Als Ina W. am 5. Februar 2014 nach Feierabend ihr Haus betritt, hängt, kaum merklich, ein schlechter Geruch in der Luft. Bewusst wird ihr das erst im Nachhinein. Sie sagt, sie kennt diesen Geruch, aber nicht von zu Hause. Es ist der nach speckiger, ungewaschener Kleidung. So riecht es einmal im Monat an Ina W.s Arbeitsplatz, in der Sparkasse in Düsseldorf, wenn die Gestrandeten der Stadt anstehen und sich ihre Stütze ausbezahlen lassen.

Ina W. geht weiter in ihr Haus hinein, ein frei stehendes Eigenheim mit recht großem Garten, gebaut 1953. Im Flur sieht sie die ausgezogene Schublade des Eckschränkchens. Sie stutzt. Hatte sie es denn am Morgen eilig gehabt? Die Katze versteckt sich verstört vor ihr, ungewöhnlich.

Jetzt erfasst Ina W.s Blick das leer geräumte Fensterbrett in der kleinen, zum Wohnzimmer hin offenen Küche, das weit geöffnete Fenster darüber. Da begreift sie und rennt im selben Augenblick, so schnell sie kann, vor die Haustür, das Handy in der Manteltasche umklammert.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 9 vom 26.02.2015.

Angst fällt sie an: Was, wenn die noch drin sind? Wenn die sie niederschlagen? Ina W. ruft die Polizei an, dann ihren Mann und eine ihrer Töchter. Es dauert fast eine Stunde, bis die Beamten kommen.

Im Polizeibericht dieses Tages wird der Einbruch in Ina W.s Haus nur eine Notiz sein, die Fortsetzung einer Einbruchserie in Krefeld, diesmal im Ortsteil Benrad-Süd, Siedlergemeinschaft Edelstahl.

Den Spuren zufolge suchten die Diebe kaum im Erdgeschoss, sie müssen zügig in den ersten Stock gegangen sein, in das Schlafzimmer und in Ina W.s Ankleide- und Nähzimmer, das mal ein Raum der drei Mädchen war, bevor eins nach dem anderen ausgezogen ist.

Ina W.s Schmuck, bis dahin hübsch verpackt und drapiert in Dosen und Schachteln: weg. Ein Medaillon aus 750er-Gold mit Tropfendiamant, ein Geschenk zur Geburt eines Kindes. Ina W.s Ringe, teils Unikate aus schwerem Gold. Der Ehering! Die Digitalkamera, Bargeld. Nur etwas Silber und die goldenen Kinderohrstecker der heute erwachsenen Töchter ließen die Räuber liegen.

Ina W. sagt, leise entrüstet: "Da sehen Sie mal, was hier jetzt für ein Volk durchgeht!"

Es geht ein armes Volk durch die Häuser eines reichen. Es streifen Männer, seltener Frauen, aus dem Osten Europas durch die Flure, Schlafzimmer, Keller des deutschen Westens. Sie kommen aus Rumänien und Bulgarien, aus Serbien und dem Kosovo, aus Albanien und Mazedonien. Sie fordern sich untereinander am Handy auf, "zur Saison nach Deutschland zu fahren". So hat es die Kriminalpolizei in Krefeld einmal am Telefon mitgehört. Sie kommen, um zu stehlen.

Victor H. reiste Ende Dezember 2013 aus der Republik Moldau an. Er war 21, Student für Energietechnik an der Technischen Universität in der Hauptstadt Chişinău, verliebt in eine Mariana und chronisch klamm. Er fuhr mit dem Bus bis nach Mönchengladbach. Dort wohnte Anton I., ein Landsmann aus der gemeinsamen Heimatstadt Leova und doppelt so alt wie er. Anton hatte Victor einen gut bezahlten Job in Aussicht gestellt, auf dem Bau oder bei einer Aufzugsfirma. Sagt Victor.

Selbst wenn das stimmt, wofür im Nachhinein wenig spricht, so muss Victor H. doch schnell klar geworden sein, wozu er eigentlich da war. Der erste Einbruch, den die Polizei ihm später zuordnete, fand am 30. oder 31. Januar 2014 in Mönchengladbach-Rheindahlen statt. In einem Einfamilienhaus wurden ein Navigationsgerät, ein Laptop, eine Sofortbildkamera, Bargeld und jede Menge Schmuck gestohlen. Gesamtwert des Diebesguts: 54.000 Euro. Nach dem Einbruch in Mönchengladbach stieg Victor noch in mindestens sieben weitere Häuser ein, auch in das von Ina W. Das jedenfalls sagt die Polizei.

Ina W. und Victor H. wissen jetzt voneinander. Beiden behagt das nicht. Ihm nicht, weil er nun im Gefängnis sitzt. Ihr nicht, weil die Diebe nun auch noch ihr Gesicht kennen.

Ina W. musste als Zeugin in dem Prozess aussagen, der vom September vergangenen Jahres an gegen Victor H., Anton I. und einen dritten Mann, Valeriu S., geführt wurde. Dieser Prozess kam zustande, weil der Krefelder Kriminalpolizist Uwe Laußmann nicht lockerließ und unbedingt herausfinden wollte, wer die Täter sind.

