"Die Armut in der Bundesrepublik Deutschland befindet sich auf einem historischen Höchststand", meldete der Paritätische Wohlfahrtsverband vergangene Woche. Im Jahr 2013 (neuere Zahlen gibt es nicht) seien 12,5 Millionen Bürger arm gewesen. "Noch nie", verkündete Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Verbandes, "war die Armut in Deutschland so hoch." Es ist eine dramatische Botschaft. Aber auch eine dramatisch irreführende.

Denn das, was der Verband verbreitet, zeichnet ein Zerrbild der Wirklichkeit. Nicht ohne Grund kürte eine Gruppe von Experten am Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung dessen Zahlen Anfang dieser Woche zur "Unstatistik des Monats".

Es geht schon damit los, dass die Sache mit dem "historischen" Höchststand geschummelt ist. Auf Nachfrage erklärt eine Sprecherin des Verbandes, gemeint sei "seit der Wiedervereinigung". Nicht einmal das stimmt. Denn der Wohlfahrtsverband stützt sich auf die Armutszahlen des Statistischen Bundesamtes, eigene Erhebungen hat er nicht. Das Bundesamt berechnet diese Zahlen aber erst seit 2005. Der Zeitraum, für den vergleichbare Daten vorliegen, beschränkt sich also auf gerade einmal neun Jahre. "Historisch" kann man das wohl kaum nennen.

Noch wichtiger ist, dass die Armut, so, wie sie hier gemessen wird, wenig mit dem gemein hat, was die meisten Menschen darunter verstehen. Es ist eine Armut, die auch nicht verschwände, wenn der Wohlstand in Deutschland explodieren würde und alle Menschen plötzlich zehnmal so viel Geld hätten. Denn Armut wird hier relativ gemessen: Als armutsgefährdet gilt in dieser Statistik jeder, der weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat. Ob das mittlere Einkommen steigt oder fällt, ob es 3.000 Euro im Monat beträgt oder 10.000 Euro, ist völlig egal – geschaut wird nur, ob jemand deutlich weniger hat.

Diese Definition kann zu absurden Ergebnissen führen, wie sich an Daten des Europäischen Statistikamtes zeigt. Danach hätte die Euro-Krise nämlich vor allem in Deutschland schlimme Spuren hinterlassen. Hier erhöhte sich der Anteil der so gemessenen Armen in der Bevölkerung zwischen 2006 und 2013 um 3,6 Prozentpunkte (auf 16,1 Prozent). Dagegen blieb in den Krisenländern Spanien und Portugal alles unverändert, in Griechenland war der Anstieg zumindest kleiner als in Deutschland (plus 2,6 Prozentpunkte), und in Irland ging der Armenanteil sogar rekordverdächtig stark zurück – von 19 auf 14 Prozent. Warum jammern die Leute in diesen Ländern also?

Die Erklärung ist, dass dort das mittlere Einkommen gesunken ist, in Irland zum Beispiel um vier Prozent. Alle – Arme und Normalverdiener – können sich also weniger leisten. Das zeigt sich aber in der Armutsquote nicht. In Deutschland stieg das mittlere Einkommen dagegen, je nach Statistik um 20 (Statistisches Bundesamt) oder 25 Prozent (Eurostat). Der Wohlstand hat also zu- und nicht abgenommen, und die Armutsschwelle liegt nun entsprechend höher als früher.

Die meisten Menschen denken bei Armut an Pfandflaschensammler, Bettler und Obdachlose. Doch die statistische, relative Armut beginnt bei knapp 900 Euro netto für einen Single, laut Eurostat sogar bei rund 1.000 Euro. Bei einer vierköpfigen Familie entspricht das bis zu 2.450 Euro netto (Kinder werden nicht voll gezählt) – oder fast 3.000 Euro brutto. Auch das gehört zur Wahrheit dieser Statistik.

Es ist ja richtig, auf Benachteiligte hinzuweisen, darauf, dass ein Single in einer Großstadt auch mit 900 Euro netto nur schwer über die Runden kommt, und dass viel zu viele Menschen nicht so vom Wohlstandszuwachs profitieren, wie die Mitte der Gesellschaft – aber zu suggerieren, Not und Elend würden immer größer, ist einfach falsch.

Zu diesem Artikel hat Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbandes, einen Offenen Brief veröffentlicht. Hier eine Erwiderung unseres Autors (der Herrn Schneider außerdem einen persönlichen Brief geschrieben hat):

Sehr geehrter Herr Schneider,

Sie hatten schon bei der Recherche die Möglichkeit, sich zu Wort zu melden. Ich hatte Ihre Pressestelle gebeten, mir die Zahlen zur Verfügung zu stellen, auf die sich Ihre Pressemitteilung stützt. Darin stand unter anderem: "Noch nie war die Armut in Deutschland so hoch." Dazu erhielt ich die Auskunft: gemeint sei "seit der Wiedervereinigung". Das fand ich bemerkenswert, denn in der Pressemitteilung und im Armutsbericht ist nie von dieser Einschränkung die Rede. Ich habe daraufhin um die Zahlen für diesen Zeitraum gebeten. Da hieß es: Auch diese Daten haben wir nicht da. Mir wurde gesagt, nur Sie könnten dazu Auskunft geben und Sie würden mich zurückrufen. Dieser Anruf kam aber nicht. Über Twitter haben Sie inzwischen mitgeteilt, Sie hätten dafür keine Zeit gehabt.

