DIE ZEIT: Herr Möller, warum forschen Sie als Psychologieprofessor ausgerechnet über Lehramtsstudenten? Stimmt mit denen etwas nicht?

Jens Möller: Viele Professoren und Dozenten haben ein negatives Bild von angehenden Lehrern. Und auch die Studierenden selbst berichten, dass sie sich oft wie Studenten zweiter Klasse fühlen und teilweise auch so behandelt werden.

ZEIT: Das Vorurteil, künftige Lehrer seien fauler und dümmer als ihre Kommilitonen aus den Bachelor- und Masterstudiengängen ist weit verbreitet ...

Möller: ... und genau das konnten mein Kollege Toni Ihme und ich widerlegen. Wir wollten zunächst wissen, welche Stereotype die Studenten von sich selbst im Kopf haben. Das haben wir mit dem verglichen, was andere über sie denken. Beide Stereotype deckten sich: Angehende Lehrer sind ganz nett, man geht gerne mal ein Bier mit ihnen trinken, aber wenn es um intellektuellen Austausch geht, kommt nicht viel, sind sie weniger zu gebrauchen als die Studenten aus den Hauptfächern. Das Verheerende daran: Solche Stereotype haben negativen Einfluss auf die Leistung der Studierenden.

ZEIT: Wie konnten Sie das nachweisen?

Möller: Wir ließen 134 angehende Gymnasiallehrer einen Intelligenztest machen. Dabei haben wir mit einem Trick gearbeitet. Eine Hälfte der Lehramtsstudierenden haben wir vorher bedroht.

ZEIT: Sie haben Ihre Studenten bedroht?

Möller: Im wissenschaftlichen Sinne: Man nennt das "stereotype Bedrohung". Wir haben ihnen gesagt, dass es in dem Test darum geht, die Intelligenz von Studierenden verschiedener Fächer miteinander zu vergleichen – und damit ganz klar die gängigen Stereotype wachgerufen. Diese "bedrohte" Gruppe schnitt um 7,5 IQ-Punkte schlechter ab. Das ist ein mittelstarker Effekt, der uns selbst überrascht hat.

ZEIT: Woran lag das?

Möller: Sobald die Studenten anfangen zu überlegen, ob sie selbst dem Stereotyp entsprechen, machen sie sich Sorgen um das eigene Abschneiden. Dadurch sind sie im Test abgelenkt und weniger leistungsfähig.

ZEIT: Dümmer sind sie aber nicht?

Möller: Nein, mehrere Untersuchungen zeigen, dass Studierende des Gymnasiallehramts und Hauptfachstudierende gleich intelligent sind. Eine Studie von Kollegen aus Tübingen und Kiel kam zu dem Schluss, dass der Unterschied nicht zwischen Lehramt oder Hauptfach liegt, sondern zwischen den Fachrichtungen. Mathematiker und Naturwissenschaftler sind schlauer als Geisteswissenschaftler.

ZEIT: Was ist mit dem Vorurteil, Lehramtsstudenten zeigten schon durch ihre Studienwahl, dass es ihnen vor allem um Sicherheit gehe? Sind sie feige?

Möller: Es stimmt, berufliche Sicherheit ist angehenden Lehrern wichtiger als Karriere. Das heißt aber nicht, dass sie feiger sind, sie haben einfach andere Interessen, gehen ihrer pädagogischen Neigung nach, denken weniger investigativ. Das passt oft sehr genau zum späteren Berufswunsch.

ZEIT: Allein mit Ihrer Studie werden die Vorurteile gegenüber angehenden Lehrern nicht verschwinden. Was lässt sich dagegen tun?

Möller: Die Studenten sollten sich klarmachen, dass sie mehr Generalist als Spezialist sind. Sie studieren drei Fächer und nicht nur eins wie der Kommilitone aus dem Hauptfach. Aber auch die Professoren und Dozenten müssen für die Botschaft sorgen, dass Lehramtsstudierende keine Negativselektion sind. Nett sein heißt nicht automatisch blöd sein.