Wohnungseinbrecher verteilen sich auf zwei große Tätergruppen

Pech, Dummheit und Glück haben die Wege der drei sich kreuzen lassen: Die Sparkassen-Angestellte Ina W. hatte das Pech, eines von rund 150.000 Einbruchopfern des Jahres 2014 in Deutschland zu sein. Der Einbrecher Victor H. war so dumm, nicht auf seine Mutter zu hören und sich zu verraten. Der Kriminalhauptkommissar Uwe Laußmann hatte das Glück, dass seine Leute zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren. Das ist selten. Sehr selten.

Wohnungseinbrecher, sagen Kriminalforscher, verteilen sich vor allem auf zwei große Tätergruppen. In der einen ist die Mehrheit jung, männlich, drogenabhängig und in der Gegend zu Hause, in der sie stiehlt. Die andere Gruppe hat nur ein gemeinsames Merkmal: Sie ist osteuropäisch. Diese Täter begehen ein Drittel aller landesweit gemeldeten Einbrüche. In Großstädten wie Hamburg, Köln, Berlin und in den Ballungsgebieten Nordrhein-Westfalens und Hessens sind es bis zu 60 Prozent aller aufgeklärten Einbrüche. In Darmstadt begingen Täter aus Osteuropa im Jahr 2013 sogar 78 Prozent aller aufgeklärten Wohnungsdiebstähle.

Deutsche Innenpolitiker sprechen oft vom "Armenhaus Europas", aus dem die Täter stammten. Bloß: Was heißt das? Dass man in Osteuropa keine Skrupel kennt?

Victor H. hat ein rundes, fast pausbäckiges Gesicht. Auf älteren Fotos strahlt er mit seinen braunen Augen, den dichten Brauen und dem leichten Silberblick eine gewisse Zuversicht und Gutmütigkeit aus. Jetzt, nach bald einem Jahr in Untersuchungshaft, wirken die Augen matt. Er schaut wie ein ertappter, trotziger Junge, der genau weiß, was er angestellt hat, aber trotzdem hofft, noch einmal davonzukommen. Er sagt: "Sie sehen ja, ich bin kein Profi, so schnell, wie man mich geschnappt hat!"

Die Polizei fasste ihn Ende März, vor einem knappen Jahr. Anfang April, als sie die Komplizen gefunden hatte, jubelte sie: Osteuropäische Bande gefasst! Sie sprach von "hochmobilen Tätern", die "bundesweit operieren". Als die Beamten Victor H. und den zwei anderen Männern acht Einbrüche zuordneten, war sich der Ermittler Uwe Laußmann sicher, dies sei "nur die Spitze des Eisbergs".

Die Diebe kommen in der dunklen Jahreszeit. 45 Prozent aller Einbrüche werden zwischen November und Februar verübt. Da dämmert es schon, ehe die Menschen von der Arbeit heimkehren. Die Täter brechen ein, wo noch kein Licht brennt. "Wenn im Oktober die Uhren umgestellt werden, ist es jedes Mal, als ob ’ne Bombe einschlägt", erzählt ein leitender Ermittler in Krefeld. "2013 hatten wir da 19 Brüche in nicht mal zwei Wochen. Ich fragte mich, sind wir hier in Chicago oder was?"

Nein, aber Krefeld ist eine für die Industrieregionen an Rhein und Ruhr typische kleine Großstadt, wie Diebe sie gern ansteuern. Die Arbeiterstadt nimmt sich so dicht neben der reichen Landeshauptstadt Düsseldorf wie eine verhärmte Stiefschwester aus. Sie ist mit 222.000 Einwohnern zu groß, um pittoresken Charme zu entfalten, und zu klein, um Menschen mit frischem Kapital anzuziehen. Wenn der Bekleidungsdiscounter Primark im herzlosen Zentrum eine Filiale eröffnet, ist es das Ereignis des Jahres. Der McDonald’s beim Hauptbahnhof sieht hier noch aus wie vor 20 Jahren.

Für die untere Mittelschicht jedoch sind Krefelds Eigenheimquartiere am grünen Stadtrand attraktiv. Manche der Siedlungen sind schon vorm Krieg entstanden, die meisten danach. Einige bestehen aus Villen, viele aus frei stehenden Einfamilienhäusern, sehr viele aus Reihenhäusern mit handtuchschmalen Gärten. Die Immobilien sind hier billiger als in Düsseldorf.

Mehr als ihr halbes Leben lang wohnte Ina W. mit ihrer Familie in der Siedlergemeinschaft Edelstahl: zufrieden und unbehelligt nicht von Sorgen, aber von Dieben.

Arbeitsfrieden, Schmelzergang, Hüttensteig heißen die Straßen in dem Viertel. Grundsteinlegung war 1936. Das frei stehende Haus der Familie W. kam 1953 dazu. Sie kaufte es 1985 und baute es um und aus, ein bisschen im Alpenstil, mit viel hellem Fichtenholz. Udo W. mag das, Ina W. würde es gerne mal ändern.

Sie ist eine hübsche, blonde Frau von 56 Jahren mit rosigem rundem Gesicht und lebensklugen, hellen Augen, die sie an ihre Töchter vererbt hat. 1986 kam die erste zur Welt, bald die zweite, kurz darauf die dritte. 28, 25 und 24 Jahre sind sie jetzt alt. Drei junge Frauen, gut ausgebildet, attraktiv, mit anspruchsvollen Jobs in der Finanz- und Beraterbranche, zwei längst fort aus Krefeld. Ina W. ist stolz darauf. Es waren schöne, aber auch harte Jahre.

