Was macht eine Feministin, wenn der Winter lang ist und die Welt sich in erbitterte Streits über Meinungsfreiheit und Unterdrückung festgekeilt hat? Sie klinkt sich aus, schreibt auf Twitter, sie brauche ein Sabbatical, und quatscht nicht mehr bei jedem Thema mit. Und siehe da, das ist möglich im Sozialen Netz. Selbst für Laurie Penny, deren Meinung immer gefragt ist, weil sie zurzeit eine der lautstärksten Kämpferinnen für Emanzipation ist. Was es zuletzt auch an Bewegungen gab, die Veränderungen und Gerechtigkeit wollten, sei es Occupy, #Aufschrei oder "Black lives matter": Laurie Pennys Stimme war immer deutlich zu hören. Auf Twitter, im britischen Magazin New Statesman, im Guardian oder in ihrem Blog. Simone de Beauvoir oder Alice Schwarzer nutzten die publizistischen Mittel ihrer Zeit, aber wenn man wissen will, wie feministischer Aktivismus heute geht, muss man Laurie Penny fragen.

Bevor 2011 ihre Polemik Fleischmarkt. Weibliche Körper im Kapitalismus erschien, lag der Feminismus drei Jahrzehnte lang im postfeministischen Koma, und niemand ahnte, wie viel Selbstbewusstsein er zurückgewinnen würde. Das war auch das Verdienst von Laurie Penny, die vormachte, wie zornig man sein muss, um auch witzig sein zu können, und wie man dialektisch genug denkt, um nicht selbstgefällig zu werden.

Wenn man es durch das Schneechaos schafft, in dem Boston in diesen Wochen begraben ist, kann man sich mit ihr im Café Diesel unweit des Harvard-Campus verabreden und zum Beispiel darüber reden, wie man Männer verführt. "Als Teenager dachte ich", sagt sie, "wenn ich Gedichte kenne, bin ich sehr beeindruckend." Dann legt sie los: "Und die Tage sind nicht lang genug, / Und die Nächte sind nicht lang genug, / Und das Leben rennt wie eine Feldmaus, / nicht mal das Gras zittert". Ezra Pound klingt aufregend aus dem Mund einer Frau, die so schnell spricht und denkt, als sei ihr das Leben wirklich zu kurz. "Es stellte sich aber heraus", sagt Penny, "dass Männer nicht von Frauen beeindruckt werden wollen. Die wollen, dass du von ihnen beeindruckt bist." Penny äfft das vergiftete Kompliment nach, das Frauen häufig ernten, die sich an diese Rollen nicht halten: "Ich finde dich wahnsinnig inspirierend ..." – darauf folgt unweigerlich ein ablehnendes "aber". Wir lachen zu laut über die Scham nach so einer Abfuhr.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 9 vom 26.02.2015.

Natürlich müssen wir an diesem von leise rieselndem Schnee total betäubten Sonntag nicht nur über Liebeskatastrophen reden. Es gibt Wichtigeres. Zum Beispiel Arbeitskämpfe, Reproduktionsmedizin, Cybersexismus und Überwachung – die Schlachtfelder der aktuellen Emanzipationsbewegungen. Im Kern geht es dem jungen Feminismus, nicht anders als seinen Vorkämpfern, darum, anzuerkennen, dass nicht alle Menschen gleich geboren sind, ohne zu akzeptieren, dass Unterschiede zum Grund von Unterdrückung werden. "Die Idee, dass man jenseits der gesellschaftlichen Erwartungen leben kann, ist für jeden befreiend", sagt Penny. Aber kann man das so einfach: radikal und unabhängig leben jenseits aller Konventionen und Erwartungen? Wahrscheinlich nicht. Aber man merkt Laurie Pennys punkig-pragmatischem Auftreten immerhin an, dass sie bereit ist, rücksichtslos für ihre Unabhängigkeit und ihre Ideen zu kämpfen.

