Michael Bohmeyer ist spät dran. In zehn Minuten hat er einen Termin. Einen weiteren auf dem Weg in eine bessere Gesellschaft. Aber nun muss er erst einmal bremsen. Rote Ampel, Kottbusser Tor, Berlin. Eine Frau läuft auf die Straße, in der Hand einen Schwamm. Vor Bohmeyers Auto bleibt sie stehen. Bohmeyer sieht sie an, sie schaut zurück. Dann schüttelt er den Kopf.

Die Ampel schaltet auf Grün, Bohmeyer fährt weiter und erzählt, wie er sich die Welt wünscht, die draußen vorbeizieht. Links Müllmänner, rechts zwei Erzieher mit einer Kindergruppe. Wenn es nach Bohmeyer ginge, würde sich ihr Leben radikal ändern. Die Straßenreiniger würden durch Maschinen ersetzt, die Erzieher würden besser verdienen und Bettler ganz verschwinden, denn das schlechte Gewissen anderer wäre keine Einnahmequelle mehr. "Mit dem bedingungslosen Grundeinkommen", sagt der 30-Jährige, "gäbe es endlich Gleichheit. Der Autofahrer hätte tausend Euro und der Scheibenwischer auch, und beide wüssten das voneinander. Ist das nicht geil?"

Die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens ist schnell erklärt: Jeder Bürger erhält regelmäßig einen fixen Betrag – ohne Gegenleistung. Und die Idee ist nicht neu: Bereits 1516 verfolgte Thomas Morus sie in seinem Roman Utopia. Erich Fromm schrieb darüber, auch Ökonomienobelpreisträger wie Friedrich August von Hayek haben sie propagiert. Aber erst seit einigen Jahren ist die Idee wirklich populär: Als die Greifswalderin Susanne Wiest 2009 eine Onlinepetition für ein Grundeinkommen einreichte, unterschrieben so viele, dass der Server des Bundestags zusammenbrach. In der Schweiz bekam eine ähnliche Volksinitiative mehr Stimmen als jedes andere Anliegen seit 1891, entschieden wird 2016.

Der Berliner Michael Bohmeyer geht einen anderen Weg – ohne Vater Staat. Er sammelt seit Monaten Geld, um möglichst vielen Menschen ein Jahr lang ein monatliches Einkommen von 1.000 Euro zu schenken. Dabei setzt er auf Crowdfunding: Via Internet kann jeder das Projekt mit einem beliebigen Betrag unterstützen. Mehr als 15.000 Menschen haben das bisher getan und so über 80.000 Euro zusammengelegt. Wann immer 12.000 Euro zusammenkommen, verlost Bohmeyer sie unter allen, die sich via Internet angemeldet haben, ganz egal, wie sie finanziell gestellt sind. Es scheint, als sei eine neue Ära für das Grundeinkommen angebrochen. Die sogenannte Generation Y der jungen Erwachsenen hat die Idee für sich entdeckt und gibt ihr durch die Möglichkeiten des Internets ungeahnte Kraft.

Bohmeyer will beides: Individuelles Streben und solidarisches Geben

Michael Bohmeyer hat schon immer versucht, das Unmögliche möglich zu machen. In seiner Jugend war er so etwas wie der Mark Zuckerberg der Gemeinde Neuenhagen in Brandenburg. Eines Morgens in den 1990er Jahren stand er vor dem Anschlagbrett seiner Schule und sah, dass die erste Stunde ausfiel. Warum war er nicht informiert worden? Zu Hause programmierte er eine Online-Community für sein Gymnasium, ein bisschen wie Facebook, nur Jahre früher. Doch die Neuenhagener waren nicht bereit für die Zukunft: Eine Teilnahme Minderjähriger sei wegen Datenschutzes unmöglich, erklärte man ihm.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 9 vom 26.02.2015.

Stattdessen verschaffte Bohmeyer dem Optiker im Ort einen schicken Netzauftritt und gründete 2006 – damals studierte er noch Kommunikationsmanagement – eine Firma, die Schilder übers Internet verkaufte. Besonders beliebt: "Rauchen verboten".

Schüler und Unternehmer, Student und Firmenchef: In Bohmeyers Leben flossen Phasen ineinander, die sonst getrennt sind – und zwei konträre Systeme. Als er 1984 auf die Welt kam, stand noch die Mauer, 16 Jahre später sollte er für ein Austauschjahr nach Michigan ins alte Feindesland gehen. In seinem Kopf vermischten sich zwei Leitbilder – die sozialistische Forderung nach Gemeinschaft und die Parolen, die ihm amerikanische Freunde beim Eishockey zuriefen. Come on, you can do it. Und genau um diese Kombination von individuellem Streben und solidarischen Geben geht es Bohmeyer auch heute.

Im Jahr 2013 stieg er als Geschäftsführer seiner Firma aus. Dieser soziale Druck, wer abends am längsten im Büro bleibe, sei nie so sein Ding gewesen. Bohmeyer beschloss stattdessen, von den knapp 1.000 Euro zu leben, die seine Firma monatlich abwirft, und fragte sich: Das mit der Arbeit und dem Geldverdienen, geht das nicht auch irgendwie anders? Vom Grundeinkommen hatte er gelesen, kannte Crowdfunding, und mit einem Mal war die Idee da.

Bohmeyer fing an zu programmieren, und im Sommer 2014 ging die Seite mein-grundeinkommen.de an den Start. Nun konnte er zeigen, was er im Studium gelernt hatte. Strategische Kommunikation, Zielgruppenanalyse, Medienansprache. Am Anfang war ein Artikel in der taz, es folgte ein Auftritt im Frühstücksfernsehen, und binnen 80 Tagen kamen mehr als 50.000 Euro zusammen.