Die Krise schleicht sich in die Stadt. Natürlich ist Moskau in diesen dunklen Wintertagen wie immer hell erleuchtet. Doch bei genauem Hinsehen fallen die Anzeichen für Probleme auf. Wer die Straßen und Geschäfte in seiner Moskauer Gegend kennt, bemerkt ständig kleine Veränderungen. Am Prospekt Mira, einer Hauptstraße im Norden des Zentrums, erlöschen die Ladenschilder. Jede Woche gibt es ein Geschäft weniger. Der Möbelverkäufer hat dichtgemacht. Die private Arztpraxis ist geschlossen. Das Reisebüro hat die Türen verrammelt, das Restaurant gegenüber auch.

Es sind keine Einzelfälle: Auf Avito, einer bei Kleinunternehmern beliebten russischen Serviceplattform, standen im Jahr 2013 noch 4.687 Moskauer Betriebe zum Verkauf. Im Jahr 2014 waren es 35.626. Die Besitzer kapitulieren vor dem sinkenden Rubelkurs, den steigenden Mieten und der sinkenden Nachfrage. Im vergangenen Herbst waren die Moskauer noch im Kaufrausch, um den schnell an Wert verlierenden Rubel loszuwerden. Jetzt kaufen viele nur das Nötigste ein. Andere sitzen stundenlang bei einem Kaffee in einer Filiale der Schokoladniza, einer Cafékette. Die Zeitungen liegen dort kostenlos aus. Ein Lebensstil kehrt zurück, den viele mit den schwierigen neunziger Jahren verbinden: der des Spar-Moskauers.

Die staatlichen Medien haben für die Krise eine simple Erklärung: Die Sanktionen des Westens gegen Russland sind schuld. "Amerika und seine europäischen Vasallen versuchen, Russland wirtschaftlich in die Knie zu zwingen", lautet die Analyse im Abendprogramm auf dem Staatssender Rossija 1. Auch in Deutschland wird oft betont, dass die Sanktionen wirken und der Westen zumindest auf dem ökonomischen Schlachtfeld der eindeutige Sieger sei. Stimmt das? Eine Antwort auf diese Frage ist nicht nur wichtig wegen der Auswirkungen, die die Sanktionen auf Unternehmensbilanzen hatten im vergangenen Jahr. Sie ist auch wichtig angesichts der Diskussion um ihre Verlängerung oder sogar Verschärfung. Das gilt sowohl für Russland als auch für Deutschland.

Abhängig vom Ölpreis

Unabhängige Ökonomen widersprechen der Analyse von Rossija 1, wonach vor allem der Westen schuld sei an Russlands Misere. "Russland wäre auch ohne Sanktionen von ganz allein in die Krise gegangen", sagt etwa Igor Nikolajew, Direktor des Instituts für strategische Analyse und Professor an der Moskauer Hochschule für Wirtschaft. Tatsächlich schrumpft das russische Wirtschaftswachstum seit Jahren: von 4,5 Prozent 2010 auf 0,24 Prozent im Jahr 2014. Für das laufende Jahr erwartet die Regierung sogar einen Einbruch um drei Prozent. Nikolajew hält das für eine Schönwetterprognose. "Wir glauben, dass der Rückschlag viel stärker ausfällt."

Die eigentliche Ursache der Krise sieht der Ökonom in ausgebliebenen Strukturreformen. Obwohl Ex-Präsident Dmitri Medwedjew bis 2011 immer wieder davon gesprochen habe, seien Reformen von der Regierung "verweigert" worden. Dafür habe sie kontraproduktive Gesetze auf den Weg gebracht, etwa die Pensionsreform, die Putins ältere Wähler auf Kosten der Jüngeren bediene. Die Wirtschaft leide zudem unter zu hohen Steuern und massiver Korruption in den Behörden. Auch deshalb sei es Russland nicht gelungen, sich von den Einnahmen aus dem Energiegeschäft unabhängiger zu machen. "In den neunziger Jahren hatten wir als Folge des niedrigen Ölpreises eine unvermeidliche Krise", so Nikolajew. "Aber diese neue Krise war absolut vermeidlich."

Haben die Sanktionen also keine Wirkung? "Doch", sagt Nikolajew. "Sie lasten nun zusätzlich auf der Wirtschaft in der Strukturkrise." Die Finanzsanktionen hätten den Zugang zu den internationalen Kreditmärkten begrenzt, was den Rubelkurs weiter sinken lasse und die Industrie belaste. Dazu komme der Verfall des Ölpreises. Mindestens 52 Prozent des Staatshaushalts kämen aus der Öl- und Gasindustrie. "Russlands Wirtschaft wäre auch ohne Embargos und Ölpreisverfall geschrumpft", sagt Nikolajew, "aber mit Sanktionen und niedrigen Energiepreisen wird es schwer, wieder aus der Krise zu finden."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 8 vom 19.02.2015.

Ähnlich sieht es auch Vasily Astrov vom Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche. Den Effekt der Sanktionen schätzt der Ökonom aber deutlich geringer ein als den des Ölpreises: "Dass es nun so aussieht, als brauchte der Westen nur Sanktionen zu erlassen, und kurz darauf schlittert Russland in eine Rezession, ist vor allem dem Timing geschuldet." Das macht es für den Westen zwar einfach, sich als ökonomischer Sieger zu fühlen. Seinem eigentlichen Ziel, Druck auf Putin auszuüben, damit dieser in der Ukrainekrise kompromissbereiter wird, könnte es aber sogar schaden.

Putin nämlich kreidet die Folgen seiner wirtschaftspolitischen Versäumnisse nun allein dem Westen an – zu Unrecht, aber mit Erfolg. Es ist ihm gelungen, seine Popularität mit dem Großmachtauftritt Russlands in der Welt zu verbinden, was ihm Zustimmungsraten von jüngst 85 Prozent beschert. Für die Wirtschaftskrise müssen sich Minister und Beamte rechtfertigen. Der Westen aber wird zunehmend als Gegner gesehen. Laut einer Umfrage des renommierten Lewada-Zentrums Moskau hielten 2005 noch 23 Prozent der Russen Deutschland für ein befreundetes Land, im Mai 2014 waren es nur noch vier Prozent.

Und was bedeutet das alles für deutsche Unternehmen? Die Auswirkungen seien überschaubar, hieß es oftmals zu Beginn der Krise, gingen doch 2013 gerade einmal 3,3 Prozent der deutschen Exporte nach Russland. Diese sind 2014 laut Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft um 18 Prozent geschrumpft. Das ist aber nur die halbe Wahrheit.