Man kann die Effekte der neuen Medienmacht erkennen, wenn man ein paar Szenen und Geschichten, ein paar Bilder und Berichte aus dem täglichen Strom der Nachrichten herausgreift und für einen Moment innehält. Ganz so, als würde man einen gerade noch hektisch zuckenden Film anhalten, um das Gezeigte erst wirklich zu sehen und zu begreifen. Was ist eigentlich passiert?

Die erste Szene, das erste Bild: Da ist der Grünen-Politiker Cem Özdemir auf seinem Balkon in Berlin-Kreuzberg, neben ihm eine Hanfpflanze, vielleicht eine dusselige Achtlosigkeit, vermutlich jedoch ein bewusst gesetztes, dann aber außer Kontrolle geratenes Signal, verdruckste Schleichwerbung für die Legalisierung von Cannabis. Die Videokamera läuft. Gleich wird er sich einen Kübel mit Eiswasser (Ice Bucket Challenge) über den Kopf schütten, dann alles online stellen. Im Netz kommt eine Debatte auf: Was ist das überhaupt für ein Gewächs? Eine Zeitung forscht nach, Özdemir ist geständig. Die Medien melden: "Verdacht auf Anbau von Betäubungsmitteln". Vor Kurzem wurde das Ermittlungsverfahren eingestellt.

Die zweite Szene, das zweite Bild: Da ist Sigmar Gabriel, der Vizekanzler, der Sebastian Edathy am Abend des 16. November 2013 die folgende SMS schickt: "Gern:))". Edathy hat Gabriel ein paar Minuten zuvor, ebenfalls per SMS, gefragt, ob er an ihn denken würde, sollte mal wieder ein Job zu vergeben sein. Inzwischen hat Edathy jedoch diese und andere Botschaften aus dem Jahre 2013 im stern veröffentlicht. Sie wirken nun anders, seltsam, irgendwie bizarr. Der Doppelsmiley aus der SMS wird heute (Edathy steht im Verdacht, kinderpornografisches Material gekauft zu haben, Gabriel war frühzeitig informiert) als Indiz eines Intrigenspiels mit einem potenziellen Verbrecher interpretiert. Vielleicht trifft das zu; vielleicht handelt es sich aber auch um eine gut gemeinte Nachricht, die einen Menschen stützen soll, der sich in Richtung Abgrund manövriert hat.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 8 vom 19.02.2015.

Die dritte Szene, das dritte Bild: Da ist Sahra Wagenknecht, die Linken-Politikerin. Sie tafelt an einem Sommerabend im Jahre 2010 im Straßburger Restaurant Aux Armes. Es gibt jede Menge Hummer. Linken-Chef Lothar Bisky ist auch da, ebenso die Europaabgeordnete Feleknas Uca, die ein paar Fotos mit ihrer Kamera macht. Am nächsten Tag kommt eine Mitarbeiterin von Sahra Wagenknecht bei Feleknas Uca vorbei und leiht sich unter einem Vorwand die Kamera. Wagenknecht löscht eigenhändig alle Bilder, auf denen sie zu sehen ist. Aber das nutzt nichts, denn Uca ist sauer und dokumentiert die Löschaktion in einer Protokollnotiz. Die Folge ist, dass Medien landesweit über "die schöne Sahra und die Hummer-Affäre" (Süddeutsche Zeitung) berichten. Dies alles schlummert heute in den Archiven. Sollte sich die Politikerin noch einmal einen ähnlichen Patzer leisten, wird die Geschichte erneut auftauchen, als Beweis eines charakterlich bedenklichen Kontrollzwanges.