Ihr Mann war selbstständiger Elektriker. Sie hatte für ihn die Bücher geführt und parallel in der Sparkasse in Düsseldorf gearbeitet. Als Udo W. immer mehr schuftete, aber immer weniger Geld hängen blieb, bekamen sie Angst um seine Gesundheit, um die Existenz. Also suchten sie eine Anstellung für ihn. Das war nicht leicht mit über 50.

Mit Glück fand auch er eine Stelle bei der Sparkasse, als technischer Mitarbeiter. "Wir sind nun eine echte Sparkassen-Familie", sagt Ina W. spöttisch. Eine Tochter habe dort gelernt, der Schwager und noch ein paar andere Verwandte seien ebenfalls dabei.

So wie Victor H. in vielem typisch für die Diebe aus Osteuropa ist, so sind die W.s typisch für deren Opfer. Von Krefeld aus kann das strebsame Kleinbürgertum zügig die Betriebe des Ballungsraums an Rhein und Ruhr ansteuern, mit der Bahn oder mit dem Auto über die B 57 und die A 44. Doch während das Kleinbürgertum in Büros, Geschäften und Fabriken am Erhalt seines Besitzes und an seinem Aufstieg arbeitet und die Kinder in der Schule sind, pendeln die Diebe über dieselben Verkehrsadern in die tags verwaisten Wohnquartiere ein. Das dichte Netz aus Autobahnen und Schnellstraßen an Rhein und Ruhr ist perfekt für die Flucht. Darum kommen die Einbrecher nach Marl und Gelsenkirchen, nach Monheim und Bad Godesberg, nach Leverkusen, Recklinghausen, Mülheim an der Ruhr. Eine Klauhochburg liegt hier neben der anderen.

54.000 der knapp 150.000 Einbrüche des Jahres 2013 in Deutschland geschahen allein in Nordrhein-Westfalen. Insgesamt gab es in ganz Deutschland fast 50.000 mehr solcher Delikte als noch 2006 – ein Anstieg um ein Drittel. Statistisch gesehen erwischt es nun alle dreieinhalb Minuten jemanden. Nur wen, ist unberechenbar. Die Diebe aus Osteuropa, sagt der Polizist Uwe Laußmann, spähten ihre Opfer nicht groß aus. "Die fahren von der Autobahn runter, biegen zwei-, dreimal ab und legen los."

Sie sind auf der Suche nach Gold und Geld. Klein soll die Beute sein, aber viel wert. Flachbildfernseher lassen sie eher stehen. Praktisch aber, wenn auf der Kommode der Autoschlüssel liegt und das passende Auto vor der Tür attraktiv genug ist zum Stehlen: ein neuer 3er-BMW, ein Audi A4, ein VW-Bulli, so etwas. Homejacking heißt das.

Bei Victor H. fanden die Polizisten einen Porsche-Schlüssel, aber keinen Porsche. Hat er sich nicht getraut, ihn zu klauen? Ein Rest Respekt vor dem Eigentum? Vor den vielen PS?

Krefelder Sondereinheit gegen Einbrecher in der Wintersaison

Victor sitzt seit dem 25. März 2014 im Gefängnis. Man schnappte ihn zusammen mit seinem späteren Mitangeklagten Valeriu S., 33, im thüringischen Apolda. Dort hausten sie in einem kalten, feuchten Kellerraum, umgeben von Diebesgut. Zeitgleich wurde Anton I., der Mann, der Victor nach Deutschland gelotst hatte, in seiner Wohnung in Mönchengladbach festgenommen.

In jenem Frühling vor einem Jahr flogen in Nordrhein-Westfalen gleich mehrere osteuropäische Banden auf: Von Wuppertal aus sollen 32 Verdächtige in zwei Gruppen 60 Einbrüche in 32 Städten begangen haben, von Bonn aus neun Männer sogar 190 Einbrüche in 47 Städten. Im Siegerland fasste man acht Diebe, spezialisiert auf Buntmetall.

In Krefeld hatten sie nur drei. Aber drei Täter reichen, sie ergeben im Sinne des Strafrechts schon eine Bande. Mitgliedern einer Bande, die "gewerbsmäßig" einbricht und stiehlt, drohen höhere Haftstrafen als Einzeltätern, ein bis zehn Jahre. Und das verspricht gute Nachrichten im hilflosen Kampf der deutschen Polizei gegen die Einbrecher.

Ihre Statistiken lesen sich wie Kapitulationserklärungen. Im Schnitt klärt die Polizei nur 15 Prozent aller Einbrüche auf. In Berlin und Köln sind es acht Prozent, in Hamburg sogar nur sieben. Vor diesem Hintergrund kann man verstehen, warum sie in Krefeld so stolz sind. Hier haben sie es 2013 geschafft, 94 Täter zu ermitteln – und damit fast ein Viertel aller Wohnungsdiebstähle aufzuklären.

In Krefeld probiert die Polizei seit drei Jahren etwas aus. Die dritte Wintersaison in Folge ermittelt eine Sondereinheit nur gegen Einbrecher. Sie versucht, sich der Flut von Einbrüchen mit einer Masse von Ermittlungen entgegenzustemmen. Immer im Oktober vor der Zeitumstellung formieren sich gut ein Dutzend Kriminalbeamte und arbeiten so bis zum Frühlingsanfang. Die Ermittlungskommission hat einen Namen wie aus einem Kinderkrimi, "EK Dämmerung". Und so ähnlich, wie Kinder sich das vorstellen, geht sie vor: manchmal offensiv mit Pistolen, meistens heimlich mit Anschleichen und Abhören.

