Das Erste, was Orhan Pamuk zeigt, ist der Blick, den er von seinem Schreibtisch aus hat. Über eine Moschee schaut man auf den Bosporus, der so rau ist, dass nicht ein Dampfer zu sehen ist. Es ist ein warmer, windiger Wintertag, der Himmel hockt wie graue Watte über dem Wasser. Pamuk serviert Tee und Kaffee, und während er die Besucher trinken lässt, greift er zu seiner Digitalkamera und knipst: sich im Vordergrund und die Besucher im Hintergrund. Machen Sie immer solche Fotos, Herr Pamuk? Ja, sagt er, seit zehn Jahren, das sei wie Tagebuchführen. Im Grunde habe er das Selfie erfunden.

Dann führt er in einen Nebenraum, die Rollos sind heruntergelassen, so könne man sich besser konzentrieren. Auf dem Tisch liegt sein Buch "Schnee", nach dessen Veröffentlichung er 2006 den Literaturnobelpreis erhielt. Es handelt vom Dichter Ka, der nach zwölf Jahren in Frankfurt zurück in die Türkei fährt, in eine anatolische Kleinstadt, in der sich ein großes Schauspiel entfaltet: Alle politischen Kräfte der Türkei bekämpfen sich und versuchen Ka, den Fremden aus dem Westen, auf ihre Seite zu ziehen.

Es ist lange her, dass Orhan Pamuk ein politisches Interview gegeben hat. In diesem Gespräch soll der Roman "Schnee" der Ausgangspunkt für eine Zeitdiagnostik sein, denn in "Schnee", diesem Panoptikum des türkischen Alltags und der türkischen Politik, sagt er viel voraus, was heute nicht nur sein Land, sondern die ganze Welt beschäftigt. Pamuk wollte nie ein politischer Schriftsteller sein, ist aber immer so wahrgenommen worden. Er achtet darauf, dass seine Äußerungen niemanden zu sehr provozieren, er ist darin erprobt, und doch strengt diese Vorsicht an. Am Ende des Gesprächs werden es ihm zu viele politische Fragen gewesen sein, aber es war an der Zeit. Der Ärger, der sich angesammelt hatte, musste raus. Jetzt fühle er sich relaxed, Katharsis!

DIE ZEIT: Herr Pamuk, vor Kurzem warfen Ihnen regierungsnahe türkische Journalisten vor, Teil einer internationalen Literaturlobby zu sein, die einzig dazu da sei, die Regierung zu attackieren. Stört Sie so etwas eigentlich noch?

Orhan Pamuk: Das raubt mir nicht mehr den Schlaf. Ich bin ein älterer Mann und habe das Leben genossen. Aber natürlich sehe ich, dass solche Sachen zu einer Atmosphäre der Angst beitragen, die sich in meinem Land ausbreitet.

ZEIT: Was ist das für eine Angst?

Pamuk: Ich kenne viele Leute, die tief besorgt sind, weil die Meinungsfreiheit nicht mehr viel zählt in der Türkei. Ich nenne Ihnen ein Beispiel: Eine bekannte Fernsehmoderatorin schrieb auf Twitter, Fakten eines Korruptionsskandals würden verschleiert, in den Leute aus der Regierungspartei verwickelt seien. Kurz darauf kam die Polizei zu ihr und durchsuchte ihre Wohnung. Wegen eines Tweets!

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 8 vom 19.02.2015.

ZEIT: Hat Präsident Recep Erdoğan Angst vor kritischen Journalisten?

Pamuk: Er hat keine Angst, er will nur mehr Macht. Wir haben in der Türkei keine liberale Demokratie im westlichen Sinne. Wir haben eine populistische, intolerante Demokratie, die ich Wahl-Demokratie nenne: Wir Bürger dürfen wählen, ansonsten aber sollen wir gefälligst tun, was die Regierung für richtig hält. Deshalb müssen wir auch immer fünfzigmal darüber nachdenken, wenn wir etwas sagen (lacht).