Kurz vor ihrem Tod wunderte sich Loki Schmidt in einem Gespräch, wie reich und erfüllt ihr Leben war. In diesen 90 Jahren sei Platz für mindestens drei Leben gewesen, hat sie gesagt. Drei Leben, die alle wie für sie gemacht schienen. Egal, ob in ihrer Rolle als Lehrerin oder als "Angeheiratete der Politik", wie sie sich nannte. Sie wechselte nicht einfach Kostüme oder Rollen; jedes dieser Leben füllte sie aus mit allem, was sie in sich trug, mit Offenheit, Wissbegierde und Neugier. Welches ihr liebstes Leben war? Möglicherweise das dritte, mutmaßt nun der Hamburger Erziehungswissenschaftler Reiner Lehberger in der Biografie, die er über Loki Schmidt verfasst hat. Das dritte Leben als Naturforscherin, als Pflanzen- und Umweltschützerin. Mit diesem Leben jedenfalls erfüllte sie sich spät einen Jugendtraum und schuf sich so einen eigenen, unabhängigen Raum, der frei war von Kompromissen und Zugeständnissen. Pure Leidenschaft war es, die sie antrieb. Die Fachwelt staunte über so viel autodidaktisches Expertenwissen, nahm sie mit auf Expeditionsreisen, feierte ihre Initiativen, schenkte ihr höchste wissenschaftliche Anerkennung.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 9 vom 26.02.2015.

Glanz und Triumph der Loki Schmidt sind leicht erzählt, schwieriger ist es, nach der inneren Biografie dieser Frau zu fahnden, nach Krisen, Brüchen, Wunden und Narben. Der frühe Tod ihres ersten Sohnes, mehrere Fehlgeburten, die Ungewissheit in der Zeit der Entnazifizierung, der auch sie sich unterziehen musste. Das bange Hoffen, wieder als Lehrerin arbeiten zu dürfen. Eine Ehe, die zum Schluss nach fast 70 gemeinsamen Jahren zu einer Art Mythos wurde und doch auch viel Nachsicht und Toleranz verlangte, gerade von ihrer Seite. Zwischen den Zeilen zumindest Andeutungen von Schmerz und Enttäuschung. Viel geredet habe Loki Schmidt darüber nicht. Krisen, so sagt es ihr Biograf Lehberger, der oft freitags zum Kaffee nach Langenhorn fuhr, um sich aus Loki Schmidts Leben erzählen zu lassen – Krisen habe sie vor allem ausgehalten, durchgestanden und mit sich selbst ausgemacht. Ihr Leben hatte das immer so verlangt. Sie kannte Armut, Arbeitslosigkeit, Verzicht. Damit war sie aufgewachsen, diese Prägung hat sie nie vergessen. Hanseatisch diszipliniert, geradlinig, uneitel, anderen zugewandt und warm: Kaum einer, der Loki Schmidt kannte, würde sie anders beschreiben. Loki mochten alle, hat ihre Tochter Susanne einmal gesagt. Ein schwieriger Satz für einen Biografen. Trotzdem hat Lehberger keine Hommage auf sie geschrieben, sondern vielmehr das Porträt einer starken, unbestechlichen Frau, die sich übrigens nie als emanzipiert verstanden hat und feministischen Debatten stets aus dem Weg ging. Wofür "frau" zu kämpfen hat, wusste sie jedoch immer.