Die Frage nach unserem Ursprung gehört zu den zentralen Themen der Archäologie. Afrika gilt als Wiege der Menschheit. Überreste unserer ältesten Vorfahren entdeckte man im Becken des Tschadsees. Diese Hominiden sind sieben Millionen Jahre alt.

Der Australopithecus afarensis ging vor über drei Millionen Jahren bereits aufrecht, sein Hirnvolumen war größer als das der Affen, und er war in der Lage, seine Hände vielfältig einzusetzen. Bekanntestes Fossil dieser Art: eine Frau, genannt Lucy. Als Vegetarierin aß sie Gras und Blätter, die sie mit ihrem beeindruckenden Kauapparat zerkleinerte.

Die Sicherung der Ernährung ist seit je Triebfeder kultureller wie biologischer Entwicklung. War der Australopithecus noch weitgehend Vegetarier, so begann der Homo habilis vor etwa 2,7 Millionen Jahren damit, seinem Körper vermehrt Proteine zuzuführen – er fraß Aas. Um mundgerechte Bissen aus den toten Tierkörpern herausschneiden zu können, erfand er die ersten einfachen Steingeräte. Sie zeugen von einem problemlösenden, zielgerichteten Denken und Handeln – dies ist der entscheidende Schritt zum Menschsein.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 9 vom 26.02.2015.

Der Homo erectus oder Homo ergaster vollzog zwischen 2 Millionen und 300.000 Jahren vor unserer Zeit den Wandel vom Aasfresser zum Jäger. Nun standen ihm große Mengen hochwertigen Frischfleischs zur Verfügung. Die verstärkte Zufuhr von Fett, Eiweiß und Phosphor ermöglichte, dass sich das Gehirn weiterentwickelte. Dies befähigte unsere Ahnen zu erstaunlichen Innovationen: Der Homo erectus organisierte Treibjagden, fertigte Bekleidung und baute Behausungen. Da sich offene, savannenartige Landschaften ausbreiteten, war er gezwungen, bei der Suche nach Nahrung weite Wege zurückzulegen. Dies und die proteinreichen Lebensmittel kräftigten seine Beinmuskulatur – eine Voraussetzung, um Afrika verlassen zu können.

Neue Entdeckungen zeigen, dass die Wanderung des Homo erectus nach Europa über den Nahen Osten und durch das Kaukasusgebiet erfolgte. Entscheidend für die Rekonstruktion der damals eingeschlagenen Wege sind die 1,8 Millionen Jahre alten Funde des Homo erectus ergaster georgicus aus Dmanissi in Georgien. Es handelt sich um die ältesten Funde von Menschenresten und Steingeräten außerhalb Afrikas.

Der viel weiter westlich, im nordspanischen Atapuerca freigelegte Homo antecessor – er ist zwischen 1,2 Millionen und 800.000 Jahre alt – soll aus dem Homo ergaster georgicus entstanden sein. Er verzehrte seine tierische und pflanzliche Nahrung roh, weil er das Feuer noch nicht beherrschte.

In Mitteleuropa war das Klima damals rauer als am Rand des Mittelmeers. Ohne die Fähigkeit, Feuer zu nutzen, war ein Aufenthalt hier nicht möglich. Der erste Mensch in diesen Breiten – der Homo heidelbergensis vor rund 600.000 Jahren – besaß sie. Die Beherrschung der Glut war nach den Steingeräten die zweite grundlegende Innovation des Menschen. Mithilfe des Feuers ließ sich Fleisch haltbar machen. Wie viele Sammelpflanzen wurde es durch Braten und Kochen leichter verdaulich. Die Feuerstellen waren auch Mittelpunkte sozialen Lebens: die Orte vermutlich, an denen Sprache entstand. Ohne Frühformen sprachlicher Verständigung hätte man wohl auch keine Treibjagden organisieren können.

Zu den herausragenden Zeugnissen für das Geschick des Homo heidelbergensis zählen die Funde aus Schöningen in Niedersachsen. Im Randbereich eines eiszeitlichen Sees stießen die Ausgräber auf mehr als 300.000 Jahre alte Steinwerkzeuge, Pferdeknochen und Holzspeere. Diese ältesten Speere der Menschheit sind extrem sorgfältig gearbeitet, besitzen vorzügliche Flugeigenschaften und haben erstaunliche Ähnlichkeit mit heutigen Sportspeeren. In dieselbe Zeit gehört ein mit regelmäßig angebrachten Schnittlinien verziertes Knochenstück aus Bilzingsleben in Thüringen – das bislang älteste Ornament der Menschheit. In Bilzingsleben stieß man auch auf Schädel und andere Menschenknochen mit Schnittspuren, möglicherweise die ältesten Spuren rituellen Handelns.

Auf den Homo heidelbergensis folgte der Neandertaler, der in der Zeit zwischen 300.000 und rund 30.000 Jahren vor unserer Zeit existierte. Er war von der Iberischen Halbinsel bis in den Nahen Osten verbreitet, wohingegen er in Afrika und Asien fehlte. Auch er beherrschte das Feuer. Einfache Behausungen und Fellbekleidung rüsteten ihn für den Aufenthalt in winterkalten Gebieten. Der Neandertaler war ein Jäger, daneben sammelte er Grassamen, Früchte, Beeren, Eicheln, Pilze und Wurzelknollen. Die Entdeckung des Jenseits und die Befassung mit der Grenzerfahrung des Todes bleiben sein fundamentalster und in geistiger Hinsicht revolutionärster Beitrag. Aus seiner Zeit liegen die ältesten Funde von Bestattungen vor.

Archäologie - Australopithecus entdeckt den aufrechten Gang

Das Ende des Neandertalers ist umstritten. Fest steht, dass der aus Afrika zugewanderte moderne Mensch (Homo sapiens) ihn ablöste. Möglicherweise trug dazu eine Naturkatastrophe bei: Vor 38.000 Jahren kam es zu einem gewaltigen Vulkanausbruch in Süditalien – und deswegen zu einer ausgeprägten Kältephase. Der Neandertaler war ihr offenbar nicht mehr gewachsen. Mit seinem Aussterben überließ er dem anpassungsfähigeren Homo sapiens das Feld.