Yanis Varoufakis © Emmanuel Dunand/AFP/Getty Images

"Regieren ist ein Rendezvous mit der Realität", dozierte Wolfgang Schäuble nach der jüngsten Runde gegen Athen, die Euroland nach Punkten gewonnen hat – wenn man den Schwüren der Griechen glauben darf. Sie wollen sparen und reformieren. Dafür gibt es vier weitere Monate unter dem Rettungsprogramm.

Hat Schäubles donnerndes "Nein" das wochenlange Tänzeln am Abgrund beendet? Die Härte der Eurogroup erklärt den Ausgang nicht ganz. Denn Finanzminister Yanis Varoufakis kannte sehr wohl die Risse in der Front, selbst in Deutschland, wo die SPD für Nachsicht und Geduld plädierte. An höchster EU-Stelle tat sich Kommissionschef Juncker als Fürsprecher hervor. Das Vabanquespiel – all in – war also nicht irrational. Auf die stärkeren Nerven kam es an.

Die bessere Erklärung liefert der Beelzebub namens "Märkte". Normalerweise hätten die in Panik verfallen müssen; das taten sie allein in Griechenland, wo der Aktienindex abstürzte, derweil Milliarden aus den Banken abgezogen wurden. Der Dow Jones ist in den letzten drei Wochen um fast 1.000 Punkte gestiegen – um sechs Prozent. Der Dax ging um drei Prozent hoch. Die Zinsen für 10-Jahre-Staatsanleihen haben sich in den Krisenländern kaum bewegt. Französische bringen 0,7 Prozent, italienische und spanische anderthalb. Nur Griechen-Bonds stiegen um satte 1,2 Prozent.

Was besagen diese Zahlen? Die mächtigste Waffe der Griechen – ihr Erpressungspotenzial – ist stumpf geworden. Die Angst vor der europaweiten Pandemie gibt kein Druckmittel mehr her, das seit 2010 so prächtig nach der Devise funktioniert hat: "Rettet uns, oder ihr geht alle drauf." Keine Ansteckungsgefahr, keine Milde.

Für die ausgebliebene Panik gibt es vielerlei Gründe. Ein Grund ist die Überflutung der Welt mit Geld – mit den Billionen, die Fed, EZB und Bank of England in das Finanzsystem gepumpt haben. Ein zweiter: Wenn Zinsen gen null sinken, flüchtet das Geld in die Aktien; deshalb ihr steter Anstieg. Wohin denn sonst, wenn Öl und Gold derzeit auch nichts bringen? Schließlich die bösen Buben, die Money-Manager in Amerika, die nun Gutes für Europa tun. Einer, der 611 Milliarden Dollar verwaltet, empfiehlt Europa seit Jahresende. Ein anderer meldet: "Der Himmel erhellt sich über Europa."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 9 vom 26.02.2015.

Nicht aber über der Ägäis, wo nun die Syriza-Wähler wider die Regierung toben, die ihnen das Ende der Demütigung durch Merkel und Schäuble versprochen hatte. Das "Rendezvous mit der Realität" hat aber mit den Germanen nur indirekt zu tun; die Märkte spielen die Hauptrolle – und die können sich wieder drehen und die Stampede der "elektronischen Herde" auslösen.

Vorweg aber gilt, dass Varoufakis die Lederjacke durch einen Dreireiher ersetzen muss, die Arroganz durch Realismus. Die verlorene Poker-Partie könnte auch die Reformlust der anderen "Club Med-Länder" beflügeln, die übrigens nicht die "griechische Karte" gezückt, sondern europäische Tugend bewiesen haben. Zu peinlich wäre die Solidarisierung mit Athen gewesen.

Ein Trost bleibt den Griechen doch: Sie haben seit 2010 gelernt, dass Europa sie nicht fallen lassen wird. Deshalb wird das Pokern noch jahrelang weitergehen – bis Athen glaubhaft zeigt, dass es Ernst machen will mit dem Umbau seiner Wirtschaft.