Es gibt viele Gründe, eine Revolution abzulehnen. Man kann zu konservativ, zu bodenständig oder einfach zu alt dafür sein. Was ich mir aber bisher nicht vorstellen konnte, ist, dass man zu links für eine Revolution sein kann.

Vor einem Jahr hing ich tagaus, tagein vorm Bildschirm, auf dem in Echtzeit Videos aus Kiew liefen. Als es dort immer kälter wurde, gingen jeden Tag weniger Menschen auf die Straße, und irgendwann protestierte nur ein Häufchen frierender Studenten gegen das Regime, das ihnen ihre Mündigkeit geraubt hatte. Dann schlug die Polizei zu.

Zwei Jahre zuvor hatte ich erlebt, wie in Russland die aufkommende Protestbewegung ausgehebelt worden war. Nun war es fast unerträglich, live dabei zu sein, als die politische Kälte aus Russland immer weiter nach Westen, in die Ukraine zog. Die Einsatzpolizei prügelte mit Schlagstöcken auf die Wehrlosen ein, rammte die Fliehenden mit ihren Schilden und schlug die Gestürzten so lange, bis sie wie Leichen liegen blieben. Die Untertanen in Kiew sollten so stillhalten wie die in Moskau. Doch dann kommt es anders. Am nächsten Tag stehen Hunderttausende auf dem Maidan. Ab jetzt trifft Polizeigewalt auf Gegengewalt, Schlag trifft auf Schlag.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 9 vom 26.02.2015.

Wer mit einem Holzschild vor der Brust ins Gewehrfeuer läuft, ist kein Untertan mehr. Für mich waren diese Bilder wie ein Videostream aus der Mitte des Sturms auf die Bastille, Barrikadenkämpfe wie auf Delacroix’ Gemälde Die Freiheit führt das Volk. Wenn die linke Bewegung überhaupt noch Ikonen hat, dann erwachten sie in Kiew wieder zum Leben. Doch ausgerechnet im linken antikapitalistischen Milieu entstand keine emotionale Bindung an die Emanzipation der Ukrainer. Stattdessen wollte man mitten im Volksaufstand den einen oder anderen Neonazi ausgemacht haben.

Früher hatten die Linken noch Antworten und Visionen

Als ich in den Neunzigern aus Moskau nach Berlin-Kreuzberg zog, hatte ich mit Revolutionen nicht viel am Hut. Ich war neoliberal wie ein Sportschuh. Nun war aber Kreuzberg damals die linke Hauptstadt der Bundesrepublik. Links waren die Blätter, die meine Freunde und ich lasen, links waren auch die Zeitungsredakteure, die meine ersten Artikel kauften. Links schien überhaupt alles, was gut war, schwarze Lederjacken, rote Gauloises und alle Schriftsteller, die etwas zu sagen hatten. Da musste ich nolens volens die Aversion gegen alles Linke, die ich aus dem Realsozialismus mitgebracht hatte, abstreifen. Natürlich war es einiges mehr als nur mein Dr.-Martens-Schuhwerk, was mich dorthin führte, wo ich endlich mein politisches Zuhause fand – nur um im vergangenen Jahr zu erleben, wie mir meine linke Heimat mit jedem Tag weiter entglitt.

Auf meinem Bildschirm letzten Winter sah ich Menschen für ihre Würde sterben, während viele von denen, die sich "links" nannten, Verständnis für die Unterdrücker zeigten. Kurz darauf gingen Linke, vor allem des extremeren Schlags, selbst auf die Straße. Zusammen mit den Rechtsextremen unterstützten sie den Krieg Putins gegen die Ukraine und zusammen mit den Islamisten gleich auch Hamas im Kampf gegen Israel. Bei diesen Montagsmahnwachen für den Frieden wurde unter anderem gerufen: "Hamas, Hamas, Juden ins Gas!" Zugleich behaupteten die Linken, die ukrainischen Revoluzzer seien Faschisten. Ja, man hörte auch Gegenstimmen von links. Solidarität mit dem Maidan gab es überall von Linksaußen bis zur linken Mitte und vor allem bei den Grünen. Sie wurde jedoch übertönt von Verständnis für den Aggressor und Skepsis gegenüber dem Opfer. Da leuchtete mir endlich, wahrscheinlich viel zu spät, ein, dass es bei den Linken ein Problem gibt. Dieses Problem ist nicht die Nähe zu den Faschisten. Es ist auch nicht die linke Schwäche für Despoten. Der Maidan legte ein neues Problem bloß. Dieses heißt einfach: Revolution.