In diesen Tagen erscheint im Nautilus Verlag ihr neues Buch Unsagbare Dinge. Sex, Lügen und Revolution auf Deutsch, das unverzagt von Konflikten zwischen den Geschlechtern spricht und an das Politische des Privaten erinnert. "Als wir aufwuchsen, hat man uns erzählt, diese Probleme seien gelöst", sagt Penny, "dann kamen wir darauf, dass das eine krasse Lüge war und noch viel zu tun ist. Es gibt ein starkes Gefühl der Enttäuschung und der betrogenen Erwartungen." In den achtziger und neunziger Jahren, als der bürgerliche Wohlstand noch einigermaßen verlässlich aussah, aalten sich selbst kluge Frauen in der Illusion, sie könnten alles haben – Erfolg und Kinder und viel Sex –, sie müssten es nur geschickt anstellen. Laurie Penny ist 1986 in London geboren. Ihre Generation hat immer nur gehört, dass es auf kriselnden Märkten höchstens etwas zu holen gibt, wenn man sein ganzes Leben der Arbeit unterordnet. So kann es nicht bleiben. Das Bewusstsein der Jungen muss wieder kritischer werden.

Es geht um Stimmen, die sonst niemand hört

Mag sein, dass Pennys elektrisierende Angriffslust und Nervosität von den Nikotinkaugummis befeuert werden, die sie am laufenden Band kaut. Besorgt schauen wir nach draußen, wo Schneepflüge inzwischen riesige Berge zusammenschieben. Im Laufe des Nachmittags wird das öffentliche Leben in Cambridge und Boston völlig zum Erliegen kommen, die Universitäten werden schließen, und Penny wird tagelang nicht aus dem Haus kommen. Eine Prüfung für eine hyperaktive Person. Sie wird in diesen Tagen dreißig Ratschläge für werdende Journalisten ins Netz ballern. Ratschlag Nummer eins: "Sorge dafür, dass du bezahlt wirst. Selbst wenn du es dir leisten kannst, umsonst zu arbeiten, wirst du den anderen die Preise verderben."

Penny hat über Occupy geschrieben und über andere Proteste junger Leute, die die Selbstausbeutung nicht mehr hinnehmen wollten, die liberale Märkte von ihnen fordern. Das Internet hilft solchen Bewegungen, sich zu formieren und sich ebenso schnell zu transformieren, wenn die politischen Erfahrungen sich drehen. Viel von dem Engagement, das frei wurde, als sich das von Weißen dominierte Occupy verlief, fließt in Amerika heute in "Black lives matters", den Widerstand gegen ungerechte Behandlung Schwarzer durch weiße Polizisten.

"It’s all about unheard voices" – Stimmen, die sonst niemand hört, sagt Laurie Penny, die in ihrem Buch erzählt, welche Befreiung das Internet für sie als Teenager bedeutete: "Hier ist mein Körper mit seinem Gewicht nicht wichtig, nur meine Worte sind wichtig. Ich will nicht einfach nur ein Mädchen sein, denn ich weiß aus Erfahrung, dass Mädchen nicht verstanden werden. Nachdem sich unser Alltag jedoch ins Netz verlagert hatte, stellte es sich heraus, dass es im Internet eben doch eine Rolle spielte, ob man Junge oder Mädchen war. Eine große sogar." Die nächste Enttäuschung.

Im Internet wird sichtbarer denn je, dass der Feminismus für einige Männer ein blutrotes Tuch ist. Penny und andere öffentlich aktive Frauen werden online ständig an Leib und Leben bedroht. Wenige Tage bevor wir uns treffen, nennt ein Twitterer Laurie Penny einen "Kultur-Nazi" und schreibt: "Du bist eine Krankheit. Krebs. Leute wie du müssen ausgerottet werden."

