Die reichsten Deutschen sind die Albrechts. Theo Albrecht junior und seine Familie kontrollieren über eine Stiftung die Supermärkte von Aldi Nord. Ihr Gesamtvermögen: 16 Milliarden Euro. Das behauptet das US-Magazin Forbes.

Die reichsten Deutschen sind die Porsches. Wolfgang Porsche und seiner Familie gehört ein großer Teil des VW-Konzerns. Ihr Gesamtvermögen: 24 Milliarden Euro. Das behauptet die Zeitschrift Bilanz.

Die reichsten Deutschen sind die Quandts. Johanna Quandt und ihre Familie halten große Anteile an BMW, Altana und SGL Carbon. Ihr Gesamtvermögen: 31 Milliarden Euro. Das behauptet das manager magazin.

Was wohl richtig ist? Verfügt Deutschlands ökonomische first family über 16, 24 oder 31 Milliarden Euro? Die Summe dürfte in jedem Fall so groß sein, dass es auf ein paar Milliarden Peanuts mehr oder weniger eigentlich nicht ankäme.

Doch zwei Wissenschaftler vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) haben sich die Forbes-Liste geschnappt, um mit ihrer Hilfe die Vermögensverteilung in Deutschland neu zu berechnen. Mit einem erstaunlichen Forbes-Ergebnis: Plötzlich ist das reichste Prozent dreimal so wohlhabend wie vorher von den Forschern ermittelt. Statt 1,1 Billionen besitzt es bis zu 3,5 Billionen Euro – also 3.500 Milliarden. Ihm gehört nun nicht ein Fünftel des gesamten Privatvermögens in Deutschland, sondern ein Drittel. Demnach wäre die Vermögenskonzentration viel extremer als bisher angenommen und läge auf einem ähnlich hohen Niveau wie in den USA.

Die neuen Zahlen, die Mitte vergangener Woche bekannt wurden, kommen gerade zu der Zeit an die Öffentlichkeit, da die Bundesregierung eine Reform der Erbschaftsteuer vorbereitet. Das Bundesverfassungsgericht hatte bestehende Sonderregeln für Unternehmenserben beanstandet. Sie machen es möglich, riesige Vermögen vollkommen steuerfrei weiterzugeben. In dieser Situation sind die Zahlen Munition für alle, die solche Verschonungsregeln abschaffen wollen oder die fordern, wieder eine Vermögensteuer zu erheben.

Tatsächlich macht die neue Studie vor allem eines deutlich: wie schwierig es ist, den Nebel zu lichten, der den Reichtum umgibt. Es existiert keine amtliche Statistik, kein Register, kein Katasteramt, das alle Besitztümer und ihre Eigentümer erfasst. Nichts dergleichen. Ausgerechnet bei einem der wichtigsten gesellschaftlichen Themen, der Vermögensverteilung, basiert alles Wissen bloß auf Umfragen, Hochrechnungen und Schätzungen.

Bisher werden die Vermögen vor allem so vermessen: Das DIW lässt jedes Jahr rund 25.000 Bundesbürger in 15.000 Haushalten nach allen möglichen Lebensumständen befragen. Seit 2002 kommt alle fünf Jahre ein Block Fragen zum Vermögen dazu. Gefragt wird zum Beispiel: "Wenn Sie heute verkaufen würden, wie viel würden Sie für Wohnung/Haus einschließlich Grundstück erzielen?" Oder: "Wie hoch schätzen Sie den derzeitigen Rückkaufwert Ihrer Lebensversicherung?" Oder: "Wie hoch schätzen Sie den heutigen Vermögenswert Ihres Betriebes?" Viele Leute verweigern auf diese Fragen die Auskunft, beantworten sie nur lückenhaft oder widersprüchlich – und Schwerreiche nehmen an der Untersuchung überhaupt nicht teil. Bei der jüngsten Erhebung, im Jahr 2012, verfügte der reichste Teilnehmer nach eigenen Angaben über ein Vermögen im Wert von 46 Millionen Euro.

Auf der Basis dieser Daten versuchen die DIW-Experten Schlüsse zu ziehen. Etwas vereinfachend dargestellt, geht das so: Wenn 50 der befragten Haushalte ein Vermögen von einer Million Euro angeben, dann entspricht das, auf die Gesamtbevölkerung gerechnet, 190.000 Haushalten. Auf diese Weise ermittelten die Forscher schließlich auch, dass das reichste Prozent aller Haushalte 1,1 Billionen Euro besitzen müsse. Doch ihre Befragung lässt keine Schlüsse darüber zu, wie viele Menschen womöglich noch viel mehr als 46 Millionen Euro auf dem Konto haben. Der Reichtum der Superreichen wird schlicht nicht erfasst und kann damit auch nicht aus den erhobenen Daten abgeleitet werden.

Vor dem gleichen Problem steht die Bundesbank, die im Jahr 2010 eine eigene Befragungsreihe startete. Bei ihr verfügte der reichste Teilnehmer über mehr als 70 Millionen Euro, und ihr zufolge sitzt das reichste 1 Prozent auf Vermögen im Wert von 1,9 Billionen Euro – also fast doppelt so viel wie nach der DIW-Erhebung.

Nun haben die DIW-Forscher versucht, die Lücke zu den Superreichen mithilfe der Milliardärsliste von Forbes zu schließen. Diese Liste führte im Jahr 2012 genau 55 deutsche Milliardäre mit ihren von den Journalisten geschätzten Vermögen auf. Für ihre Berechnungen nahmen die DIW-Experten außerdem an, dass hohe Vermögen nach einem bestimmten Muster verteilt sind, der Pareto-Verteilung. Danach sind Vermögen umso seltener, je größer sie sind. Mithilfe der Forbes-Daten machten die Forscher Annahmen über die genaue Gestalt dieser Verteilung. Sie kombinierten sie schließlich mit der bekannten DIW-Untersuchung und kamen zu dem bereits zitierten Ergebnis, nach dem das reichste Prozent sogar bis zu 3,5 Billionen Euro besitzt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 8 vom 19.02.2015.

Diese Erkenntnis beruhe jedoch "auf einer Vielzahl von Annahmen, die eine hohe Unsicherheit der Schätzergebnisse zur Folge haben", wie die Autoren selbst vermerken. Nicht zuletzt ist die Forbes-Liste alles andere als eine sichere Datenquelle. Wie genau die darin aufgeführten Schätzungen zustande kommen, ist unklar. Als Experten der US-Steuerbehörde einmal die Steuerdaten Verstorbener mit dem Forbes-Ranking abglichen, kamen sie zu dem Ergebnis, dass das Magazin die Vermögen um etwa 50 Prozent überschätzt hatte. Ein Grund war offenbar, dass die Schulden, die jemand hat, für Außenstehende kaum zu erkennen sind. Solche Verbindlichkeiten können aber das Nettovermögen, um das es bei allen hier beschriebenen Untersuchungen geht, erheblich senken. Der Boden, auf dem die neue Studie steht, ist also höchst wackelig.

Das betonen auch die Autoren. "Der Tenor unserer Untersuchung sollte sein, dass wir bessere Datenquellen brauchen", sagt Christian Westermeier vom DIW. "Heute wissen wir eigentlich nur, dass wir nichts wissen." Allein um dies zu ändern, wäre es dem Ökonomen sehr lieb, die Vermögensteuer würde wieder eingeführt. "Ich persönlich meine zwar nicht, dass wir noch mehr Steuern brauchen", sagt Westermeier, "aber man könnte einen Steuersatz von null Prozent festlegen, Hauptsache, dann würden alle Vermögen endlich systematisch erfasst."