Offensichtlich ist, dass die einzelnen Politiker hier selbst kräftig in den Affären und Affärchen mitgemischt haben – im Zweifel wollte Cem Özdemir die Provokation, Sebastian Edathy die Rache und Feleknas Uca ein bisschen Ärger. Das alles stimmt. Und doch ist es ein alle Lebenssphären durchdringender medialer Imperativ, ein neuer Typus von Macht, der in diesen drei Bildern – Schlüsselszenen einer Totalausleuchtung der politischen Existenz – offenbar wird. Die elementare Wirkung dieses Imperativs besteht darin, dass die Schonräume der Intransparenz, die Sphären der Unschärfe und der Unbefangenheit verschwinden, weil alle permanent beobachtet, gefilmt oder fotografiert werden, weil alle senden und posten und die Archive der Gegenwart mit frischem Material versorgen. Im Verbund mit den klassischen Medien und einem aktiv gewordenen Publikum entsteht auf diese Weise eine grell überbelichtete Welt, ein monströses, von allen Seiten aus einsehbares Aquarium, in dem kaum noch etwas verborgen bleibt. Die Medienmacht, die in der analogen Sphäre noch ein klar identifizierbares Zentrum besaß, ist plötzlich überall. Sie wandert von der Person und der einzelnen Institution zur Situation. Sie steckt im Smartphone und in der Digitalkamera. Sie offenbart sich in millionenfach geklickten Videos auf YouTube und wird in den Shitstorms sichtbar, die viele Politiker fürchten. Und sie zeigt sich in Form eines hochnervös reagierenden Wirkungsnetzes, das man nur leicht reizen muss, um kaum noch eingrenzbare Erregungsschübe zu erzeugen, Impulsgewitter, die vielleicht in den Sozialen Netzwerken beginnen, sich online in Livetickern fortsetzen, um schließlich in Zeitungen, Radio und Fernsehsendern zu einem Höhepunkt zu gelangen. Das ist, Resultat eines informationstechnisch möglich gewordenen Zusammenspiels der unterschiedlichsten Kräfte, die eigene Macht der Situation. Das ist die besondere Gewalt aus Taktung und Tempo, Frequenz und Vernetzung. Dieser Machttypus braucht keine Kampagnen mehr und keine bösen Absichten (auch wenn es die natürlich noch gibt), sondern es reicht mitunter ein erster, minimaler Impuls, der zündet und plötzlich zum großen Drama explodiert.

Auf einmal ist alles öffentlich

Natürlich, jedes Medium, das in der Geschichte der Menschheit erfunden wurde, hat neuartige Schübe der Sichtbarkeit und Verwundbarkeit produziert. Mit der Welt des Gedruckten, dem Flugblatt, dem Buch und der Zeitung löste sich die Erinnerung von der Person, ließ sich Vergangenes, vielleicht nur flüchtig Dahingesagtes fixieren. Das Foto entriss den Augenblick der Vergänglichkeit, Tonaufnahmen und Radio erlaubten die authentische Reproduktion der einzelnen Äußerung. Film und Fernsehen erzeugten eine paradox schillernde Fernnähe, die ein Gefühl der Vertrautheit mit dem eigentlich Unvertrauten möglich machte: Politiker und Prominente wurden zur besten Sendezeit ins heimische Wohnzimmer gebeamt und wirkten, so der Medientheoretiker Joshua Meyrowitz, mit einem Mal wie persönliche Freunde oder Feinde, über deren Anzüge oder Frisur man debattieren konnte.

Aber bei aller gesellschaftsverändernden Dynamik hat sich doch bislang jedes Medium, gefesselt an das vom Verfall und der Vernichtung bedrohte Material, selbst in seiner Reichweite begrenzt und verschwand irgendwann in Archiven und Bibliotheken. Es gab eine automatische, womöglich manchmal unverdiente Gnade des Vergessens, die eine Verfolgungsjagd blockierte oder einfach versanden ließ. Das ist heute anders. Die digitalen Überall-Medien der Gegenwart schlucken die verschiedenen Einzelmedien, nehmen ihre Eigenschaften der speziellen Dokumentation in sich auf und erzeugen in der Summe eine neue Eskalationsstufe situationsunabhängiger Sichtbarkeit, permanenter, ortloser Präsenz und unabweisbar wirkender Evidenz, die das Spektrum des eigentlich kommunikativ Möglichen, das Freche und Freie, die experimentelle Debatte in einer Atmosphäre ängstlicher Verzagtheit veröden lässt. Auf einmal existiert ein riesenhaftes, frei zugängliches, blitzschnell durchsuchbares Archiv möglicher Fehlleistungen, aus dessen Beständen sich bei Bedarf die Versäumnisse eines politischen Lebens komponieren lassen. Auf einmal ist alles öffentlich: das eigene Stolpern und Stottern, der Tränenausbruch bei einer Pressekonferenz, der Blackout in einer Talkshow, die Hanfpflanze auf dem heimischen Balkon, der Griff zur Hummerzange, die abendliche SMS an einen Verdächtigen, der im Jahr darauf womögliche andere mit in den Abgrund reißen will.

