Türkische Frauen protestieren mit Plakaten, auf denen die getötete Özgecan Aslan zu sehen ist, gegen Gewalt gegen Frauen. © Adem Altan/AFP/Getty Images

Ich denke an die Hände einer jungen Frau aus Tarsus. Ich bin unterwegs, um ihren Eltern mein Beileid auszusprechen. Während der Fahrt schaue ich immer wieder auf meine Hände, die das Lenkrad umfassen. Ich bin nervös, obwohl ich in Tarsus aufgewachsen bin. So wie Özgecan Aslan.

Özgecan Aslan war 19 Jahre alt, als sie ermordet wurde. Sie stieg am Abend des 11. Februar in einen Minibus. Sie war der letzte Fahrgast. Der Fahrer versuchte sie zu vergewaltigen, sie wehrte sich. Zuerst würgte er sie, dann stach er auf sie ein. Mehrfach. Bevor sie ihren letzten Atemzug machte, schnitt der Mann ihre Hände ab. Dann verbrannte er ihren Leichnam und ließ ihn in einem Flussbett liegen. All das geschah in einer anatolischen Stadt an der Südküste der Türkei, in der Provinz Mersin, unserer Heimat. Frauen wie Özgecan oder ich hätten uns hier sicher fühlen müssen. Doch wir sind mit dem Gefühl aufgewachsen, von potenziellen Tätern umgeben zu sein.

Wie oft ich mir schon vorgestellt habe: "Wenn mich jemand angreifen sollte, dann zerkratze ich ihm das Gesicht, dann ..." Özgecan hat genau das gemacht. Sie hat sich mit ihren Händen gewehrt. Diese Hände hat ihr Mörder abgeschnitten, in eine Kloschüssel geworfen und mit Bauschutt zugedeckt. Bei seiner Verhaftung sah man noch die Kratzspuren in seinem Gesicht, die Özgecan ihm zugefügt hatte. Jetzt sind ihre Hände zu einem Symbol für den Widerstand der Frauen in der Türkei geworden.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 9 vom 26.02.2015.

Mein Weg zu Özgecans Familie führt entlang der Strecke, die auch der Minibus gefahren ist. Immer wieder muss ich daran denken, dass das, was Özgecan zugestoßen ist, auch mich oder eine meiner drei Schwestern hätte treffen können. Wie oft bin ich panisch ausgestiegen, bevor der Bus meine Haltestelle erreichte, weil ich nicht der letzte Fahrgast sein wollte? Wie oft bin ich lieber zu Fuß nach Hause gegangen? Aber das ist auch nicht viel besser, besonders nicht, wenn es schon dunkel ist. Dann schaust du dich nach jedem Schritt um. Verfolgt mich jemand? Wer ist noch auf der Straße unterwegs? Sind Frauen, Familien dabei?

Als ich mit meinen lärmenden Gedanken bei Özgecans Eltern ankomme, überrascht mich die Stille. Weder Geflüster noch Klagen sind zu hören. Das Haus von Özgecans Familie liegt in einer Einbahnstraße, ein zweistöckiges violettes Gebäude. Ein provisorisches Trauerzelt wurde aufgebaut. Das Haus ist zu klein für die vielen Menschen, die von überall aus der Türkei kommen, um Özgecan und jede getötete Frau zu betrauern.

Özgecans Eltern sitzen im Zelt und nehmen die Beileidsbekundungen entgegen. Ich gehe zu ihnen. Ich sage, dass ich Journalistin sei und für die ZEIT arbeite. "Von dem Leid unserer Tochter hat man also bis nach Deutschland gehört", sagt die Mutter. Sie weint. Özgecans Tante, die an der Seite steht, sagt: "Özgecan hat immer gesagt: 'Ich bin ein besonderer Mensch.' Jetzt verstehe ich, was sie damit meinte. Sie sagte, sie werde Psychologin werden, den Menschen helfen und die Welt verändern. Vielleicht verändert sie die Welt nun auf diese Weise."

Özgecans Tod hat eine Debatte über Gewalt gegen Frauen ausgelöst. Zu Tausenden sind sie auf die Straße gegangen, um gegen den Hass, der ihnen entgegenschlägt, zu demonstrieren. Auf Facebook und Twitter schreiben sie, dass sie sich in unserem Land nicht sicher fühlen. Unter dem Hashtag #sendeanlat ("Erzähl du es auch") teilen sie ihre Erfahrungen mit Belästigung und Vergewaltigung, die sie bisher meinten verheimlichen zu müssen. Auch Männer beteiligen sich an den Protesten.

Woher aber kommt diese Verachtung für Frauen in unserem Land?

Es war nicht immer so. Spricht man mit Frauen aus der Generation meiner Mutter, hört man Dinge wie: "An Sommerabenden gingen wir zusammen mit unseren Freunden und Freundinnen aus dem Viertel ins Open-Air-Kino." Solche Kinos gab es in meiner Jugend nicht mehr. Der Militärputsch 1980 zeigte seine Wirkung besonders in kleinen Städten wie Tarsus. Er brachte Armut, Angst, Nationalismus und Konservatismus. Anders als die Frauen der Generation meiner Mutter hatten meine Freundinnen und ich als Jugendliche Angst rauszugehen, wenn es dunkel wurde und kein männliches Familienmitglied dabei war. Wir mussten uns rechtfertigen, wenn wir uns mit Schulkameraden anfreundeten, und wurden ermahnt, dass wir schief angeguckt würden. Die Menschen zerreißen sich den Mund und man gilt schnell als "leichter Happen", wenn man eine selbstbewusste Frau ist. Junge Männer behandeln dich so, als wärst du einfach zu haben. Respekt erfährt man nicht.

Heute, als erwachsene, selbstbewusste und unabhängige Frau, verstehe ich, dass die Verachtung kein Zufall ist. Sie hat Struktur. Politik und Patriarchat sorgen dafür, dass Frauen eingeschüchtert werden. Sie würgen Frauen ab – mit Worten und mit Händen.

Nach der Ermordung von Özgecan sagte Präsident Tayyip Erdoğan in einer Rede: "Gott hat die Frauen den Männern anvertraut." Frauen werden "anvertraut", als wären sie eine Sache, auf die man Acht geben müsste. Als Frauenorganisationen ihn für diese Aussage kritisierten, sagte er: "Ihr habt doch nichts mit unserer Zivilisation, unserem Glauben, unserer Religion zu tun." Er meinte die Feministinnen. Er definierte sie als gottlos, als Feind.