An keinem anderen Tag der Woche kaufen die Deutschen mehr ein als am Sonntag. Nicht in der Stadt, da hält das Gesetz die Türen der Händler geschlossen, aber im Internet. Dort wird ein Fünftel des Umsatzes an Sonntagen gemacht. Das Verbot der Sonntagsöffnung kostet den stationären Einzelhandel Kunden und Marktanteile. In Ländern, die sonntags Handel erlauben, gibt es den zeitlich parallelen Auftragsboom für Onlineshops nicht.

Solange der Internethandel eine Randerscheinung war, konnte man das ignorieren. Im Jahr 2014 wurde aber bereits jeder zehnte Euro im Internet ausgegeben: über 42 Milliarden Euro. In manchen Branchen liegt der Anteil des Onlinegeschäfts schon bei 20 Prozent. Diese Entwicklung ist der Grund, warum der deutsche Einzelhandel seit mehr als einem Jahrzehnt stagniert. Besonders unter Druck sind die kleinen Fachhändler, die inhabergeführten Läden und die schönen Boutiquen, die unseren Innenstädten Flair und Charme verleihen.

Sicher, Internet und Sonntagskonkurrenz sind nicht die einzigen Faktoren, die das Sterben des klassischen Einzelhandels vorantreiben. Der Verdrängungswettbewerb durch Ketten und das Wachstum der Handelsflächen auf der grünen Wiese setzt ihnen ebenfalls schwer zu. Hier aber haben die meisten Kommunen die Zeichen der Zeit erkannt und steuern gegen. Neue Einkaufstempel an Autobahnen und Stadträndern werden kaum noch genehmigt.

Die Konkurrenz im Internet wächst hingegen ungebremst. Riesige Logistikzentren fräsen sich in die Landschaft. Die Arbeitsbedingungen in diesem Gewerbe gehören zum schlechtesten, was der deutsche Arbeitsmarkt zu bieten hat. Im Schutz der Sonntagsruhe gedeiht nicht das Christentum, sondern Amazon.

Natürlich hat der Einkauf im Internet auch andere Vorteile als unbegrenzte Öffnungszeiten: schneller Preisvergleich, Bestellung von zu Hause, freier Umtausch. Die Händler in den Innenstädten können dagegen nur mit Service und Erlebnis bestehen. Einkaufen in der Wirklichkeit wird immer mehr zu Shopping. Begegnung und Beratung, Kaffee und Kauflaune sind die Konzepte mit Erfolg. Diese Stärken kann der stationäre Einzelhandel nur ausspielen, wenn die Menschen Zeit haben. Freizeit. Also am Wochenende. In der Mittagspause muss es schnell gehen. Das reicht nicht zum Shoppen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 9 vom 26.02.2015.

Als Oberbürgermeister bin ich regelmäßig in der historischen Altstadt Tübingens unterwegs. Sie ist selten voller als am Sonntag. Es ist paradox: Die Menschen kommen dann zu uns, wenn die Läden zu sind. Am Montag herrscht hingegen gähnende Leere in den Gassen und Geschäften. Für die Einzelhändler könnte es das Überleben bedeuten, dann zu öffnen, wenn die Kundschaft vor dem Schaufenster steht. Im Friseurhandwerk ist es schon lange üblich, dass man samstags arbeitet und montags schließt. Auch viele Restaurants öffnen am Sonntag und legen den Ruhetag auf den Montag. Warum soll diese Flexibilität dem Handel verwehrt bleiben?

Nun ist der Schutz des Sonntags in Deutschland nicht nur im Grundgesetz geregelt, er hat auch gute Gründe. Die Kirchen verteidigen den Gottesdienst, die Familien finden Zeit für sich, Arbeitnehmer eine Pause von der Hektik des Jobs. Ausnahmen gibt es aber schon bisher viele, ohne dass diese Anliegen im Kern gefährdet sind. Sonntagsarbeit ist für sechs Millionen Beschäftigte bereits heute die Regel. Patienten brauchen auch am Sonntag einen Arzt. Wer seinen Arbeitsplatz im Einzelhandel verliert und als Paketbote anheuern muss, weil der Umsatz am Sonntag ins Internet wandert, wird mehr einbüßen als die Sonntagsruhe. Solange die Frau unter der Woche die Einkäufe erledigte, weil nur der Mann arbeitete, konnte sie den Sonntagsbraten zubereiten. Heute arbeiten aber meist beide Elternteile, folglich könnte für viele der entspannte Einkauf am Sonntag auch Stress aus dem engen Zeitkorsett der Familien nehmen. Der Schutz des Sonntags sollte kein Dogma sein, sondern eine Abwägung.

Der Reiz der alten europäischen Stadt ist das bunte Durcheinander von Wohnen, Arbeiten, Einkaufen und Erholen. Wer in die USA reist, kann erleben, wohin die Dominanz von Auto und Mall führt: Die Innenstädte veröden. Stirbt der Handel in den Städten, so stirbt ein Stück unserer abendländischen Kultur. Vernagelte Schaufenster markieren diesen Niedergang. Ihn aufzuhalten rechtfertigt eine geringfügige Einschränkung des Sonntagsschutzes.

Den Kommunen sollte das Recht gegeben werden, in ihren Innenstädten durch Satzung Gebiete festzulegen, in denen an Sonntagen die Geschäfte nach Ende der Gottesdienste öffnen dürfen. Wir sind in Deutschland immer gut damit gefahren, die kommunale Selbstverwaltung zu stärken. Jede Stadt sollte selbst entscheiden können, ob sie ihr Zentrum am Sonntag durch Handel attraktiver machen will.

Eine entsprechende Regel findet sich bereits in den Landesgesetzen zum Ladenschluss. Das sind die sogenannten verkaufsoffenen Sonntage. Hier könnte man ansetzen und deren zulässige Zahl von derzeit drei bis vier auf etwa 30 erhöhen. Zugleich sollte diese Möglichkeit im Gesetz auf die Innenstädte begrenzt werden. Das würde den Einzelhandel in den Zentren nicht nur gegen das Internet stärken, sondern auch gegen die Konkurrenz an den Rändern und Autobahnen.

Dass Jesus Christus diese kleine Reform ablehnen würde, ist keinesfalls sicher. Als seine Jünger aus Hunger Ähren am Sabbat ernteten und dies die Kritik der Pharisäer erregte, entgegnete er: "Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat." Das sollte auch für den Sonntagsschutz gelten.