Es ist ein grauer Vormittag, an dem Fernanda Ramos ihren Glauben an Aufrichtigkeit verliert. Sie steht in der Küche ihres Cafés, kurz nach elf Uhr, als sie diesen Geruch bemerkt, kohlig und stickig, irgendwie angebrannt. Sie schaut im Ofen nach, nichts. Sie geht nach vorn ins Café, wahrscheinlich hat jemand vergessen, ein Brot vom Rost zu nehmen. Aber der Toaster ist ausgeschaltet. Dann ein Knistern, ein Knall. Fernanda Ramos blickt auf die andere Straßenseite, in den gegenüberliegenden Schaufensterscheiben spiegeln sich Flammen.

Aus den Mitschnitten der Notrufzentrale: 11.22 Uhr, bei der Hamburger Feuerwehr geht der erste Notruf ein. "Feuerwehr und Rettungsdienst." – "Guten Tag, und zwar brennt es im Haus gegenüber, in der Langen Reihe. (...) Das brennt im ganzen Dach." 11.23 Uhr, fünfter Notruf bei der Feuerwehr. "Feuerwehr und Rettungsdienst in Hamburg." – "Ja, hallo, (...) wenn wir aus dem Fenster gucken, (...) dann raucht und qualmt es da ganz furchtbar. Ich weiß aber nicht, wo das genau ist." – "Ist das Lange Reihe?" – "Ja, genau." – "Aber mehr können Sie nicht sehen?" – "Nee." – "Knistert da was? Was klappert da so? Ist das auch vom Feuer?" – "Ja, das hören Sie? Oh Gott! Ahhhh! Da ist voll das Feuer!" – "Wir sind unterwegs schon."

Zwischen 11.22 Uhr und 11.29 Uhr erreichen die Feuerwehr 48 Notrufe, sie rückt mit drei Löschzügen aus, einem Fahrzeug mit Einsatzmaterial, einem Rettungswagen.

Vor genau zehn Jahren, am 1. März 2005, brennt in der Langen Reihe in St. Georg das Wohnhaus Nummer 57. Es entsteht ein Schaden von mehr als zwei Millionen Euro. Das Feuer zerstört zwölf Wohnungen, einen Käseladen, einen Döner-Imbiss und das Café von Fernanda Ramos. Keiner der Bewohner wird wieder in seine Wohnung ziehen, keines der Geschäfte wiedereröffnen. Nur die neoklassizistische Fassade bleibt. Dahinter entstehen Eigentumswohnungen.

Ein Haus brennt ab. In einer Großstadt passiert so etwas alle paar Monate. Es wird ermittelt, manchmal werden Brandstifter gefasst. Der Fall wird vergessen. Beim Haus in der Langen Reihe 57 ist das anders. Wer heute mit den Betroffenen spricht, sich mit Anwohnern, dem damals zuständigen Richter und den mutmaßlichen Brandstiftern trifft, wer Akten liest und Gespräche rekonstruiert, der merkt schnell, dass an diesem Fall nur eine Sache eindeutig ist: dass kaum etwas eindeutig ist. Es gab einen Brand durch eine Brandstiftung. Es gibt Investoren, die davon profitierten. Es gibt Verbindungen in die Organisierte Kriminalität. Es gibt mutmaßliche Täter. Aber diese Täter mussten sich bis heute vor keinem Gericht verantworten.

Ist das ein Justizskandal? Ein ziemlich perfektes Verbrechen? Oder ein verworrener Fall, der nicht mehr zu lösen ist?

Nachdem sie das Spiegelbild der Flammen im Schaufenster gesehen hat, rennt Fernanda Ramos ins Treppenhaus. "Feuer, Feuer!", schreit sie. In einer Wohnung im ersten Stock wohnt ihr Sohn, sie hämmert gegen die Tür, "Feuer, Feuer!" Der Hausflur ist verqualmt, dicker, schwarzer Rauch. Fernanda Ramos will weiter in den zweiten Stock, als eine Polizistin neben ihr auftaucht und sie und die übrigen Bewohner drängt, das Haus sofort zu verlassen.

Die Polizistin schlägt gegen die Wohnungstüren, erster Stock, zweiter Stock. Im dritten Stock kann sie kaum noch atmen, dichter Qualm, ein Vater öffnet und eilt mit seinem Sohn aus dem Haus. Das Gebälk fällt brennend von der Decke.

Es dauert bis zum Abend, ehe der Brand endgültig gelöscht ist. Ermittler des Landeskriminalamts (LKA) werden in den folgenden Tagen feststellen, dass sich fünf Brandherde zu einem gewaltigen Feuer verbunden hatten. Benzin war verschüttet worden, auf dem Dachboden und im Treppenhaus, dazu in zwei Wohnungen im ersten Stock. Durch einen Lichtschacht peitschte das Feuer wie in einem Kamin vom Erdgeschoss bis unters Dach.

Aus einem Vermerk der Staatsanwaltschaft: "Fest steht (...), dass das Gebäude Lange Reihe 57/59 einer vorsätzlichen Brandstiftung zum Opfer fiel. Aufgrund des Modus Operandi des/der Täter(s) ist außerdem davon auszugehen, dass die Brandlegung planvoll mit Ortskenntnis und dem Ziel einer Zerstörung des gesamten Wohnhauses erfolgte."