Morgens im Bad. Aus dem Radio rieseln die Schrecknisse der Welt. Syrien, Ukraine, Afrika. Das wird ein weiterer harter Tag für den Mann. Doch das Schlimmste an diesem Morgen offenbart sich, nachdem der Schaum schon aufgetragen ist: Der Nassrasierer ist stumpf. Stumpf! Aus der Werbung wissen wir ja, dass dann Hautirritationen drohen, Abschürfungen, wenn nicht Schnittverletzungen. Also auch noch ans Einkaufen denken? Bald nicht mehr.

Mein Rasierer liegt in einer Schale, die Batterien hat und einen Knopf mit der Aufschrift "Order". Wenn ich den drücke, fängt er an, blau zu blinken, gefolgt von Dauerblau. Damit ist es schon geschafft: Eine neue fünffach besetzte, autonom hautölende und mit einem Präzisionstrimmer bestückte Klinge ist praktisch schon unterwegs zu mir. Die intelligente Ablageschale, eher eine Box, ist ein Testexemplar. Sie gehört zu einem neuen Nachbestellsystem, mit dem der Hersteller Gillette demnächst auf den Markt geht. Nachschub auf Knopfdruck: ein Wunder. Oder genauer: ein weiterer Schritt zum Internet der Dinge.

Im Internet der Dinge reden Maschinen, Computer und Fahrzeuge miteinander oder mit einem zentralen Server. Kaffeeautomaten berichten eigenständig, wenn der Kaffee alle ist. Autos rufen den Notarzt, wenn sie auf dem Dach liegen. Beim Gillette-Rasierer muss der stoppelbärtige Mann zwar noch einen Knopf drücken, um neue Klingen auf den Weg zu bringen. Aber bis die selbst merken, dass ihre Zeit gekommen ist, wird es nicht mehr lange dauern.

Von M2M, machine to machine, sprechen Ingenieure. In ihren Kreisen wurde jüngst mit Begeisterung die "simsende und mailende Mausefalle" begrüßt. Kein Witz, sie soll ein großes Problem der Lebensmittelindustrie lösen helfen: In Speisefabriken dürfen Mäuse nicht mit Gift getötet werden. Fallen hingegen müssen regelmäßig kontrolliert werden, fordert das Tierschutzgesetz. Das ist oft mühsam. Die Unternehmen Biotec-Klute und BSC Computer haben zusammen mit dem Mobilfunknetzbetreiber E-Plus eine funkende Lebendfalle konstruiert. Ist sie zugeschnappt, ruft sie einen Mitarbeiter herbei. Perfides Extra: Die notwendige Energie erzeugt die gefangene Maus durch Zappeln.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 8 vom 19.02.2015.

Und jetzt reden auf Knopfdruck also noch die Rasierklingen mit im globalen Palaver der Dinge. So wie Glühlampen, Thermostate und Wasserkocher. Deren maschinelles Mitteilungsbedürfnis scheint ins große Bild einer Morgenwelt voller digitaler Erleichterungen zu passen. In jedem konkreten Fall zeigt sich aber auch die Notwendigkeit der Abwägung zwischen Umstand und Nutzen, das Dilemma zwischen Komfort und Privatheit. Ich sehe es beim Versuch, zu beschreiben, was nach dem Knopfdruck im Hintergrund alles passiert.

Zerstörungsfrei komme ich da nicht weiter, die Schale mit dem magischen Knopf ist hermetisch verklebt. Also säge ich ihr Gehäuse auf. Ich stoße auf eine Platine. Darauf sitzt eine SIM-Karte, wie aus meinem Handy. Plus ein sogenanntes Funkmodul, gut einen Quadratzentimeter groß, knapp zwei Millimeter dick. Aus Shanghai, versteht sich. Das ist alles.

Diese minimalisierte Funkstation schickt mein Notsignal "keine scharfen Rasiermesser mehr" mitsamt meiner ID-Nummer über das Netz der Telekom zu The Perfect Shave, dem Onlineshop von Gillette. Zur Sicherheit retourniert mir der dortige Server eine automatische E-Mail, die ich manuell erwidern muss. Denn natürlich klappt das erst dann, wenn man sich ordentlich hat registrieren lassen. Der etwas absurde Umstand, dass ich nach dem Knopfdruck die Bestellung praktisch noch mal am Computer wiederholen muss, soll ausschließen, dass meine Tochter oder ihre Freundinnen bei ihren Schminkorgien Fehl-Orders auslösen. Bestätige ich die Bestellung, packen die Leute von The Perfect Shave mir ein Päckchen. Glück hat jeder Bartstoppelige, dessen Briefkastenschlitz die Sendung aufzunehmen vermag. Bei mir passte nur eine Zustellbenachrichtigung durch. Pech hat auch derjenige, dessen Klingen sich am Samstag als stumpf herausstellen. Bis Mittwoch brauchten die Scharfen, um bei mir anzukommen. Bis dahin ist jede heikle und teuer umhegte Kinnhaut längst irritiert.

Der funkende Nassrasierer, er ist ein Vorbote, besser: ein Versuchsballon. Das Internet der Dinge kommt gerade erst richtig in Schwung, weil wichtige Voraussetzungen dafür mittlerweile erfüllt sind: Rechnerleistung und deren Kosten spielen keine große Rolle mehr. Und die drahtlose Kommunikation der Dinge untereinander ist problemlos, seit die funkenden Geräte winzig und billig geworden sind. Deshalb lässt sich die Technik heute viel besser verstecken – auch in weniger teuren Objekten als in Autos, die einen Alarm absetzen, wenn sie die polnische Grenze überqueren. Und mit GSM, UMTS und LTE, mit WLAN und Bluetooth existieren Quasselkanäle en masse für all die Dinge, die sich etwas zu sagen haben.

Sicher wird auch ein intelligenter, vernetzter Käsehobel nicht lange auf sich warten lassen. Und jener Rasierer, der keiner Schale mehr bedarf, um Klingen nachzubestellen, dürfte längst in der Pipeline stecken. Künftig wird sich auch niemand mehr um den Austausch des ein Jahr alten Handys gegen ein zeitgemäßes kümmern müssen: Der Postmann bringt es automatisch. So dürfte vieles, was einstmals Abo war – ernsthaft, auch Rasierklingen-Abos gibt es –, durch Deals nach dem Muster "Nachschub bei Bedarf" ersetzt werden. Die Dinge kümmern sich gleich selbst um alles.

Der Preis dafür? Eher nicht die paar Euro für Gillettes Schale. Wir bezahlen mit Daten von uns. Denn so hübsch und praktisch das Internet der Dinge ist – nicht zuletzt ist es ein immer exzessiver sprudelnder Quell von sehr big Data.

Doch muss ich mir morgens im Badezimmer zusätzlich zur Syrien-, Ukraine- und Afrikakrise auch noch einen Kopf um Big Data machen? Ach was! Mit der Krisenbewältigung fange ich klein an. Ist die Klingenkrise per Knopfdruck behoben, kann mein Männertag beginnen. Und zwar ohne die geringste Hautirritation.

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