Das gesprochene Wort ist eines der wichtigsten Instrumente von Politikern. Es kann, wie im Fall des Bundespräsidenten, sogar das einzige Instrument sein. Manchmal aber verselbstständigen sich Worte und Sätze, sie entfalten ein eigenes Leben, und am Ende regieren sie die Politiker.

"Der Islam gehört zu Deutschland" ist so ein Satz.

Christian Wulff hat ihn nicht als Erster gesagt, viele Nichtpolitiker haben das getan und auch Wolfgang Schäuble, 2006 bei der Eröffnung der ersten Islamkonferenz. Aber nie hat er eine solche Wirkung entfaltet wie bei Christian Wulff, der noch Bundespräsident war, als er ihn am 3. Oktober 2010 sagte. Wulff glaubt, dass der Satz zu seinem Sturz beigetragen habe, weil einige Medien ihn nicht gemocht und eine Kampagne entfacht hätten. Vielleicht ist da etwas dran, vielleicht ist das aber auch die Erklärung eines Gescheiterten, der ehrbare Gründe für sein Scheitern sucht.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 9 vom 26.02.2015.

Ganz sicher aber kann man sagen, dass der Satz Wulff gerettet hat, später, als er nicht mehr Bundespräsident war und sich der Boden unter seinen Füßen aufgetan hatte. Der Satz hat ihm Halt gegeben, er trägt ihn, mehr denn je. Er hat ihm, dem Präsidenten, der von seinem Volk verstoßen wurde, ein neues Volk beschert, die Migranten in Deutschland, deren heimlicher Präsident Wulff immer geblieben ist. Der Satz ermöglicht ihm nun eine besondere Art von Comeback. Wulff ist international als Gastredner gefragt, er ist Präsident der Euro-Mediterranean-Arab Association (EMA), bei der Beerdigung des saudischen Königs hat er Merkel vertreten und damit Deutschland.

Er ist nicht mehr Bundespräsident, aber er ist immer noch der Mann mit dem Satz. Der Satz begeistert und regt auf, er spaltet nach wie vor, inzwischen hat der Satz sogar die Kanzlerin im Griff. Wie kam es dazu?

Von einem Bundespräsidenten wird erwartet, dass er nicht nur redet, sondern dass er eine große Rede hält, die Rede der Republik. Der Druck, den Wulff vor seiner Rede zum 20. Geburtstag der deutschen Einheit verspürte, war groß. Deutschland neu definieren, den großen Bogen spannen, das war der Anspruch, hin zu einem Deutschland, das mehrere Millionen Zugewanderte aufgenommen hatte. Aber wie?

Wulff wollte von den drei Einwanderungswellen sprechen, die Deutschland geprägt hatten: die Vertriebenen, die Ostdeutschen und nun die Zuwanderer. Als Ministerpräsident hatte Wulff als Erster in Deutschland eine Ministerin mit Migrationshintergrund ernannt, er hatte bei seinem Amtsantritt erklärt, er wolle der Präsident aller Menschen sein, die in Deutschland leben. Er hatte Erwartungen geweckt. Wenn Wulff über seinen Satz spricht, dann klingt es immer so, als sei der Satz die logische Fortführung einer eingeschlagenen Richtung. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Der Satz hat Wulff eine Richtung gegeben. Denn in Wirklichkeit hatte Wulff sich zwar immer für einen interreligiösen Dialog und das Judentum starkgemacht, als Integrationspraktiker war er aber nicht besonders hervorgetreten.

Es war die Zeit, das gehört zur Biografie des Wulff-Satzes unbedingt dazu, als Deutschland erregt die Thesen Thilo Sarrazins diskutierte, der Migranten ein Minderwertigkeitsgen attestiert hatte. In der taz erschien ein offener Brief prominenter Migranten, die ein Wort des Bundespräsidenten forderten. Der aus Afghanistan stammende Fernsehproduzent Walid Nakschbandi schrieb Wulff, Mölln, Solingen, all das habe ihn nie an Ausreise denken lassen, nun aber fühle er sich bedroht. Später schrieb er eine SMS: "Der Islam gehört zu Deutschland. Warum sagen Sie das nicht einfach?"