Zum Beispiel errichtet die EK Dämmerung Polizeikontrollen an den Einfallstraßen der Stadt. Manchmal tarnen die Polizisten den Kontrollpunkt mit großen Baufahrzeugen als Baustelle. Erst dahinter werden die abgebremsten Autofahrer von Beamten in Uniform überrascht, die mit Maschinenpistolen vorm Bauch die Aktion überwachen, das soll abschrecken. Krieg gegen den Einbruchterror.

Immer wieder zieht die Polizei auf diese Weise tatsächlich Diebe aus dem Verkehr. Im Oktober zum Beispiel telefonierte ein junger Fahrer, noch während er die Kontrolle passierte, mit einem Handy – das geklaut war.

Später am Abend fahren und gehen die Kriminalbeamten so unauffällig wie möglich durch die Siedlungen, meistens in Zivil. So hoffen sie Täter in flagranti zu erwischen oder sie wenigstens zu verscheuchen.

Und so kamen sie auch Victor H. auf die Spur.

Im Februar vergangenen Jahres entdeckt eine Polizeistreife im Krefelder Westen, nicht weit von Ina W.s Haus entfernt, ein verdächtiges Auto. Der Wagen parkt mit eingeschalteten Scheinwerfern an einer Stelle, wo ansonsten nie Autos stehen. Das fällt auf und auch, dass es ein sehr alter Opel Vectra ist. So etwas fahren die Hausbesitzer hier nicht. Die Polizei hat gelernt, dass sich osteuropäische Diebe gern nahezu schrottreife Autos für wenige Hundert Euro kaufen, sie in Deutschland zulassen – und sie nach der Einbruchsaison leichten Herzens entsorgen.

Nur ein paar Tage bevor die Beamten den alten Opel Vectra bemerken, ist bei Ina W. eingebrochen worden: am 5. Februar. Am 4. Februar schon in einer Nachbarsiedlung, danach am 6. wieder ganz in der Nähe. Alle drei Häuser liegen in etwa auf einer Achse von fünf Kilometern Länge. Bis zur vierspurigen B 57 sind es von allen drei Tatorten aus nur zwei Kilometer.

Die Polizisten sehen keinen Fahrer in dem Opel. Als sie vor dem Auto stehen, entdecken sie aber einen grau melierten Mann, der versucht, sich im Fußraum wegzuducken. Sie verlangen seine Papiere und fragen, was er da treibe: er, Anton I., 43 Jahre alt, aus der Republik Moldau, wohnhaft in Mönchengladbach. Warum versteckt er sich im eigenen Auto?

Der Mann verhaspelt und widerspricht sich in seinem recht guten Deutsch. Währenddessen versucht ihn dauernd jemand anzurufen. Er drückt die Gespräche weg. Auf dem Display seines Handys können die Polizisten "Victor" lesen.

Die EK Dämmerung bekommt schnell einen Durchsuchungsbeschluss für Anton I.s Wohnung in Mönchengladbach. Dort findet sie nichts aus den Krefelder Häusern, dafür aber die Kamera und den Laptop, die Ende Januar in Mönchengladbach-Rheindahlen gestohlen wurden, nicht weit von Anton I.s Wohnung entfernt.

Die Auswertung von Anton I.s Handyverbindungsdaten wird darum fast so schnell genehmigt wie im Tatort. Und es dauert nur drei Tage, bis auch eine Telefonüberwachung steht.

Zwei Nummern, kommt heraus, hat Anton I. immer wieder angerufen. Und von den zweien erhält er immer wieder Anrufe. Zwei, das heißt, zusammen mit ihm wären sie womöglich drei Diebe – und damit eine Bande. Darum sitzt den dreien jetzt Uwe Laußmann im Nacken, der stellvertretende Leiter der EK Dämmerung. Laußmann will eine Bande überführen.

Uwe Laußmann ist mehr ein pedantischer denn ein eifernder Ermittler, uneitel gekleidet wie Kriminalkommissare oft, in Hauptsache-bequem-Jeans, Karohemd und Fleecepulli. Das Notwendigste verstaut er in seiner Gürteltasche, die neben den Handschellen am Gürtel hängt. Alles muss seine Ordnung haben, das Vorgehen, die Beweisführung.

Und doch verrennt sich Laußmann in diesem Fall zunächst: Ihm und den anderen Ermittlern hat es eine auffällige, 100 Jahre alte deutsche Bibel in goldgeprägtem Ledereinband angetan. Die Bibel haben sie in Anton I.s Wohnung gefunden. Weil die EK Dämmerung das Stück keinem Einbruch zuordnen kann, zeigt Laußmann die Bibel der Presse, präsentiert sie im Fernsehen, hofft auf Hinweise auf eine weitere Tat. Doch niemand meldet sich; es ist eine kalte Spur.

Es ist so banal: Er wollte einfach schnell mehr Geld

Dass längst verdeckte Ermittlungen laufen, sagt Laußmann den Medien nicht.