Die unmittelbare, für jeden erkennbare Folge dieser medialen Überbelichtung der Politik besteht darin, dass banale Normverletzungen und echte, gesellschaftlich relevante Enthüllungen permanent bekannt werden. Mal sind es unbeherrschte Gesten, mal blödsinnige Tweets, mal längst gelöscht geglaubte Wutnachrichten auf einer Mailbox, die für Aufsehen sorgen. Das ist im Konkreten nicht einfach nur schlecht, denn natürlich werden im Tremolo der Dauer-Entlarvung auch echte Skandale und wirkliche Sauereien offenbar, von denen die Öffentlichkeit wissen muss. Aber in der Summe verschärft die totale Sichtbarkeit eine ohnehin grassierende Politikverachtung, die sich aus der Tatsache ergibt, dass das Publikum schlicht zu viel Unangenehmes und Bizarres weiß, um einem Politiker noch vertrauen zu können. Was an strategischer Raffinesse und Imagepolitik – von Kommunikations- und Politikberatern in die Welt hinausgeblasen – offenbar wird, erzeugt den Eindruck eines endlosen, von persönlichen Egoismen regierten Machtspiels, bei dem es eigentlich nie um die Sache geht. Was an parteiinternem Streit öffentlich wird, nährt ein Gefühl der Zerrüttung – als würden skrupellose Egomanen, die man zufällig in dieselbe Partei hineingezwungen hat, aufeinander eindreschen oder doch beständig einander auflauern, um den Gegner möglichst effektiv zu vernichten. Was an gelebter Kleingeistigkeit bekannt wird, zementiert das Bild des Absurden und Lächerlichen und zerstört die Aura des Rätselhaften und pathetisch Geheimnisvollen, von dem der Charismatiker lebt.

Was wäre, wenn wir auf YouTube ein verwackeltes Handyvideo sehen könnten, das Willy Brandt zeigt, wie er in einem Hotel in Warschau, dirigiert von einem Imageberater, wieder und wieder den Kniefall probt? Hätte seine Geste noch diese so unendlich traurig scheinende Würde, könnte sie überhaupt noch wirken? Das ist – aus der Sicht des Publikums betrachtet – der Meta-Effekt einer Medienwelt, in der, wie der Soziologe Erving Goffman sagen würde, die Unterscheidung von Vorder- und Hinterbühne kollabiert und jede Schweißperle in Nahaufnahme sichtbar wird: Eigentlich kann man, so die Schlussfolgerung, die ganzen Poser der Politik nicht mehr wirklich ernst nehmen, kann sie nicht mehr bewundern, sondern nur noch als tricksende Normalos wahrnehmen, die man für ihre beschämende Alltäglichkeit, ihre unbeherrschten Gesten und Flunkereien verachten muss.

Für den Politiker selbst bedeutet die Erfahrung permanent drohender Öffentlichkeit eine dramatische Verwandlung des eigenen Lebensgefühls: Aus dem Ideal der informationellen Selbstbestimmung, das die Möglichkeit von Schutz und Rückzug verspricht, wird die Erfahrung der informationellen Verunsicherung. Es entsteht eine Art Big Brother-Gefühl, das von der permanent drohenden Eventualität handelt, dass man gerade jetzt beobachtet und kurz darauf attackiert werden könnte. Was macht der Parteifreund mit seinem Smartphone, sticht er soeben womöglich die Ergebnisse interner Beratungen aus einer laufenden Sitzung an Journalisten durch? Kann man in der Nacht noch an einen Kiosk gehen, um beispielsweise eine Flasche Wodka zu kaufen? Oder muss man dies unterlassen, wie der einstige Hamburger Bürgermeister Ole von Beust in einem Interview gestand, weil ein Leserreporter mit seiner Kamera kommen könnte und dann die Schlagzeile: "Trinkt Ole?" Was heißt es, wenn man weiß, dass jede klare Positionierung und moralische Festlegung, jede aus dem Moment entstandene Rede und jede große Reformerzählung allgemein zugänglich in den Archiven des Netzes schlummert, um eines Tages zu neuem Leben erweckt zu werden? Ganz nach dem Motto des gängigen Entlarvungsspiels: Seht her, das sind doch Widersprüche, Indizien der Inkonsequenz, Beweise, dass hier mal wieder einer oder eine an den selbst gestellten Ansprüchen scheitert!