Für solche Gewaltexzesse kann man nicht die Anonymität der User verantwortlich machen. Oft habe sie diese Männer nach einer fünfminütigen Suche identifiziert, sagt Penny. "Das ist ein Unterton in der Gesellschaft, der schon lange akzeptiert wird. Die Feministin Germaine Greer schrieb, Frauen machten sich keine Vorstellung davon, wie sehr Männer sie hassen. Jetzt wissen wir es. Sachen, über die man früher mit seinen Freunden gewitzelt hätte, sind jetzt sichtbar."

Viele Männer fühlen sich heute selbst nicht mehr wohl in muffigen, alten Geschlechterrollen und sind von Einschüchterungsversuchen gegen Frauen angewidert. Aber woher kommt die Brutalität solcher Drohungen? Woher der Ton persönlicher Beleidigungen, in dem Kämpfe zwischen jungen weißen Frauen und alten weißen Männern, Patriarchatsanhängern und Queer-Aktivistinnen ausgetragen werden? Man begreift es nur, wenn man die dumpfen Gefühle wahrnimmt, die als Symptom alter Machtstrukturen noch immer in den intimsten Augenblicken jedes Lebens aufkommen.

Man spricht ungern über diese Dinge, weil der liberale Kapitalismus will, dass der Einzelne geräuschlos für sein emotionales Kapital, seine Ausgeglichenheit sorgt. Man "spürt" sich in therapeutischen Diskursen und wägt die Befriedigungseffizienz von Beziehungen ab, aber man redet wenig darüber, was sie für das Zusammenleben in der Gesellschaft bedeuten und wie man sie verändern könnte.

Mit Laurie Pennys neuem Buch lernt man es wieder. Dazu musste sie Nummer 17 ihrer journalistischen Regeln brechen: "Wenn du eine Frau bist oder dunkle Hautfarbe hast, lass dich nicht dazu nötigen, jede deiner Geschichten zu 'personalisieren'." In den vielleicht heikelsten Passagen in Unsagbare Dinge zieht sie politische Konsequenzen aus persönlichen Blessuren. Die Wirkung eines misslungenen Flirts beschreibt sie so: "Einen Augenblick lang, der sich in die Länge dehnt und durch den verletzten Intimbereich meines Herzens tobt, wünschte ich, ich wäre anders, ein Mädchen mit sanfter Stimme und langem, weichem Haar. Die Eifersucht frisst mich auf, und so kriegen sie dich. Genau diese Angst macht uns klein und konformistisch. Es ist die Angst, ungeliebt zu sein." Auf diese Weise halten sich die Angst der Frauen vor dem Liebesverlust und die Angst der Männer vor dem Machtverlust gegenseitig in Schach.

"Ich bin eine feministische Futuristin"

"Ich glaube, die Idee einer Zukunft, in der Geschlechterrollen ganz aufgegeben werden, ist ganz erschreckend für Männer, denn ihr Selbstwertgefühl stammt aus einer Welt, die es nie wirklich gab, in der sie die Mächtigen waren, das Geld verdienten und die Abenteuer bestanden", sagt sie, bevor sie im Café Diesel nicht mehr still sitzen kann und wir atemlos über den verschneiten Campus rennen.

"Was machen wir denn jetzt", frage ich und versuche, mit ihr Schritt zu halten, als sie einen Kiosk ansteuert, um eine E-Zigarette zu kaufen, "wenn Männer an der Gleichberechtigung nur verlieren können?" Penny ist immer vier Schritte und zwei Gedanken schneller als ich. "Ich glaube fest an die Möglichkeit aufrichtig gleichberechtigter Liebe", sagt sie. Im Grunde ist die Feministin Laurie Penny eine Romantikerin.

Aber man muss schon mit ihr durch den Tiefschnee waten, um sie über Liebe reden zu hören, öffentlich kommt sie kaum dazu. Nicht erst seit den Attentaten auf die Redaktion von Charlie Hebdo wird sie immer wieder in mühsame Streits unter dem Schlagwort "Meinungsfreiheit" verwickelt. Ermüdende Diskussionen darüber, wer wem das Wort abschneide: Männer den Frauen oder umgekehrt? Westliche Islamkritiker den Muslimen und in deren Namen dann Terroristen mit der Waffe den Satirikern? Und überhaupt: Was wisse eine Akademikerin schon über die Probleme normaler Menschen? Penny entschuldigt sich fast: "Ich bin weiß, überwiegend hetero, cisgender – es gibt so viele Erfahrungen, die ich einfach nicht machen kann."