Die Kriminaltechnik findet heraus, dass an manchen Tagen alle drei Handynummern genau zur Tatzeit in einer Funkzelle eingeloggt waren, in der ein Tatort lag. Aber Verbindungsdaten allein sind nur schwache Beweise. Kriminalhauptkommissar Laußmann muss herausfinden, wer hinter den Nummern steckt. Er muss wissen, wer dieser Victor ist. Auf einmal senden zwei der Handys Funksignale aus Apolda.

Victor H. darf, außer mit seinem Anwalt, in U-Haft nicht über die Taten reden. Das bleibt so, solange das Urteil gegen ihn noch nicht rechtskräftig ist. In der Justizvollzugsanstalt Duisburg-Hamborn sitzt darum ein Beamter beim Gespräch dabei und nimmt seinen Auftrag zur "akustischen Besuchsüberwachung" sehr ernst. Fragt man Victor, was er empfand, wenn er aus fremdem Goldschmuck in fremden Schlafzimmern die fremden Kinderohrringe aussortierte, ruft der JVA-Mann zuverlässig: "Fragen zum Tathergang sind unzulässig!"

Aber das meiste ist ohnehin schon vor Gericht verhandelt worden. Der Prozess gegen Victor H. und die anderen beiden Männer aus der moldauischen Stadt Leova begann im Herbst, nur sechs Monate nach ihrer Festnahme, vorm Landgericht Krefeld. Victor wurde wegen genau acht Einbrüchen angeklagt. Es war bei der Spitze des Eisbergs geblieben. Victor hat gestanden, aber nur das, was man ihm nachweisen konnte.

An einem der Verhandlungstage war sein älterer Bruder angereist. Er war dafür extra aus Paris nach Krefeld gekommen. Der Bruder, Absolvent der Technischen Universität in Chişinău, arbeitet im Baugewerbe. Auch Victor war 2013 für ein paar Monate in Paris. Für eine portugiesische Firma verputzte er Fassaden. Victor erzählt, er habe im Herbst zuletzt bei Minusgraden auf dem Gerüst gestanden, bis zu zwölf Stunden am Tag. 2.200 Euro verdiente er in zwei Monaten, das fand er sehr gut. Aber dass der Chef das Geld für den dritten Monat einfach behielt, war für ihn eine Katastrophe.

Als Victor den Bruder auf den ansonsten leeren Besucherbänken entdeckte, erzählt sein Anwalt, habe er geweint, vor Scham. "Insofern ist er vielleicht kein typischer Täter." In vielem anderen schon.

Die Republik Moldau ist ein armes Ländchen, eingeklemmt zwischen der Ukraine und Rumänien, dem slawischen und dem romanischen Sprachraum. Sie hat nur dreieinhalb Millionen Einwohner. "Wer kann, geht ins Ausland", sagt Victor. Jeder Vierte sei außer Landes, schätzt er, "mindestens". Wie er besitzen viele Moldauer auch die rumänische Staatsbürgerschaft und genießen dadurch die Arbeitnehmerfreizügigkeit der Europäischen Union. Die meisten fahren los, um Geld als Erntehelfer, auf dem Bau oder in der Altenpflege zu verdienen, in Italien, Deutschland, Frankreich. Wenn es gut läuft, finden Akademiker im Ausland Arbeit in ihren Berufen.

Warum aber fuhr Victor zum Stehlen? Hält er die Deutschen für besonders reich? So reich, dass es ihnen nichts ausmacht, wenn man ihnen etwas nimmt? "Nein", sagt Victor, er wisse es nicht. "Reichtum habe ich schon in Paris überall gesehen. Da habe ich nicht gestohlen." Pause. "Ich hatte finanzielle Probleme."

Victor wird einsilbig, vielleicht weil es so banal ist: Er wollte einfach schnell zu mehr Geld kommen. Die Eltern in Leova konnten oder wollten ihm nichts zustecken. Die Mutter Krankenschwester, der Vater Kraftfahrer – die beiden verdienten zusammen umgerechnet nur ein paar Hundert Euro. Victors Bruder, die Schwester, er selbst – alle drei wollten studieren. Victor konnte sich in Chişinău außer einem Zimmer im Wohnheim der Uni nichts leisten. Dann noch die Pleite mit dem Portugiesen in Paris, das nervte ihn. Es scheint gereicht zu haben, um kriminell zu werden.

Es gibt Fotos auf Facebook von Victor, die ihn zeigen, wie er sich sah, als er noch kein Einbrecher war. Auf einem ist er mit einem etwa gleichaltrigen Verwandten in Paris zu sehen, auf einer Feier. Beide tragen sie eine schmale dunkle Anzughose und ein gebügeltes, pastellhelles Oberhemd. Sie stehen im Sonnenschein vor einer Blumenrabatte und schauen stolz und selbstbewusst in die Kamera. Eine Freundin aus ihrer Heimat – Arbeitsort jetzt: Italien – schreibt: "Was für schmucke Jungs!" Auf einem anderen Bild hält Victor ein hübsches, adrettes Mädchen im Arm, neben sich ein Pärchen im gleichen Cocktail-Schick.

Klickt man sich durch die Profile seiner Facebook-Freunde, sieht man junge Väter herausgeputzte Kleinkinder liebkosen, zeigen Hochzeitspaare ihr junges Glück, werden glücklich Diplome in die Kamera gehalten, Arbeitgeber in Italien, Frankreich, Rumänien mit "Likes" gelobt, üppig gedeckte Tische in Restaurants verewigt und, immer wieder, Schnappschüsse von schönen Autos oder von Urlauben am Meer präsentiert.

