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DIE ZEIT: Herr Luthe, der Dehoga, der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband, sitzt in Berlin-Mitte, umringt von Hotels. Seit Januar gelten neue Sterneregeln – haben Sie schon überprüft, wer seine Plaketten abschrauben muss?

Markus Luthe: Nein, die individuellen Plaketten gelten für drei Jahre. Wenn die rum sind, überprüfen wir erneut. Die Kriterien selbst werden alle fünf Jahre überarbeitet. Alles andere wäre organisatorischer Unfug.

ZEIT: Ihr Kriterienkatalog umfasst 270 Kategorien, von Ökolabels über Zusatzkopfkissen bis hin zum Zahnbecher. Einige gilt es zu erfüllen, um eine bestimmte Anzahl an Sternen zu bekommen, für andere gibt’s Zusatzpunkte. Seit 2015 müssen auch Zweisternehotels den Gästen Internetzugang anbieten.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 9 vom 26.02.2015.

Luthe: Ja, Konnektivität ist ein großes Thema. Als Gast möchte ich mich von meinem Zimmer aus mit der Welt verbinden können. WLAN ist allerdings erst ab drei Sternen Pflicht.

ZEIT: Dasselbe gilt für Steckdosen neben dem Bett, um all die mobilen Geräte unter Strom zu halten.

Luthe: Steckdosen neben dem Bett sind für uns aber schon seit 1998 ein Kriterium.

ZEIT: Wie bitte? Wofür denn?

Luthe: Für Menschen mit Hörbehinderung, die einen Rüttelwecker anschließen wollen.

ZEIT: Wurde ja prima umfunktioniert. Was hat sich in der Hotelkultur denn seit der letzten Runde geändert?

Luthe: Die klassische Rezeption etwa geht in Lounges auf, mit Wohnzimmeratmosphäre, Büchern, Bar und Billardtisch. Neue Designkonzepte stellen manche unserer Kriterien infrage: Muss auf den Zimmern ein abschließbarer Schrank sein, oder reicht eine hochwertige Kleiderstange? Würden wir starr den Kriterienkatalog eines Grandhotels aus den 1960er Jahren anlegen, dann würden wir den Hotelmarkt schlichtweg ersticken.

ZEIT: Mal ehrlich, wer braucht die Dehoga-Sterne überhaupt noch? Es setzen doch eh alle auf die Bewertungen der Onlineportale.

Luthe: Dieser Interpretation schließe ich mich nicht an. Beides gehört heute zusammen. Subjektive Gästebewertungen sind wichtig, ja. Aber wenn ein Haus bei TripAdvisor 4,8 von 5 Punkten bekommt, muss man doch wissen, mit welcher Erwartung der Gast dort angereist ist: War es ein Hostel oder das Adlon? Die Sterne sind der Anker in einem Meer subjektiver Bewertung.

ZEIT: Das klingt versöhnlich – aber wollen Sie ernsthaft sagen, dass Sie das Aufkommen der neuen Portale nicht als Konkurrenz empfunden haben?

Luthe: Wirklich nicht. Wir haben schon 2008 mit HolidayCheck eine gemeinsame Roadshow durch Deutschland gemacht und bei den Hotels für einen offenen Umgang mit den Bewertungsportalen plädiert: Widersteht dem Impuls, Bewertungen zu fälschen, und macht im Sinne des eigenen Qualitätsmanagements das Beste aus der "Weisheit der Massen"! Dieser Baustein fehlte uns ja früher für ein Gesamtbild. Seit 2011 bekommen unsere Prüfer auch eine Auswertung der Kommentare aus dem Internet an die Hand, bevor sie ein Haus checken. Damit sie wissen, dass das Frühstücksbuffet immer schon um zehn Uhr abgegessen sein soll und in der Dusche der Spritzschutz nicht funktioniert. Seit diesem Jahr geben wir zudem zehn Zusatzpunkte, wenn ein Hotel Gäste-Bewertungen auf der eigenen Homepage veröffentlicht.