Die Argumente haben meist das sachliche Niveau von Astrologie

"Es ist einfacher, sich das Ende der Welt vorzustellen als das Ende des Kapitalismus", lautet das Armutszeugnis des antikapitalistischen Milieus. Dieser Spruch von Slavoj Žižek kursiert unter Linken wie ein geflügeltes Wort. Die archetypischen Revolutionsbilder aus Kiew erinnern an die Zeiten, als die Linke noch Antworten und Visionen hatte. Nun führen sie den Linken die eigene Impotenz vor Augen. Die ukrainische Revolution der Würde wird von vielen Linken gerade deswegen abgelehnt, weil sie links im ursprünglichen Sinne ist.

Der vielleicht noch tiefere Grund für die linke Aversion gegen die Revolution heißt Liberté, Égalité, Fraternité. Diese Grundsätze der Aufklärung prägten sowohl den Volksaufstand in Paris als auch den in Kiew. Auch in der Ukraine ging es um den "Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit", wie Immanuel Kant die Aufklärung definierte. Viele, die sich als links bezeichnen, können mit diesem Erbe der Aufklärung in Wahrheit wenig anfangen.

Wer sich dennoch gegen Despotie und für Menschenrechte in der Ukraine engagierte, wurde dann schon mal als "Barrikadenbraut" verhöhnt. So beschimpfte Götz Aly die grüne Politikerin Marieluise Beck in seiner Glosse in der Berliner Zeitung (21. April 2014). Der einstige maoistische Studentenbewegte und wohl bekannteste deutsche Holocaustforscher würde zwar nicht für Putin auf Mahnwache gehen. Seine Schmähschrift gegen die Menschenrechtlerin Beck macht jedoch eine wichtige Gemeinsamkeit zwischen der alten revolutionären Linken und dem neulinken Milieu deutlich. Die "Barrikadenbraut" Beck, so Aly, wolle "den Kitzel der Revolte" genießen und feuere die Revoltierenden in Kiew noch an. Ginge es nach Aly, sollten die Ukrainer lieber unter der "alten Herrschaft" die Verbesserung ihrer Lage abwarten. Bemerkenswert ist, dass Aly dabei die weibliche Symbolfigur aus Delacroix’ Revolutionsgemälde Die Freiheit führt das Volk in ein Hassbild gegen politische Selbstbestimmung umwandelt. Hat aus der Jugendzeit mancher Alt- und Ex-Linker allein das Ressentiment überlebt? Die Feindseligkeit ist heute nicht mehr an den damaligen Klassenfeind gebunden, sie lässt sich beliebig einsetzen. Die eigentliche Zielscheibe von Alys Beschimpfung sind Emanzipation und Solidarität, und der leicht frauenfeindliche Unterton macht die Umkehrung perfekt: Der alte Hass wendet sich jetzt gegen die Aufklärung selbst.

Das antidemokratische Ressentiment fand lange keinen nennenswerten Einzug in die Praxis. Das Milieu verblieb im eigenen Echoraum, in dem die Dogmen endlos widerhallten. Man las Gesinnungsblätter und schrieb Broschüren zum Eigengebrauch, bis das Internet kam. Dort entdeckten viele Linke, dass sie gemeinsame Feinde mit den antisemitischen Neorechten oder mit den Liebhabern Putins haben, allen voran die USA.

Der Amerikahass wächst meist aus einem tiefer sitzenden Ressentiment gegen die gesamte rechtsstaatliche Tradition des Westens. Aus dieser Sicht lassen sich alle Verbrechen gegen das internationale Recht mühelos rechtfertigen, wie der Verleger des linken Freitag Jakob Augstein immer wieder in seinen Kolumnen für Spiegel Online demonstriert. Nach der russischen Annexion der Krim schrieb er zum Beispiel am 24. März 2014, diese sei bloß "ein weiteres Kapitel des langen Abwehrkampfes", den Asien gegen den Westen führe.

Die politischen Einsiedler sind aus ihren Echoräumen ausgebrochen

Die Argumente, wieso der Westen und die USA an allem schuld sind, haben meist das sachliche Niveau von Astrologie. Putin hätte die Krim nicht besetzt, wenn Joachim Gauck seine Olympischen Spiele nicht boykottiert hätte, so der Tenor eines taz-Artikels von Antje Vollmer, der einstigen Antiimperialistin und späteren Bundestags-Vizepräsidentin (der Artikel erschien am 7. Oktober 2014 in der taz). Der linke pauschale Antiamerikanismus ist genauso eine Verschwörungstheorie wie etwa die Chemtrails-Theorie.

Im Jahr 2014 setzten sich nicht wenige Linke einen Aluminiumhut auf und gingen Hand in Hand mit islamistischen Amerikahassern und Opfern der geheimen Weltregierung demonstrieren. Der Aluhut ist bekanntlich gut gegen nukleare Todesstrahlen aus Washington. Die politischen Einsiedler sind aus ihren Echoräumen ausgebrochen und haben sich zusammengetan.