Die Vorstellungen vom materiellen Glück unterscheiden sich in Leova und Chişinău nicht groß von denen in Mönchengladbach und Krefeld. Aber die Versuchung, dem Glück illegal auf die Sprünge zu helfen, über alle Grenzen Europas und des Anstands hinweg, scheint umso größer zu sein, je armseliger die Verhältnisse sind.

Victor H.s Raubzug von Chişinău nach Mönchengladbach über Krefeld und Jena bis nach Apolda folgt dem üblichen Schema, nach dem osteuropäische Diebe vorgehen.

Die in der Heimat angeworbenen Täter brauchen in Deutschland Unterschlupf. Den finden sie bei hier lebenden, gemeldeten Landsleuten. Nicht nur bei den Roma und Sinti sind das meist entfernte Verwandte oder alte Bekannte aus demselben Dorf, derselben Kleinstadt, aus der sie alle stammen. Mal haben diese Landsleute ganz normal eine Wohnung gemietet, wie Anton I. in Mönchengladbach. Es gibt an Rhein und Ruhr aber auch private Adressen, an denen 70 oder 80 Osteuropäer auf einmal gemeldet sind – in Dreizimmerwohnungen oder kleinen Reihenhäusern. Das ist legal.

Diese "Residenten", wie die Ermittler sie nennen, vermeiden es, selbst auf Einbruchtour zu gehen. Sie lassen andere die riskanten Jobs erledigen. Auch das Diebesgut wird tunlichst nicht in diesen Massenquartieren gehortet, sondern schnell verhökert, eingeschmolzen, verschickt.

Victor H. kam zuerst bei Anton I. in Mönchengladbach unter. Als es nach der Wohnungsdurchsuchung dort zu heiß wurde, schickte der ihn offenbar weiter nach Apolda, zu einem 54-jährigen Rumänen. Anton I. ahnte offenbar nicht, dass die Polizei schon erfasste, wohin er und die Besitzer der beiden anderen Telefonnummern sich bewegten und was sie einander sagten.

Als Uwe Laußmann und seine Thüringer Kollegen Victor H. und Valeriu S. in dem Keller in Apolda festnahmen, saßen die beiden auf gepackten Taschen. Sie wollten abhauen, die 2200 Kilometer zurück nach Hause fahren, in die Heimat.

Vielleicht hatten sie genug Beute gemacht. Vor allem aber, sagt Victor, hatte er genug von der Kälte, der Langeweile, der Angst. Wenn er nicht stahl, spielten sich seine Tage in Apolda zwischen einer Kaufland-Filiale, einem Park und diesem Kellerloch ab. Er sagt, er habe manchmal nicht genug Bargeld gehabt, um sich etwas zu essen zu kaufen. Das sei ihm blödsinnig vorgekommen: einerseits kostbare Dinge zu stehlen und andererseits "immer Hunger zu haben".

"Ihr Deutschen kriegt doch sowieso alles von der Versicherung zurück"

In ihrem Gepäck hatten sie beide je einen Sechs-Liter-Plastikbeutel voller Diebesgut verstaut, gefüllt mit Geld, Sammlermünzen, Schmuck. Außerdem fand man in dem Keller vier Jagdwaffen, eine Pistole und einige Schachteln Munition.

Die Thüringer Polizisten erkannten schnell, woher das Zeug stammt: Ende Februar war bei einem Einbruch in ein Haus in Apolda ein Hunderte Kilogramm schwerer Waffenschrank aus seiner Verankerung im Mauerwerk gerissen und aus dem Fenster auf die Wiese vorm Haus gewuchtet worden. Erst dort knackten die Diebe ihn. Sie hinterließen dabei eine Schleifspur und schöne Fußabdrücke, die auf vier verschiedene Männer schließen ließen.

Victor H. und Valeriu S. sagten der Polizei, dass ihnen der Keller in Apolda von einem Rumänen zugewiesen worden sei, den sie nur "den Onkel" genannt hätten. Anton I.s 54-jähriger Bekannter.

Das wäre Täter Nummer vier gewesen. Die Polizei fand zwar seinen Namen heraus, doch der Onkel war schon über alle Berge.

Victor H.s junger Krefelder Anwalt Leonhard Mühlenfeld vertritt häufig osteuropäische Angeklagte. Er engagiert sich für seine Klientel, doch er verklärt sie nicht. Er weiß, "dass da unheimlich viel gelogen wird", und spricht von einer "plumpen, wenig raffinierten Vorgehensweise der Täter. Die geben sich kaum Mühe, Spuren zu vermeiden. Sie lassen Kippen am Tatort liegen oder Flaschen, aus denen sie getrunken haben."

Obwohl Mühlenfeld ein Pflichtverteidiger ist, versucht er, mehr zu tun als nur seine Pflicht. Er will durchsetzen, dass Osteuropäer nicht von vornherein härter bestraft werden als Deutsche. Er sagt, dazu neigten die Gerichte im Moment. Gerechtfertigt, natürlich nur inoffiziell, werde das mit einer beabsichtigten "Generalprävention": Hohe Haftstrafen würden aufgrund einer dünnen Beweislage verhängt, da reiche schon ein Telefonprotokoll. So sollten Nachahmer abgeschreckt werden. "Wir bewegen uns auf ein Zwei-Klassen-Strafrecht zu."