Die Konsequenz derart unkalkulierbarer Fernwirkungen besteht darin, dass man nicht mehr weiß, auf welcher Bühne man gerade steht und vor welchem Publikum man eigentlich spricht. Es entsteht eine Art "Zwischenbühnen-Verhalten" (Joshua Meyrowitz), das von der Idee geleitet wird, sich situationsübergreifend möglichst unangreifbar zu machen. Die Flucht in die Floskel, eine möglichst blasse Rhetorik, das stete Bemühen, öffentliche Erregung durch glatte Inszenierungen zu vermeiden und die permanente Selbstzensur in Richtung des ohnehin gerade Konsensfähigen erscheinen vor diesem Hintergrund als konsequente Reaktion, als Strategie der smarten Vermeidung von Provokationen. Bloß nicht auffallen! Bloß nicht die Kontrolle verlieren in diesen unkontrollierbaren Zeiten, niemals Privates preisgeben, das über brave Belanglosigkeiten hinausginge – so lautet die Devise einer stets vorsichtig und abgemessen formulierenden Angela Merkel, die als Medienkanzlerin der digitalen Moderne in die Geschichtsbücher eingehen könnte. Sie hat verstanden, dass die sprachliche Unauffälligkeit und das programmatisch Ungefähre als Schutzhülle funktionieren, an der eine schweifende Erregungsbereitschaft und der lauernde Furor abgleiten. Wer sich kaum festlegt, lässt sich auch nicht festlegen und an den Marterpfahl eigener Ansprüche nageln; er hält sich alle Optionen offen und kann als Medienchamäleon bei Bedarf die Farbe wechseln.

Was sollte man auch sonst tun? Es gab einmal eine erfolgreiche Partei, die ein paar Sommer lang versucht hat, alles anders zu machen, authentische Berührbarkeit in Zeiten der totalen Transparenz zu erproben. Das waren die Piraten, die experimentell nachgewiesen haben, dass man unter solchen Bedingungen äußerer und innerer Überbelichtung sehr rasch verglüht – und wenig mehr übrig bleibt als Erschöpfung, Hass und verzweifelte Desillusionierung. Das heißt, die totale Offenheit kann man niemandem wirklich empfehlen. Sie befördert den eigenen Untergang. Natürlich ist auch der Rückzug aus der Medienwelt keine irgendwie plausible Idee, die man Politikern anraten könnte. Und selbstverständlich wird die Dauer-Veröffentlichung irgendwelcher Fehlleistungen auf kaum zügelbare Weise weitergehen, werden wir morgen schon von einem skandalösen Facebook-Posting oder einer lächerlichen, missverständlichen Geste und einer neuen "Mittelfinger-Affäre" erfahren, die erneut die öffentliche Erregung munitioniert.

Es sind die Medienmacher und das Publikum selbst, die in dieser Situation ihre Maßstäbe zur Beurteilung des politischen Personals überdenken müssen. Sie müssen lernen, mit Normalsterblichen zu leben, die Schwächen haben, eitel sind und manchmal erschöpft, übellaunig und unbeherrscht und deren Frisur, Vorleben oder Gesamtpersönlichkeit einem nicht notwendig gefällt. Perfektionsideale und infantile Ursehnsüchte nach Heiligen und Lichtgestalten sind ein robustes Indiz dafür, dass man die aktuelle Medienwirklichkeit nicht begriffen und das vielschichtige, moralisch schillernde Wesen des Menschen nicht verstanden hat. Wer seine Maßstäbe ins Übermenschliche dehnt, kann in der gegenwärtigen Situation zwar permanent weitere Kandidaten auf die öffentliche Streckbank legen, ruiniert aber nebenbei den Berufsstand, weil eine politische Karriere zum endgültig unwägbaren Risikospiel wird, von dem man jedem, der irgendwie bei Verstand ist, dringend abraten muss. Was also tun? Die neue Medienmacht verlangt eine neue Toleranz und die Einsicht, dass Stilfehler alltäglich, unvermeidlich und damit normal werden, wenn die Kontexte verschwimmen. Den Typus des Angstpolitikers, der nur vorsichtig abtastet, was gerade Mode ist, um dann auf der momentan aktuellen Meinungswelle zu surfen, kann niemand wollen.