Hilary Mantel wurde 2014 für ihre Verdienste an der Literatur von Königin Elisabeth II. zur Dame Commander des Order of the British Emire ernannt. © WPA Pool/Getty Images

Wie lässt sich aus der Unordnung des Lebens etwas herstellen, das man erzählen kann? Etwa so, wie wenn man aus ein paar Lumpen ein neues Kleid nähe, schreibt Hilary Mantel in ihrer Autobiografie, in Erinnerung eines Satzes der Autorin Janet Frame. Und fügt hinzu: ihr selber schwebe dabei so etwas wie ein Partykleid vor – in dem man sich zeige, vor der Welt. Man sieht Hilary Mantel vor dem inneren Auge aufsteigen – die gefeierte Autorin, wie sie sich dreht, auf dem red carpet der Aufmerksamkeit, ein trügerisches Bild, wie sich zeigen wird.

Hilary Mantel ist natürlich eine Virtuosin im Erzählen unordentlicher Leben. Unerschrocken hat sich Mantel über die Vitae der englischen Schurken und Helden hergemacht, des furchtbaren Heinrich VIII., der seine Blutspur durch die englische Geschichte zog, sie hat sich an die Karriere seines Günstlings Thomas Cromwell geheftet, Sohn eines Schmieds, der bis zum Bewahrer des königlichen Siegels aufstieg, für Henry die Ehen und die Klöster auflöste und dabei absahnte. Mantel begleitet ihn bis aufs Schafott, so wie auch seine Widersacher, etwa den herrlichen Thomas Morus. Ihre historischen Romane, Wölfe und Falken, haben ihr den International Man Booker Prize eingebracht, die höchste Auszeichnung des literarischen Englands, gleich zweimal, ein unerhörter Triumph. Jetzt werden die Bücher von der BBC in Serie ausgestrahlt, und ganz Großbritannien sieht zu. Wie also gelingt Mantel die Erzählung des eigenen Lebens, Von Geist und Geistern, das übrigens in England schon vor zwölf Jahren erschien?

Es ist ein schmales Buch über die Kindheit eines Mädchens in armen Verhältnissen und seine Entwicklung zu einer vielversprechenden jungen Frau. Die erkrankt und medizinisch misshandelt wird und, schwer beschädigt an Körper und Seele, gerade mal so überlebt. Eine Passionsgeschichte. Es ist vielleicht ihr härtestes Buch.

"Ich schreibe nicht, weil ich um Mitleid heischen will", schreibt sie. "Menschen durchleben weit Schlimmeres, ohne je davon etwas zu Papier zu bringen. Ich schreibe diese Sätze, um die Geschichte meiner Kindheit und meiner Kinderlosigkeit in den Griff zu bekommen; um mich zu lokalisieren, wenn nicht in meinem Körper, dann im schmalen Zwischenraum zwischen einem Buchstaben und dem nächsten, zwischen den Zeilen, wo die Geister der Bedeutung leben."

Das Ich in Sprache verwandeln. Keine einfache Aufgabe

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 8 vom 19.02.2015.

Ein Versuch also, mit Sprache etwas zu bannen, was sich der Sprache entzieht – ein Ich aufzuspüren, dem sogar das Gefühl für den eigenen Körper abhanden gekommen ist. Keine leichte Aufgabe. Hübsche Kleider kommen in diesem Buch auch nur am Rande vor – als etwas, was aufgegeben werden muss. Das Cover der deutschen Ausgabe zeigt ein blondes Mädchen in einem türkisfarbenen Kleid mit türkisfarbenen Schleifchen in den Zöpfen, es sitzt wie eine farbige Erscheinung inmitten einer im Schwarz-Weiß verblassenden Kinderschar. Es ist diese zarte Schönheit, die im Leben von Mantel auf der Strecke blieb, als sich misogyn daherschwatzende, fachlich stümpernde Ärzte über sie hermachen und sie mit Pillen in ein aufgeblähtes, formloses Wesen verwandeln, das sich selbst nicht mehr kennt. Schon, weil diese Pillen ihr Bewusstsein trüben. Giving up the Ghosts heißt das Buch im Original und lässt so den Titel ihres berühmten Buches mitschwingen Bring up the bodies – "Bergt die Leichen".

Das Buch führt nach Hadfield, in ein Industriekaff, zwölf Meilen von Manchester entfernt. Hier wuchs sie auf, unter einfachen Leuten, solchen, die Hilary ohne H sprechen – "Ilary". Es lohnt sich, dieses Buch allein wegen der Schilderung dieser fünfziger Jahre zu lesen, sie beschreibt diese Zeit aus der Perspektive des Kindes, des vierjährigen, dann sechsjährigen, dann zehnjährigen Mädchens, sie zeigt uns die Farben dieser Kindheit, die Geräusche, das Aufflackern von Bildern, die in der Erinnerung bewahrt werden. Aber vor allem ist da eine Aura der Fremdheit und Verlorenheit, die im Zeitalter der das Glück der Kindheit beschwörenden Gesellschaft kaum mehr vorstellbar ist. Sie sei, heißt es in Mantels typisch reduzierter Zuspitzung, für die Kindheit ungeeignet gewesen. Sie nennt sie einen Gulag.