst seit vor zwei Jahren das Monopol der Bahn kippte, kann man fast jede größere deutsche Stadt auch mit dem Fernbus erreichen. Bisher haben diese dunkel verspiegelten Gefährte bei mir eher ungute Erinnerungen geweckt. Ich bin früher, als Praktikantin, oft mit dem Bus zwischen Hamburg und Berlin unterwegs gewesen, auf der einzigen Strecke, auf der das Bahn-Monopol seit Mauerzeiten eine Ausnahme duldete. Höre ich Fernbus, denke ich bis heute an schmutzige, übel riechende, heillos überfüllte Schläuche, in denen man nur auf Leute traf, die sich auch keine Bahnfahrkarte leisten konnten. Doch vielleicht ist das ein Vorurteil? Möglicherweise ist der Fernbus von heute viel komfortabler und eine ernst zu nehmende Konkurrenz zur Bahn?

Der Preis jedenfalls ist unschlagbar. Während mich die Fahrt von Berlin nach Hamburg früher gut 20 Euro kostete, zahle ich heute mit etwas Glück nur noch 8. Sind die günstigsten Onlinetickets bereits verkauft, steigt der Preis stufenweise an, mehr als 27 Euro zahlt man nie. Die Bahn verlangt für die gleiche Strecke inzwischen 78 Euro. Dafür ist sie aber auch nirgends so schnell (300 Kilometer in 90 Minuten) und so pünktlich wie zwischen Berlin und Hamburg. Und ausgerechnet auf dieser Strecke wollen auch die deutschen Fernbusunternehmen zeigen, was sie können. Alle vier Anbieter – die Marktführer MeinFernbus und Flixbus, der Neuling ADAC-Postbus und der Klassiker Berlinlinienbus – schicken nahezu stündlich einen Direktbus von Berlin nach Hamburg und wieder zurück. Doch ist dieses Angebot auch etwas für Menschen, denen der Preis nicht mehr alles ist?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 8 vom 19.02.2015.

Die erste Fahrt habe ich im Elitebus, einem Partner von Flixbus, gebucht. Der erste Eindruck: gar nicht so übel. Die Sitze sind ähnlich gut gepolstert wie in der zweiten Klasse der Bahn und so neu und sauber, dass ich mich auch im weißen Faltenrock auf ihnen niederließe.

Allerdings bin ich froh, kein Zweimetermann zu sein: Meine Knie stoßen fast an den Vordersitz. Dann klappt auch noch der Typ vor mir die Lehne zurück. Ich blicke auf schwarzes Haar, durchzogen von grauen Strähnen. Wenigstens hat er keine Schuppen, die mir auf den Schoß rieseln könnten. Der Busmotor übertönt seinen schweren Atem. So fahren wir dahin, durch Felder, Wiesen, Weite, und allmählich verstehe ich, warum hier mancher Kissen dabeihat: Es macht schläfrig, die Autobahn entlangzufahren, draußen das Wintergrau, drinnen gedämpftes Licht. Es ist viel dunkler als im ICE. Es kommt auch kein Schaffner, der einen aus dem Schlaf aufschreckt, die Tickets wurden schon beim Einsteigen geprüft. Niemand unterhält sich; vielleicht fehlen hier Aufhänger wie "War der Schaffner schon da?" oder: "Was, das Bordrestaurant hat schon wieder keinen Strom?"

Nach zwei Stunden werde ich unruhig. Mit der Bahn wäre ich jetzt in Hamburg, mit dem Bus fahre ich noch immer durch eine menschenleere Weite. Ich sehe Felder, die im Nebel verschwimmen, ein einsames Reh, das über einen Acker tänzelt. Gerne verträte ich mir die Beine, aber wo soll man schon hinlaufen in so einem Bus, es gibt ja nicht einmal ein Bistro. Nach drei Stunden beginne ich, durch den Spalt zwischen den Lehnen die Lektüre der Frau zwei Reihen vor mir mitzulesen: "Nasenspray, die unterschätzte Sucht". Und atme auf, als statt Feldern endlich Großstadtlichter hinter der Scheibe auftauchen: Hamburg, Zentraler Omnibusbahnhof.

Bei der nächsten Fahrt bin ich überrascht, wie viel Platz im ADAC-Postbus ist. Beine einziehen ist gar nicht nötig. An sich gäbe es sogar Getränke und Snacks, aber der Busfahrer entschuldigt sich: Er sei kurzfristig für einen Kollegen eingesprungen und habe sie ausnahmsweise nicht dabei. Über mein Smartphone wähle ich mich in das kostenlose Mediaprogramm ein. Ich könnte jetzt Naturdokus schauen oder einige ältere Kinohits. Oder im Bordmagazin blättern, das hinten in den Sitzen steckt. Lieber schlage ich mein Buch auf. Wann sonst kann man mal drei Stunden ungestört lesen?

Der briefkastengelbe ADAC-Postbus fährt erst seit 15 Monaten. Doch sein Name ist schon veraltet. Der Automobilclub ist unlängst aus dem Gemeinschaftsprojekt ausgestiegen, zu gering ist der Gewinn, zu hart der Preiskampf. Seither schickt nur noch die Post die Busse auf die Straßen. Mein Ticket hätte ich auch in einer Postfiliale kaufen können. Dieser Service soll ältere Leute ansprechen, die nicht gern im Internet kaufen. Schließlich gelten Rentner, gerade die Rentnerinnen, in der Branche als gute Zielgruppe: Sie bekommen keinen Ärger mit dem Chef, wenn ihr Bus mal im Stau stecken bleibt. Und freuen sich, günstig die Enkel besuchen zu können.

Obwohl heute gar keine Senioren an Bord sind, begrüßt uns der Busfahrer im zuvorkommenden Schwiegersohn-Ton: Er stellt sich gleich mit Namen vor, erklärt genau, wo der Knopf für die Leselampe ist, bietet Hilfe beim Gepäckausladen an. Als der Bus nach gut drei Stunden in Berlin einrollt, warnt er uns, bevor er das grelle Deckenlicht einschaltet.