Aufbruch der Freiheit, Revolution der Würde: so schöne Hoffnungen. Solch ein mitreißender, erhebender Anblick. So viel Größe. Und heute? Alles verweht.

Kritik zu äußern ist wieder lebensgefährlich. Die Oppositionellen von einst sind Karrieristen geworden. Andere haben resigniert, wurden verfemt, liegen im Grab. Und gegen die Bewohner jener Gebiete, die sich den neuen Herren widersetzen, tobt ein Ausrottungskrieg.

Dafür also haben die Revolutionäre ihr Leben gelassen? War es das wert?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 8 vom 19.02.2015.

Gemeint ist nicht die arabische von 2011, auch nicht die ukrainische von 2014, sondern die Französische Revolution von 1789. Diese "Morgenröte der Menschheit" (Kant), dieser "herrliche Sonnenaufgang" (Hegel), sie war eine der schauderhaftesten ihrer Art. Manche Bürger trugen Bilder der Guillotine am Revers, oder auch konservierte Stücke der Herzen Hingerichteter. Im Westen, in der Vendée, schlug die Zentralregierung einen Volksaufstand nieder und nahm dann fürchterlich Rache. "Die Vendée muss ein nationaler Friedhof werden", proklamierte einer der Revolutionsgeneräle. Über 100.000 Menschen wurden niedergesäbelt oder in der Loire ersäuft, bis die sich rot färbte, rot wie der Sonnenaufgang.

Und wie sieht die Bilanz der jüngsten Revolution aus, der ukrainischen?

Sie brach vor rund einem Jahr aus, als der korrupte Autokrat Janukowitsch nur noch eine einzige Chance sah, sich gegen den anschwellenden Protest zu wehren: Abkehr von der EU, Hinwendung zu Russland. Vor die Wahl gestellt, für ihre Hoffnungen zu kämpfen oder zu verzweifeln, entschied sich die Opposition für den Kampf. Trotz der Panzerwagen, trotz der Scharfschützen. Heldentage. In den Kiewer Straßen starben an die hundert Menschen, bis Polizei und Innenministerium auf die Seite der Regimegegner wechselten, die alte Herrschaft zerfiel und der Machthaber flüchtete.

Doch damit waren die Ereignisse nicht abgeschlossen. Heute herrscht Krieg in der Ukraine. Ganze Ortschaften sind zerstört, anderswo hausen die Menschen in den Kellern, fast 6.000 mussten schon ihr Leben lassen. Womöglich weitet sich der Krieg sogar zu einem kontinentalen Großbrand aus.

Noch einmal gefragt: War es das wert?

Man könnte jedes Mal kalkulieren. Die Opfer einer Revolution mit jenen abwägen, die auf das Konto des gestürzten Regimes gehen. Gewaltereignis gegen Gewaltzustand. Man könnte auch so zu rechnen beginnen: Die Zahl der Hungertoten unter dem Ancien Régime Frankreichs belief sich auf rund zwei Millionen, und das bei einem 20-Millionen-Volk. Schlimmer konnte es nicht mehr kommen.

Wir könnten auch die Zeit revolutionärer Gesetzlosigkeit gegen die ins Unendliche gestreckte Zeit aufrechnen, wie sie die jahrelang Eingekerkerten und Gefolterten vor einer Revolution durchlebten. Die Entfesselung der Gewalt auf der Straße gegen die Entfesselung der Gewalt im Keller.

Aber die Frage ist falsch gestellt. Nicht nur, weil solche Arithmetik unanständig ist. Sondern auch aus einem sachlichen Grund: Revolutionen werden nicht erwogen, sie ereignen sich.

Wohl sind sie eine Sache revolutionären Willens. Indes sind die Wollenden, die Revolutionäre, ob sie nun Danton oder Guevara, Wałesa oder Klitschko heißen, nur ein Aspekt des Ereignisses, das sie zu beherrschen meinen. In Wahrheit beherrscht es sie. Es trägt sie, bis es sie schließlich hinter sich lässt. Oder sie unter sich begräbt.

Das revolutionäre Drehbuch beginnt mit Wünschen, Idealen, Illusionen. Mit dem Glauben an das Gute. Der Realismus hingegen ist auf der Seite des Bestehenden. Die Mehrheit auch. Doch irgendwann vertauschen sich die Vorzeichen: Die Veränderer erweitern ihre Koalition, das Lager der Beharrenden lichtet sich. Nun sind die Träumer die Realisten geworden, und wenn die Herrschenden dann noch der Wahnvorstellung anhängen, alles könne bleiben, wie es war, dann ist es um sie geschehen. Sie werden gestürzt. Und nicht etwa höflich zum Ausgang gebeten. Eine Detonation ist umso gewaltsamer, je enger das Gefäß ist, das sie zerbricht – alter Lehrsatz der Sprengtechnik.

So viel zu der Überlegung, Despotien hätten wenigstens das eine für sich, dass sie Stabilität erzeugten. Das ist unter Diplomaten und Strategen auch dieser Tage wieder zu hören, und es ist ja auch verständlich, blicken wir auf die Brände in Europas Nachbarschaft. Aber in Wahrheit münden Diktaturen in Gewaltausbrüche. Gestern Gaddafi, heute Assad, morgen die saudischen Potentaten: nach ihnen die Sintflut. Je ruchloser der Herr, desto grausamer der Sklave, schrieb Chateaubriand, Zeitgenosse der Französischen Revolution; er legte im Übrigen Zeugnis davon ab, dass öffentliches Halsabschneiden europäische Tradition ist.