Ein Etappensieg der populistischen Aufklärungsgegner

All diese Leute haben eins gemein: Die Realität überfordert sie. An der komplexen Maschine der Demokratie erkennen sie nur die Mängel, und wenn sie einen Makel am globalen Kapitalismus entdecken, suchen sie nach einer Erklärung für ihn, je simpler, desto besser. Ein Gebot der Aufklärung war und ist, dass sich die Bürger mit der politischen Realität verantwortlich auseinandersetzen, dass sie sich weder von Dogmen noch von Verschwörungstheorien leiten lassen, sondern den eigenen Verstand einsetzen. Wer die eigene Mündigkeit an eine politische Sekte abtritt, ist aber nicht einfach ein simpler Mensch. Er oder sie hat eine politische Entscheidung getroffen.

Die Aufklärungsmüden bilden den Nährboden für die Postdemokratie

Die Unmündigkeit, von der Kant sprach, liegt für ihn "nicht am Mangel des Verstandes", sondern am Mangel "der Entschließung und des Mutes, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen". Die Gegner der Aufklärung sehnen sich jedoch heute wie damals nach Leitung. Jemand wie Putin bietet ihnen vor allem geistige Entlastung, weil sich seine Macht als simpel präsentiert. Selbst Chinas Spitzenfunktionäre werden regelmäßig von der Partei ausgetauscht. Putins Quelle der Macht ist dagegen allein Putin, das ist erfrischend einfach in einer Welt, die immer unverständlicher wird.

Zu Kants Zeit war Unmündigkeit die gesellschaftliche Norm. Im Gegensatz dazu wird heute die Eigenständigkeit eines jeden Marktteilnehmers und Wählers proklamiert. Wer sich seiner intellektuellen oder politischen Verantwortung entledigt, muss sich wie ein Rebell vorkommen. Die Unmündigkeit wird militant, und ihr Hass gilt zuerst den "Systemmedien" und der "Lügenpresse". Das Milieu, das sich weigert, die realen Missstände unserer Welt zu erkennen, kämpft gegen die Berichte darüber.

So tritt Simulation an die Stelle von Politik. Die Aufklärungsmüden bilden den perfekten Nährboden für die Postdemokratie, die Politik der Medienpopulisten wie Berlusconi und Putin. Einer der Grundsätze der Aufklärung ist die Überprüfbarkeit von Tatsachen durch Erfahrung und Verstand. Die Simulation braucht aber nicht nur eine, sondern viele Wahrheiten. Die neue Gegenaufklärung setzt das postmoderne Denken in politische Praxis um, sie macht Gesinnung zur Wahrheit. In der Postdemokratie werden die Tatsachen von der stärkeren Gesinnung bestimmt. "Niemand will Krieg", behaupteten Anfang Dezember 2014 Dutzende altgedienter Politiker und Prominenter. Bezeichnend an diesem Appell für eine andere Russlandpolitik, der von Antje Vollmer mit initiiert war, ist seine demonstrative Ignoranz: Niemand wolle Krieg!, heißt es, während der Überfall Russlands auf die Ukraine längst erfolgt war. Der Friedensappell ruft vor allem das aus: Nieder mit den Tatsachen! Die frei gewählte Unmündigkeit schwappt hier auf die Politik über – ein wichtiger Etappensieg der populistischen Aufklärungsgegner.

Die globale Gegenaufklärung ist an sich weder links noch rechts, Teile der linken Szene sind im Milieu der Unmündigen aufgegangen. Da erscheint es nur konsequent, dass die Linkspartei einem Geheimdienstkollegen Putins zu einem Landtagssitz verhilft. Oder dass die Linkspopulisten in Griechenland zum ersten Mal in der Geschichte lupenreine Faschisten in die Regierung eines EU-Landes holen. Der antidemokratischen Internationale sind die Ukraine und Russland an sich aber egal. Sie lässt Russland sofort fallen, wenn die Russen eines Tages auf den europäischen Weg zurückkehren. Die militante Unmündigkeit wird jedoch weiter um sich greifen, auch nach einem Fall Putins. Bei allem Unheil, das der Putinismus über Russland und seine Nachbarn gebracht hat, muss man dem Präsidenten eins lassen: Er ist ein Spiegel, der vieles zur Klarheit bringt. Er zeigt eine Linke, die mit Revolution nichts anfangen kann; die aus der Realität in freiwillige Unmündigkeit flieht und eine neue Gegenaufklärung vorantreibt. Diese Linke ist nur noch populistisch und nicht mehr links. Zumindest für diese Erkenntnis kann man jetzt schon sagen: Danke, Putin.