Rätselnd steht das junge Pärchen vor den sich küssenden Männern. Aber nicht der Bruderkuss von Leonid Breschnew und Erich Honecker lässt die Touristen grübeln, sondern die Himmelsrichtung: Wo war Ost, wo West? "Da drüben war die DDR." – "Nein, das war der Westteil", hört man sie debattieren. Jeder zeigt in eine andere Richtung.

Dies sind nicht die einzigen Besucher der East Side Gallery, die in Berlin nach den Spuren der geteilten Stadt suchen. An nur drei Stellen finden sie Mauerreste an ihrer authentischen Stelle. In Friedrichshain an der Spree haben die Gäste mit der East Side Gallery auf über einem Kilometer zwar das längste noch erhaltene Mauersegment gefunden – das befindet sich aber nicht an seinem ursprünglichen Ort. Immer wieder stehen Touristen auch auf dem Potsdamer Platz oder am Checkpoint Charly verwirrt auf der doppelten Pflastersteinreihe, die den Verlauf der Mauer durch die Stadt markiert, und fragen: Wo sind die Reste der Mauer?

Das hat sich auch Torsten Dressler gefragt. Der Archäologe ist spezialisiert auf zeitgeschichtliche Ausgrabungen. Zwischen 2007 und 2011 hat er mit seinem Team als erster Wissenschaftler nach den archäologischen Spuren des Sperrwalls gesucht. Denn die Mauer ist zwar weg, aber nicht verschwunden. Ihr Skelett liegt unter der Erde.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 9 vom 26.02.2015.

Wenn Dressler von seiner Arbeit spricht, hört er sich an wie ein Pathologe. Von West nach Ost hätten er und sein Team an der Bernauer Straße einen Schnitt gemacht, dann den Grundriss der 1985 gesprengten Versöhnungskirche freigelegt und schließlich die Erde am Fundament der damaligen Mietshäuser in der Bernauer Straße aufgerissen, um zu zeigen, wie die Stasi Kellerfenster zugemauert hat, um die Flucht aus dem Osten zu verhindern.

Wie an einem Grab stehen die Besucher heute an den sogenannten archäologischen Fenstern der Gedenkstätte Berliner Mauer und schauen mit gesenkten Köpfen durch eine Glasscheibe im Boden auf die Überreste des Todesstreifens: Fußabdrücke der Grenzwächter auf dem Patrouillenweg, Panzersperren, Patronenhülsen, Stacheldraht, Karabiner und Seile der Laufanlage für die Schäferhunde.

Als Dressler anfing zu graben, belächelten Kollegen seine Arbeit. Was das mit Archäologie zu tun habe, sei er von den Architekten der Gedenkstätte gefragt worden. "Zeitgeschichtliche Archäologie hat es extrem schwer, anerkannt zu werden", sagt er. Für ihn sei sie aber besonders spannend, "weil ich im Gegensatz zu meinen Kollegen Zeitzeugenberichte in meiner Arbeit berücksichtigen kann". Eine ausgegrabene Bronzezeitsiedlung reiße doch heute keinen mehr vom Hocker. Erst als er 2011 zum 50. Jahrestag des Mauerbaus die Ergebnisse seiner Arbeit präsentierte, verstummten die Kritiker. Der von ihm erforschte Teil des Grenzstreifens an der Bernauer Straße wurde unter Denkmalschutz gestellt. Damit trug Dressler dazu bei, dass keine weiteren Luxuslofts auf dem geschichtsträchtigen Areal gebaut werden. Heute gilt die Berliner Mauer als weltweit jüngstes archäologisches Denkmal.

Warum hat es zeitgeschichtliche Archäologie in Deutschland so schwer? Lange beschäftigten sich Archäologen vor allem mit Ur- und Frühgeschichte, nur wenn sie fortschrittliche Vertreter ihrer Zunft waren, reichte ihr Forschungsinteresse bis ins Mittelalter oder noch näher an die Gegenwart heran.

Ausgrabungen, die sich mit der Geschichte und Kultur des 20. Jahrhunderts befassen, finden in Europa erst seit gut 25 Jahren statt. Die jüngste deutsche Vergangenheit mit Diktaturen, Verfolgung und Massenvernichtung wurde über lange Jahre kollektiv verdrängt. Ihre Symbole, wie die Berliner Mauer, sollten möglichst schnell aus der Wahrnehmung verschwinden, denn es musste ja "zusammenwachsen, was zusammengehört", wie Willy Brandt sagte. Erst seit dem Beginn der intensiven historischen Aufarbeitung der NS-Zeit von Mitte der achtziger Jahre an und der DDR-Vergangenheit in den neunziger Jahren wird auch in Deutschland vermehrt nach Objekten der jüngsten Geschichte gesucht. 1992 hat sich Europa dann in der Konvention von Valletta darauf geeinigt, auch jüngere Relikte als archäologisches Erbe anzuerkennen.

Vor allem in und um Berlin birgt der Boden aufgrund der jüngsten Geschichte viele Geheimnisse. Das Brandenburgische Landesamt für Denkmalpflege hat keine Probleme mit der Anerkennung von zeitgeschichtlichen Ausgrabungen. "Das öffentliche Interesse an Objekten aus der Nazi- oder DDR-Zeit ist sehr hoch, weil viele ein persönliches Schicksal damit verknüpfen", sagt Dezernatsleiter Thomas Kersting. "Wenn man greifbares Material zeigt, ist das ideal für die Bildung und für unsere Erinnerungskultur."

An Spezialisten für zeitgeschichtliche Objekte fehle es aber auch ihm. Für eine Ausstellung im kommenden November über Hinterlassenschaften der Roten Armee in den brandenburgischen Wäldern im Jahr 1945 musste er erst einmal nach Experten suchen, die sich mit den Münzen, Uhren und dem auf Kyrillisch gravierten Besteck auskennen. Weil die Soldaten schlecht ausgestattet waren, brachten sie teils ihre eigene Ausrüstung mit und ritzten mit einer Schablone den Sowjetstern in ihr Eigentum. Die archäologischen Objekte berichten damit über das bislang unbekannte Leben russischer Soldaten auf deutschem Boden kurz vor Kriegsende.