Als Charlotte beschließt, sich bei U25 zu engagieren, ist ihre Mutter ein Jahr tot. Es war ein langer Krebstod. Er forderte die fünf Kinder, er belastete die Familie. Der Vater war bereits seit vielen Jahren an multipler Sklerose erkrankt und saß im Rollstuhl. Charlotte sagt, mit den Krankheiten der Eltern und dem Tod der Mutter sei ihre Welt zusammengebrochen. Sie habe sich nach Menschen gesehnt, bei denen sie "kein Bild von Stärke aufrecht halten muss".

Als Charlotte den Freunden erzählt, sie kümmere sich jetzt ehrenamtlich um selbstmordgefährdete Jugendliche, schüttelten die nur den Kopf. Warum tust du dir das auch noch an? Es klang wie: Hast du es nicht eh schon schwer genug? Aber was die Freunde wohl wirklich meinten, war: Haben wir es nicht schon schwer genug mit dir? "Mit Trauer ist man in unserer Gesellschaft sehr alleine", sagt Charlotte. "Deshalb bin ich gerne Klagemauer für andere."

Fritz ist der jüngste von drei Söhnen eines Zahnarztes und einer Ergotherapeutin. Ernste Art, gerader Scheitel, helles Gesicht. Ein bisschen sieht er aus wie eine dieser blonden Kinderbuchfiguren von Astrid Lindgren. Wie einer dieser Jungen aus den Geschichten, in denen die Welt in all ihrer Unordnung dennoch geordnet ist.

Als Fritz aufwuchs, hatten seine zwei älteren Brüder schon viel gemacht, was auch er machen wollte. Fritz musste suchen, um seinen eigenen Platz zu finden. Die Brüder gingen für ein Austauschjahr in die USA. Fritz ging nach Istanbul. Als er im vergangenen Sommer von dort zurückgekommen sei, habe er etwas machen wollen, was seiner Freizeit Bedeutung gebe, sagt er. Bei einem, der weniger ernsthaft wirkte als Fritz, klänge dieser Satz hölzern. "Das ist bei uns in der Familie so. Man übernimmt Verantwortung."

Karla hat im vergangenen Jahr einige Krisen erlebt. Die Tante an Krebs erkrankt, die Beziehung zu ihrem Freund zerbrochen. Plötzlich war da eine unbestimmte Verlustangst, die jugendliche Selbstsicherheit angekratzt. Karla, die immer ein wenig wuselig ist, schnell mit dem Kopf, schnell mit Worten, fühlte sich plötzlich ohnmächtig. Dann machte sie eine Verhaltenstherapie. Die Angst ging nicht weg. "Aber ich habe sie im Griff", sagt Karla.

Sie alle drei möchten gerne mit anderen Namen genannt werden. Gleich also muss man vom Misstrauen erzählen, das sie umgibt, sobald es um ihr Ehrenamt geht. Bloß nicht im Helfersyndrom-Kitsch landen. Oder, schlimmer noch: den Eindruck erwecken, selber psychisch nicht ganz auf der Höhe zu sein. Oder, vielleicht am schlimmsten: zu wirken wie ein gelangweilter Teenager auf Sinnsuche.

Besser ist es, in der gleichen Anonymität zu verschwinden, die sie bei der Ausübung ihres Ehrenamts auch ihren Mail-Partnern zusichern. Nur in der Distanz können sie sichergehen, dass er sie nicht mit sich zieht. Aber wie soll das gehen, sich nicht mitziehen zu lassen? Und was bringt junge Menschen dazu, ihre Freizeit dafür zu opfern, Gleichaltrige zurück ins Leben zu ziehen?

Karla. Fritz. Charlotte. So sollen die drei also heißen, die das seit einigen Monaten ehrenamtlich tun. Karla ist mit ihren 24 Jahren die älteste von ihnen. Charlotte ist 20, Fritz ist 18 Jahre alt. Sie wohnen in Hamburg oder im Hamburger Umland. Sie sind drei von inzwischen annähernd hundert Schülern und Studierenden, die sich als "Peer-Berater" für das Suizidpräventionsprojekt U25 engagieren. Karla studiert Behindertenpädagogik, Schwerpunkt Gebärdensprache. Gerade hat sie ihre Bachelorarbeit geschrieben. Sie musste einen Text über Picasso in Gebärdensprache übersetzen. Fritz geht noch zur Schule und möchte Psychologe werden. Charlotte wusste zuerst nicht, was sie nach dem Abitur machen wollte, vor Kurzem hat sie angefangen, Medizin zu studieren.

Alle drei helfen in ihrer Freizeit Jugendlichen, die sich umbringen wollen oder die zumindest im Gedanken an den Suizid so viel Trost finden, dass sie an das Leben immer noch eine Spanne anhängen. Manchmal ist es die entscheidende Spanne, die den Unterschied macht zwischen gehen und bleiben.

Dann schreiben sie verzweifelte E-Mails an U25. Über lieblose Mütter und abwesende Väter – oder umgekehrt. Über Eltern, die zu viel fordern, manchmal so viel, dass das Kind nicht mehr glaubt, genügen zu können, und sich als Last für die anderen empfindet. Manche sind noch halbe Kinder, aber haben schon zerstörerische Liebesbeziehungen und Abtreibungen hinter sich. Einige sind drogenabhängig, haben Narben vom Ritzen, von Anorexie geschwächte Körper, ihr Selbstwertgefühl ist an bulemischen Kotzanfällen zugrunde gegangen. Viele leiden unter dem Borderline-Syndrom, einer schweren Persönlichkeitsstörung, torkeln haltlos durchs Leben.

Diese Jugendlichen kommen aus allen Gesellschaftsschichten, doch etwas eint sie: Sie fühlen sich von der Welt verlassen.