Die Diebe aus Osteuropa können auch darum so sorglos vorgehen, weil ihre Opfer es ihnen oft leicht machen. Sie lassen Terrassentüren gekippt und schließen ihre Eingangstüren nicht ab. So aber sind die Türen, führt man an Modellen bei der Krefelder Polizei vor, sekundenschnell aufzuhebeln.

Die Vorstellung vom Vorortidyll, von der eigenen eingezäunten Parzelle am Stadtrand, in der alles besser, friedlicher, sicherer sei als in der Unübersichtlichkeit der Innenstädte, ist nicht totzukriegen. In Wahrheit ist es genau andersherum: Wo es übersichtlich ist und man sich gleichzeitig vor der Welt abschirmt, haben Diebe leichtes Spiel. Dann genügt ein Schraubenzieher oder ein Fußtritt ins Kellerfenster.

Zu Ina und Udo W. kamen die Moldauer durch den Garten. Zwischen ihrem Grundstück und dem der Nachbarn verläuft ein schmaler Weg, der zu einem dritten, dahinterliegenden Einfamilienhaus führt. Die W.s hatten zu diesem dritten Haus hin hohe Sträucher wachsen lassen, die den Eindringlingen als Tarnung dienten. Die Einbrecher gingen über die Terrasse, vorbei an dem steinernen Vogelbad, schoben den großen amerikanischen Grillwagen vor einen der Kellerschächte am Sockel des Hauses und konnten so das Gitter über dem Schacht ungesehen eintreten. In der Küche räumte einer das Fensterbrett frei, um einen besseren Fluchtweg nach draußen zu schaffen.

15.000 bis 20.000 Euro, hatten Ina und Udo W. geschätzt, waren die gestohlenen Sachen wert gewesen. Die Versicherung glaubte ihnen nicht. Sie wollte nur 3.000 Euro erstatten.

Da wurde Ina W. fuchsig. Sie rief den Mann an, mit dem sie vor ihrer Ehe zusammen war, Anfang der achtziger Jahre. Er war Goldschmied und hatte die meisten der schweren Ringe damals extra für sie angefertigt. Jedes Schmuckstück hatte er fotografiert. Am Ende zahlte die Versicherung 11.000 Euro.

Auf die Frage, ob es ihm nichts ausmache, anderen Menschen ihr Hab und Gut wegzunehmen, hat ein junger Tatverdächtiger aus Albanien dem Kommissar Uwe Laußmann einmal geantwortet: "Ihr Deutschen kriegt doch sowieso alles von der Versicherung zurück."

Das stimmt nicht. Die Versicherungen ersetzen oft nur einen Teil des Verlusts – oder nichts. Wenn zum Beispiel ein Fenster im Erdgeschoss gekippt war und darum von Dieben aufgehebelt werden konnte, war es für die Versicherer eben ein offenes Fenster. Und damit eine Einladung. Große Werte muss man sowieso in Tresoren lagern, und die müssen gewisse Sicherheitsanforderungen erfüllen.

Bei einem seiner Einbrüche gelangte Victor H. in ein Krefelder Haus, in dessen Keller zwar ein neuer Tresor stand, aber der war noch verpackt. So nahmen Victor und seine Kompagnons mit, was sie eine Etage weiter oben finden konnten. Victors Angaben zufolge war das nicht viel, etwas Bargeld und ein paar Ringe. In der Anklageschrift stand jedoch, dass sie Gegenstände im Wert von fast 90.000 Euro mitgehen ließen.

Ende Oktober vergangenen Jahres sagt die Hausherrin im Prozess aus, eine 32-jährige Chinesin. Ihr deutscher Mann, ein Manager in der Energiebranche, hütet währenddessen auf der Zuschauerbank den zweiten Sohn, einen Säugling.

Im Februar 2014 hatte die junge Familie erst wenige Monate in ihrem neuen Haus in Krefeld gewohnt, nach Jahren in Peking. Als Victor H. einbrach, wartete sie gerade an der Warenausgabe von Ikea auf Kinderzimmermöbel.

Die Chinesin sagt vor Gericht, sie hätten es noch nicht geschafft gehabt, am Tresor ihre Fingerabdrücke einzuprogrammieren, eine komplizierte Angelegenheit. Der Tresor also war leer, und auf Schränken, in Schachteln und Schubladen lagen herum: seine Fotokameras, ihr Schmuck, Bargeld. Es seien Hongkong-Dollar gewesen, chinesische Renminbi und US-Dollar, davon rund 1.800.

1.800 Dollar. Das war etwa der Betrag, den Victor H. seinen Eltern in den Tagen nach diesem Einbruch überwies, über Western Union. In einem Telefonat, das die Polizei mitschnitt, fragte er sie, ob das Geld angekommen sei.

Vor Gericht beschwert sich Victor, das Telefonat sei falsch übersetzt worden. Das Geld sei nicht gestohlen gewesen. Das gehe aus dem Gespräch hervor. Anwalt Mühlenfeld beantragt auf Victors Drängen hin eine zweite, ausführlichere Übersetzung.