Nach meiner vergeblichen Anfrage bei Ihnen habe ich mich an das Statistische Bundesamt gewandt. Dort hieß es, die Daten aus dem Mikrozensus, auf den Sie sich im Armutsbericht als Quelle berufen, würden erst seit dem Jahr 2005 erhoben und der Paritätische Gesamtverband verwende eben diese Daten. Darauf stützte sich die Feststellung im Artikel, dass vergleichbare Daten nur für einen Zeitraum von neun Jahren vorliegen. Nun erklären Sie, Ihrem Bericht läge in Wahrheit auch ein Vergleich mit ganz anderen Quellen zugrunde. In dem Armutsbericht, der Pressemitteilung und den methodischen Hinweisen habe ich die von Ihnen jetzt erwähnten "Langen Reihen" nicht gefunden.

Sie verweisen heute auf Umfragen des Sozio-ökonomischen Panels, kurz SOEP. Diese Daten widersprechen aber einer zentralen Feststellung Ihres Armutsberichts, nach der es "seit 2006 einen fast ungebrochenen, sehr klaren Aufwärtstrend" bei der Armut gebe. Laut SOEP lag die Armutsquote im Jahr 2006 bei 14,3 Prozent und zuletzt, 2012, bei ebenfalls 14,3 Prozent. Einen klaren Aufwärtstrend kann ich darin beim besten Willen nicht erkennen.

Sie werfen mir vor, methodische Anmerkungen in Ihrer Untersuchung ignoriert zu haben. Es geht in der entsprechenden Passage des Artikels darum, dass die Quote der relativen Armut nichts darüber verrät, wie weit die zugrundeliegenden Einkommen gestiegen oder gefallen sind. Dazu finde ich in Ihrem Bericht keine Angaben, auch nicht in den methodischen Anmerkungen.

Der Artikel geht nach den ersten drei Absätzen über Ihren Bericht hinaus, deshalb werden auch andere Zahlen genannt, mit Angabe der Quelle. Einige Unterschiede zu den von Ihnen verbreiteten Zahlen ergeben sich außerdem daraus, dass Sie bei einer vierköpfigen Familie immer Kinder im Alter von bis zu 13 Jahren unterstellen. Für die gilt ein besonders niedriger Berechnungsfaktor (sie zählen jeweils nur als "0,3 Personen"). Legt man ältere Kinder zugrunde, ergibt sich eine deutlich höhere Armutsgrenze. Sie liegt Eurostat entsprechend bei 2.450 Euro netto, nach dem Mikrozensus wären es 2.230 Euro netto. Die von mir verwendeten Zahlen sind also korrekt, auch wenn sie nicht aus Ihrer Pressemitteilung abgeschrieben sind.

Sie beklagen, das Konzept der materiellen Deprivation werde im Artikel ausgeblendet. Dabei dreht es sich um Befragungen, in denen Menschen angeben, wieweit sie Probleme bei den Ausgaben für grundlegende Dinge haben – zum Beispiel: Wohnen, Heizen, Ernährung, ein Auto oder auch eine Woche Urlaub im Jahr. Auch so kann man Armut messen, und wahrscheinlich kommt keine Definition dem Alltagsverständnis der Menschen näher als diese. Nach dieser Sichtweise ist die Armut in Deutschland in den Jahren, die Ihr Bericht beschreibt, aber wiederum nicht gestiegen, sondern sogar zurückgegangen. Im Jahr 2006 litten laut Eurostat 13,5 Prozent der deutschen Bevölkerung unter "materieller Deprivation" (sie gaben finanzielle Probleme bei 3 von 9 grundlegenden Dingen an). In den Jahren danach sank die Armut auf zuletzt 11,6 Prozent. Auch diese Statistik widerspricht also Ihrer Behauptung von einem klaren Trend zu immer mehr Armut. Sie belegt das glatte Gegenteil.

Kolja Rudzio

Korrektur: Das Erhebungsjahre der zitierten Reihe des Soep beziehen sich auf die Vorjahreseinkommen. Der Anstieg der Armutsgefährdungsquote um 0,0 Prozentpunkte (von 14,3 % auf 14,3 %) bezieht sich also auf die Einkommen der Jahre 2005 bis 2011. Nimmt man 2006 als Ausgangspunkt ergibt sich ein Anstieg um 0,6 Prozentpunkte (von 13,7 % auf 14,3 %).