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So sehen also europäische Erfolge aus: eine Telefonkonferenz, ein Tweet, eine Pressemitteilung. Neun schnörkellose Zeilen, in denen die Euro-Gruppe mitteilt, dass Griechenland die Auflagen der Partner vorerst erfüllt hat und weiter mit Hilfe rechnen kann. Nüchterner geht’s nicht. Dabei verbirgt sich hinter der Einigung vom Dienstag ein kleines Wunder.

Gestern noch sah es so aus, als könne das Schlimmste passieren. Unversöhnlich standen sich der deutsche und der griechische Finanzminister gegenüber, der Grexit war nah, und Hellas sah man schon in Putins Armen liegen – der Anfang vom Ende der Europäischen Union, wie wir sie kannten. Und nun? Ein Kompromiss, ein Spiel auf Zeit, eine Lösung nach europäischer Art. Schwer zu verstehen, nicht schön anzusehen, aber grundvernünftig. Die Griechen sind wieder eingefangen, Wolfgang Schäuble hat zugestimmt, die Union bleibt beieinander. Wenn das kein Erfolg ist! Und was passiert? Champagner? Prosecco? Wenigstens Bier? Wermut!

Warum fällt es der EU so schwer, ihre eigenen Erfolge zu erkennen? Warum wiederholt sich immer dasselbe Muster, in der Euro-Krise genauso wie im Ringen mit Russland: Erst kommt das große Unken, und dann, wenn sich die Union einigt, herrscht nicht einmal Erleichterung. Wer ist es eigentlich, der dieses Europa so schlechtmacht, wer verbreitet das Negativ-Narrativ?

Hauptquelle und Hauptstadt der europäischen Zerknirschung ist Brüssel. Ausgerechnet hier, wo die vermeintlich überzeugtesten Europäer wirken, wird in den schmucklosen Hinterzimmern und den teuren Restaurants, in den Thinktanks und Abgeordnetenbüros in einem fort daran gearbeitet, alles Große klein-, alles Schöne hässlich- und alles Saftige fadzureden.

Frage an einen erfahrenen Spitzenbeamten in Brüssel: "Warum wird über die EU so negativ gesprochen?" Seine Antwort, ohne eine Sekunde des Zögerns: "Weil es so negativ ist." Frage an einen der höchsten Repräsentanten der EU: "Steht es schlimm um die EU?" Antwort: "Schlimm ist noch untertrieben!" In jeder Hauptstadt dieses Kontinents, sei es in Den Haag, Berlin oder Warschau, hätte die Antwort eines verantwortlichen Politikers gelautet: "Alles halb so schlimm, und wir arbeiten dran, dass es alsbald noch besser wird."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 9 vom 26.02.2015.

Jeder, der es wagt, tiefer in die Brüsseler Depression vorzudringen, sollte sich mit ein paar Fakten wappnen: In der EU leben fast 200 Millionen Menschen mehr als in den USA; sie stellt den größten Wirtschaftsraum der Erde dar, größer als China; das Pro-Kopf-Einkommen ist niedriger als in den USA, aber fast dreimal so hoch wie in Russland; die Lebenserwartung liegt mit 81 Jahren um zwei Jahre höher als in den USA und um elf höher als in Russland. Zurzeit ist die EU politisch massiv unter Druck, von innen, weil sie unter Schmerzen enger zusammenrückt, aber noch mehr von außen: Im Süden wütet der IS, im Osten probt Putin, wie weit er mit Tricks und Waffengewalt kommen kann. Die EU ist eine Weltmacht im Wandel, sie kämpft, vielleicht erlebt sie gerade ihre dritte Gründung nach den Römischen Verträgen (1957) und der Phase zwischen Euro-Einführung und Osterweiterung (2002/2004). It’s history, stupid!

Nur nicht in Brüssel. Kraftlos, alt und verbraucht – das ist das Bild, das von Europa in der Welt gerne gezeichnet wird. Amerikanische Professoren und chinesische Kommunisten sind sich da einig. Neulich hat sich sogar der Papst an diesem Bashing beteiligt. In Europa orte er einen "Gesamteindruck der Müdigkeit und Alterung", die Impression eines Kontinents, der "Großmutter und nicht mehr fruchtbar und lebendig ist". So sagte es der Mann aus dem von Korruption geschüttelten Argentinien in einer Rede vor dem Europaparlament. Und? Gab es Protest aus den Reihen der Abgeordneten? Im Gegenteil.

Auch Michel Houellebecqs jüngster Roman Unterwerfung wurde ja so gelesen: die Fantasie eines islamischen Gottesstaats auf französischem Boden als politische Parabel auf das dekadente Europa, das nur darauf wartet, von fremden Mächten übernommen zu werden. Und wenn dann am Sonntag nach den Anschlägen auf Charlie Hebdo die Staatschefs aus der EU und der halben Welt in Paris gemeinsam für die Idee von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit demonstrieren, dann fällt es im nahe gelegenen Brüssel schwer, dies überhaupt als einen europäischen Moment wahrzunehmen. Selbstbehauptung passt offenbar nicht ins Selbstbild.

Für dieses negative Narrativ gibt es einfache, offensichtliche Quellen. Die Geschichte gehört dazu. Die EU ist errichtet worden auf den Ruinen zweier Weltkriege, der Verlust der Kolonien kam obendrauf. Schrumpfende, geschlagene Weltmächte, die sich aneinanderklammerten – auch so kann man die Geschichte der europäischen Integration lesen.