Viktor H. hofft auf Revision

Das war keine gute Idee. Nun wird deutlich, dass die besorgte Mutter in Leova ihren Sohn in Deutschland schalt: Er möge aufhören mit den Dummheiten und sofort nach Hause kommen! Er werde sich und die Familie nur unglücklich machen!

Die Zeugin zählt auf, welche Preziosen ihr gestohlen worden seien. Einzeln nennt sie die Geschmeide in Platin und Weißgold, die Schweizer Uhren und Brillanten, Rubine, Jadeanhänger, Saphire. Sie sagt: "Ich liebe Steine!", und zeigt Zertifikate, Rechnungen, Fotos her. Victors Verteidiger Mühlenfeld zweifelt die Angaben an. Ikea-Möbel und teure Geschmeide, klingt ja auch seltsam. Victor hat zu seinem Anwalt gesagt: Wenn sie solche Reichtümer vorgefunden hätten, wäre er am nächsten Tag abgehauen. Fast alle Schachteln seien aber leer gewesen.

Für das Gericht spielt das keine Rolle. Leuten, die für ihr Geld arbeiten, glaubt man. Leuten, die es stehlen, nicht. Die Versicherung hat der Familie ohnehin nur 20.000 Euro erstattet – weil sie den Tresor nicht benutzt hatte.

Victor H.s Zähne sehen etwas mitgenommen aus vom vielen Rauchen. Außer dem Rauchen hat er nicht viel Ablenkung, abgesehen vom Hanteltraining und neuerdings vom Fernsehen. Von seinem Lohn aus der Gefängnistischlerei konnte er sich ein Gerät kaufen.

Er redet im Gefängnis viel Russisch mit russischen Insassen. Rumänisch, seine Muttersprache, sprächen hier "nur die Zigeuner". Die meisten sind Diebe wie er. Aber das sei kein Umgang für ihn, Leute mit nur drei Klassen Schulbildung! "Ich weiß, wo ich hingehöre!"

Wieder kleinlaut sagt Victor: Das alles sei wie ein schwarzer Fleck auf seinem Leben. Er würde am liebsten alles ungeschehen machen. Drum wolle er jetzt seine Zukunft in die Hand nehmen, Deutsch lernen, einen Beruf! Es klingt, als stehe ihm die Welt offen. Aber das tut sie nicht mehr.

Ende November ist Victor H. zu fünf Jahren und vier Monaten Haft verurteilt worden. Die Richter sahen es als erwiesen an, dass er an sieben der acht angeklagten Taten beteiligt war, in einer Bande, gewerbsmäßig. Sein Anwalt ist in Revision gegangen. Er findet, man habe die Schuld in zwei Fällen nicht nachweisen können.

Victor H. hofft. "Wenn jetzt mit der Revision alles gut wird", sagt er, als sei das gesetzt, "dann will ich nichts weiter als eine kleine Anstellung mit einem kleinen Gehalt haben." Und nur nach Hause. Ins Armenhaus Europas.

Empfindet Ina W. Genugtuung darüber, dass man die Einbrecher geschnappt hat? Dass der Gerechtigkeit Genüge getan wird, wenigstens ab und zu? Nein, sagt sie, "nicht wirklich". Sie fühle sich eher mehr als Opfer als noch vor dem Prozess. "Bestohlen zu werden ist schon nicht schön. Jetzt aber kennen sie meinen Namen, meine Adresse, meinen Beruf. Das ist unangenehm. Es fühlt sich nicht richtig an."

Seit dem Einbruch hat sie einen leichten, dünnen Schlaf. Ein Rascheln, Schritte auf Kies, Gewisper können sie jetzt wecken, einfach so.

Vergangenes Jahr, in einer Nacht im Frühsommer, erwachte sie von einem kaum hörbaren Geräusch auf der Straße vor ihrem Haus. Sie reckte den Kopf aus dem offenen Fenster ihres Schlafzimmers im ersten Stock. Neben sich wusste sie Udo, ihren schlafenden Mann, groß, schwer, beruhigend. Sie blickte hinab auf das Ende ihrer Straße. Vor ihrem Haus sah Ina W. einen VW-Kleinbus unter der Laterne stehen, dunkel glänzend, ein neueres Modell. An seinem Heck waren Fahrräder befestigt. Davor stand ein Mann und nestelte mit ruhigen Bewegungen daran herum. Er schien die Fahrräder zu befestigen.

Immer mal wieder parken in diesem Winkel Autos von Besuchern der umstehenden Häuser. Ina W. dachte, es wird wohl ein Verwandter von Nachbarn sein, auf Durchreise in die Ferien. Auch habe er "normal ausgesehen, wie ein Familienvater, der sich so ein Auto leisten kann", sagt sie, "gepflegt und nicht schlodderig, mit heller Hose und einem Pulli überm Hemd. Kurze dunkle Haare, schon so mit einer leichten Platte."

Plötzlich sah er zu ihr hoch, obwohl ihr Fenster, wie sie denkt, keine Geräusche gemacht hatte. Doch gleich schaute er wieder weg. Da zog Ina W. den Kopf ein und legte sich noch einmal hin. Es gelang ihr, wieder einzuschlafen.

Am nächsten Tag waren die Fahrräder gestohlen und das Navigationsgerät des Autos auch. Der Kleinbus hatte tatsächlich Gästen von Nachbarn gehört. Aber der normale Mann war ein gewöhnlicher Dieb gewesen.