Sein Erweckungserlebnis war purer Zufall. Eines Tages beobachtete Ronald Melzack, wie in einem Laborkeller der McGill-Universität im kanadischen Montreal einige Scottish Terrier aus ihren Käfigen freigelassen wurden. Die Hunde waren gut gefüttert und versorgt, aber isoliert aufgewachsen. Ihnen fehlten die Alltagserfahrungen normaler Tiere. Melzacks Doktorvater, der berühmte Psychologe Donald Hebb, wollte ihr Verhalten studieren, und Melzack machte eine merkwürdige Beobachtung: Als die Terrier neugierig den engen Raum erkundeten, stießen sie ihre Köpfe immer wieder gegen frei liegende Rohrleitungen. Doch statt zu winseln, gaben sie keinen Laut von sich – ganz so, als spürten sie keinen Schmerz.

Neugierig entzündete Melzack ein Streichholz und ließ einen Terrier daran schnuppern. Der zuckte reflexartig zurück – doch nur, um danach wieder und wieder seine Nase an der Flamme anzusengen. Offenbar erregte ihn dieser ungewohnte Reiz so sehr, dass er sich auch von der unangenehmsten Empfindung nicht abschrecken ließ. Möglicherweise – schoss es Melzack durch den Kopf – haben die Hunde in ihrer reizarmen Umgebung einfach nicht gelernt, das Warnsignal des Schmerzes angemessen zu interpretieren. In diesem Moment beschloss der angehende Doktorand, dem Phänomen Schmerz auf den Grund zu gehen.

Dabei galt das Schmerzproblem schon als gelöst, als der Psychologe um 1950 seine Beobachtung mit den Hunden machte. Die Mediziner kannten eine Reihe wirksamer Schmerzmittel und konnten selbst stärkste Krebsschmerzen mit Opioiden lindern. Allerdings gab es noch immer einige Schwierigkeiten: Manche Patienten litten aus unerfindlichen Gründen dauerhaft unter Schmerzen, trotz der Verschreibung stärkster Präparate. Andere klagten über Schmerzen, obwohl die ursprünglichen Verletzungen längst verheilt waren. Selbst amputierte Gliedmaßen schienen manchmal fürchterlich wehzutun. Zugleich stellten die Mediziner irritiert fest, dass Menschen auf vergleichbare Reize sehr unterschiedlich reagierten – wo die einen kaum etwas spürten, schrien andere vor Pein.

Schmerzen: Wie sehr leiden Sie? Schreiben Sie uns

Melzack war rasch klar: Das übliche Modell vom Schmerz stimmt nicht. Die damals vorherrschende Vorstellung ging im Wesentlichen auf jenes mechanistische Konzept zurück, das der französische Philosoph René Descartes schon 1632 formuliert hatte: Wenn irgendwo am oder im Körper etwas zwackt, leiten Nerven dieses Störsignal über das Rückenmark bis in das Gehirn weiter, wo dann der Alarm "Schmerz" ausgelöst wird. Das schien so simpel und überzeugend, dass kaum jemand daran zweifelte. Es dauerte 333 Jahre, bis Melzack und sein Kollege, der exzentrische britische Physiologe Patrick Wall, es wagten, Descartes zu korrigieren.

Vor fünfzig Jahren, im November 1965, veröffentlichten Melzack und Wall einen bahnbrechenden Artikel im Fachblatt Science, in dem sie erstmals ihre neue Theorie skizzierten: Derzufolge leitet das zentrale Nervensystem nicht einfach nur Schmerzen weiter, sondern beeinflusst und modifiziert diese zugleich. Mit anderen Worten: Der Weg des Schmerzes ist keine Einbahnstraße, es gibt auch eine Gegenfahrbahn.

Als entscheidende Schaltstelle entpuppte sich dabei das sogenannte Hinterhorn. Hier, im Rückenmark, wo jeweils zwischen den Wirbeln die Nerven eintreten, werden nämlich alle einlaufenden Nervensignale inklusive Schmerzreizen verarbeitet. Je nachdem, über welche Nerven die Reize eintreffen, werden die Signale gehemmt oder verstärkt weitergeleitet. Im Rückenmark öffnet oder schließt sich gleichsam für die Schmerzsignale ein Schleusentor, weswegen die Forscher auch von der Gate-Control-Theorie sprachen. Melzack und Wall hatten im wahrsten Sinne das Tor zu einem neuen Schmerzverständnis aufgestoßen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 8 vom 19.02.2015.

Wie so oft in der Geschichte der Wissenschaft war die erste Ideenskizze vom November 1965 noch fehlerhaft. Doch ihr Grundgedanke war zutreffend. Später korrigierten und verfeinerten die beiden Forscher ihre Theorie. Sie beschrieben genau, wie das Gehirn über einen Rückenkanal Stärke und Empfindung des Schmerzes reguliert, und machten damit deutlich: Der menschliche Körper bewertet nicht nur Schmerzreize; er verfügt auch über eine eingebaute Schmerzbremse, die maßgeblich aus dem Gehirn gesteuert wird.

Im Endeffekt bedeutete Melzacks und Walls Konzept nichts anderes, als dass die Empfindung des Schmerzes von Persönlichkeit, individuellen Erfahrungen, Emotionen, gesellschaftlichen und kulturellen Einflüssen bestimmt und geformt wird. Und dabei handelt es sich nicht bloß um eine Wahrnehmungsänderung oder eine Art Selbstbetrug. Vielmehr geht es um handfeste, naturwissenschaftlich messbare Modifikationen der schmerzhaften Nervenimpulse durch die Psyche. Dass etwa die Hunde in Donald Hebbs Labor unerfahren und aufgeregt waren, dämpfte ihr Schmerzsystem extrem.