Sie hofft, dass sie in London wieder in der Kommune leben kann, in die sie vor einem Jahr gezogen ist, wenn ihr Jahr in Harvard endet. Ein Loft, in dem acht bis zwanzig Leute wohnen. Miete und Essen werden geteilt, an der Wand hängt eine Liste, auf der neben dem Namen der Mitbewohner deren bevorzugtes Geschlechtspronomen notiert ist und wie "he", "she" oder "they" den Tee trinkt (mit Milch oder Zitrone?). Das war es schon an Ideologie, ansonsten geht es in dieser Gemeinschaft eher um geteiltes Risiko. Wenn einer seinen Job verliert, zahlen die anderen eine Weile für ihn mit.

Aber wer weiß, ob die WG noch besteht, wenn sie zurückkommt, oder ob der Londoner Immobilienmarkt ihr schon den Platz geraubt haben wird.Die Möglichkeiten, Freiräume zu erobern, werden weniger, auch deswegen verbringen die Leute so viel Zeit online. Penny gibt viel Geld für Technik aus: "Die hält dich in Verbindung, deine Wohnung kann dir im nächsten Monat genommen werden." London werde wegen der Mieten langsam unbewohnbar, Edinburgh wäre denkbar, in Schottland sei gerade die aufregende Energie der Unabhängigkeitsbewegung zu spüren. Oder eben Berlin, da zögen ja jetzt sowieso alle hin.

Sie will dann, wo auch immer, einen Science-Fiction-Roman schreiben. "Man muss sich andere Welten vorstellen können, bevor man in ihnen leben kann." Es gebe heute so viel Technik, die sich Scifi-Autoren früher ausgedacht hätten, nur eine futuristische Gesellschaft fehle noch: "Ich bin eine feministische Futuristin." Deshalb glaubt sie auch an avancierte Techniken der Reproduktionsmedizin: "Biologie ist eine Tragödie!" Nur habe sich noch keine "Sozialarchitektur" entwickelt, die nicht auf den Werten der alten Welt beruhe, in der "der weibliche Körper eine Art globaler Ressource war". Social Freezing zum Beispiel, das Angebot von Firmen, weiblichen Angestellten das Einfrieren ihrer Eizellen zu bezahlen, sei eine gute Möglichkeit in einem miesen System. "Man versucht, weibliche Erfahrungen in das männliche Arbeitsmodell zu rammen. Aber niemand sagt, wenn wir die Männer befreien wollen, müssen wir allen die Möglichkeit geben, Arbeit und Privatleben in ein Gleichgewicht zu bringen."

Um uns fällt weiterhin grotesk viel Schnee, die Straßen werden enger, der Himmel wird niedriger, eine klaustrophobische Atmosphäre macht sich breit. Trotzdem kann man sich jetzt und hier eine andere mögliche Zukunft vorstellen, weil gerade niemand damit beschäftigt ist, seine Ansprüche zu verteidigen. "Ich denke auch über dystopische Szenarien nach", Laurie Penny ist schon wieder schneller als ich. "Man hat ja oft den Eindruck, da ist der Klimawandel, alles wird schlechter, und die Welt endet bald. Ich will es nur hinkriegen, dass die Leute nicht beschissen zueinander sind, wenn die Apokalypse kommt."

Dann läuft sie davon ins Weiße. Sollte der Bostoner Winter ein Vorbote der Apokalypse sein, will man ihr noch hinterherrufen, befolge unbedingt Nummer 24 deiner Journalisten-Ratschläge: "Lies keine Kommentare. Lies sie NICHT. ICH SEHE, WIE DU SIE LIEST. Stopp."

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