DIE ZEIT: Herr Mandt, was hat sich für Sie verändert?

Marcel Mandt: Ich mache immer neue Erfahrungen bei dem abenteuerlichen Versuch, in Sachsen eine feste Stelle als Lehrer zu finden. Meine Eltern und meine Freunde reagieren inzwischen regelrecht verstört, wenn sie hören, dass ich wieder nicht eingestellt wurde. Steht doch seit Monaten in den Zeitungen, dass das Kultusministerium mehr Personal beschäftigen wolle. Die Realität für uns junge Lehrer sieht aber oft unbefriedigend aus. Von den 15 Referendaren aus meiner Ausbildungszeit haben nur zwei eine feste Stelle bekommen. Zwei! Auch viele der fest angestellten Lehrer sind unzufrieden. Weil dieses Land seit Jahren den Mangel nur verwaltet.

ZEIT: Sachsen sucht händeringend Lehrer, ähnlich wie die anderen Ost-Länder. Warum haben Sie bislang keine Stelle angeboten bekommen?

Mandt: Ich bekomme immer mal wieder Stellen angeboten – die sind aber meistens befristet und manchmal unzumutbar, für mich und die Schüler.

ZEIT: Warum das denn?

Mandt: Voriges Jahr wurde ich gefragt, ob ich an einer Grundschule unterrichten wolle – dabei bin ich Gymnasiallehrer für Deutsch und Sport. Ich wurde also gar nicht dafür ausgebildet, speziell kleinen Kindern das Lesen und Schreiben beizubringen. Im Studium habe ich das nie gelernt. Also sagte ich der Mitarbeiterin in der Bildungsagentur: Ich nehme die Stelle an, allerdings nur unter der Bedingung, nicht Deutsch unterrichten zu müssen.

ZEIT: Darauf hat sich das Ministerium wahrscheinlich nicht eingelassen?

Mandt: Richtig. Bedingungen stellen darf man als junger Lehrer sowieso nicht. Ich bekam auch einmal das Angebot, an einer Oberschule zu arbeiten. Das hätte ich sofort gemacht, für eine begrenzte Zeit. Ich wollte deshalb das Zugeständnis der Behörde haben, innerhalb der nächsten Jahre an ein Gymnasium wechseln zu dürfen. Das sei ein fairer Deal, dachte ich. Er wurde aber abgelehnt – und das, obwohl ich für die Stelle sogar besonders qualifiziert gewesen wäre. Die Oberschule wurde damals von außerordentlich vielen Flüchtlingen besucht, und ich habe eine Sonderausbildung für das Fach "Deutsch als Fremdsprache".

ZEIT: Sachsen braucht Grund- und Förderschullehrer, es fehlen auch Pädagogen für Mathe, Physik und Chemie. Haben Sie die falsche Fächerkombination gewählt?

Mandt: Ich habe das studiert, was mich interessiert. Anders geht es, glaube ich, gar nicht. Aber als ich mich für den Studienplatz bewarb, hat mir niemand davon abgeraten oder mich gar gewarnt, dass es schwierig werden könnte, eine Stelle zu bekommen. Heute stellt sich heraus: Tatsächlich hätte Sachsen weniger Gymnasiallehrer ausbilden sollen ...

ZEIT: ... weshalb immer mehr Gymnasiallehrer an Grund- und Oberschulen eingesetzt werden.

Mandt: Stimmt. Von Gymnasiallehrern wird erwartet, kompetent genug zu sein für alle möglichen Schularten. Aber warum existieren dann überhaupt unterschiedliche Lehramtsstudiengänge? Es gibt Gymnasiallehrer, die an Oberschulen Fächer unterrichten, für die sie nie ausgebildet wurden. Das heißt: Bisweilen werden Oberschüler fachfremd von gymnasialen Geschichtslehrern in Mathe unterrichtet. Problematisch finde ich auch, dass viele Kollegen für einzelne Stunden an andere Schulen geschickt werden. Dort hetzen sie in den Pausen schnell hin; und an Lehrerkonferenzen müssen sie nicht teilnehmen. Für die Schüler taugen sie eigentlich nicht als Bezugspersonen, weil sie ständig auf der Durchreise sind. Bildungsarbeit ist auch Erziehungsarbeit, und die fällt dann völlig hinten runter.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten Ausgabe vom 19.02.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

ZEIT: Solche so genannten Abordnungen helfen aber, die Unterrichtsausfälle gering zu halten, über die sich Elternverbände oft beschweren.

Mandt: Ich hätte nichts dagegen, wenn Abordnungen ein Prinzip für Notfälle wären. Tatsächlich sind sie ein probates Mittel geworden, Stellen einzusparen.

ZEIT: Laut Kultusministerium fallen drei Prozent der Schulstunden in Sachsen aus. Ehrlich gesagt – so viele sind das gar nicht, oder?

Mandt: Richtig. Aber der reale Ausfall ist viel höher. Wenn ein Lehrer in seiner Unterrichtsstunde nicht da ist, seinen Schülern für diese Zeit aber Aufgaben gibt, dann gilt die Stunde als gehalten. Ebenso, wenn die Schüler allein im Unterrichtsraum sind, vom Kollegen aus dem Nachbarzimmer aber offiziell mit beaufsichtigt werden. Das heißt: In Wahrheit fällt viel mehr Unterricht aus, als die Statistik verrät.