Auf meinem Schreibtisch steht eine Reiterfigur. Sie soll mich an den Vorsatz erinnern, den ich vor acht Jahrzehnten gefasst habe: an den Willen, meine Pflichten zu erfüllen. Zugleich mahnt mich diese Reiterfigur zur inneren Gelassenheit. Eine ähnliche Nachbildung hatte schon in meinem Bonner Büro auf dem Schreibtisch gestanden. Bei dem überlebensgroßen Original, das ursprünglich vollständig vergoldet war, handelt es sich um das eindrucksvolle Reiterstandbild des römischen Kaisers Marcus Aurelius; es stammt wohl aus dem Jahre 166 nach Christus und wurde vor knapp fünfhundert Jahren von Michelangelo auf dem Platz vor dem Kapitol aufgestellt.

Meine Verehrung für Mark Aurel geht auf das Jahr meiner Konfirmation zurück. Das kirchliche Ritual selbst habe ich nicht sehr ernst genommen, das meiste fand ich etwas seltsam. Was mir am Konfirmationsunterricht Spaß gemacht hat, war die Tatsache, dass ich das Harmonium spielen durfte. Am Tag der Konfirmation gab es eine kleine Familienfeier, und da bekam ich von meinem Onkel Heinz Koch ein Buch geschenkt, die Selbstbetrachtungen des Marcus Aurelius.

Ich habe noch am selben Abend angefangen, darin zu lesen, und was ich las, hat mir gewaltig imponiert. Die Reflexionen eines römischen Kaisers, der damals bereits seit 1.750 Jahren tot war, waren ein prägender Leseeindruck. Ich hatte auch vorher schon viel und gern gelesen: Teile der europäischen Romanliteratur des 19. Jahrhunderts oder Geschichten von Mark Twain – was man mit vierzehn und fünfzehn Jahren damals eben gelesen hat – und etwas später die Buddenbrooks. Bei der Lektüre der Selbstbetrachtungen des Mark Aurel hatte ich jedoch zum ersten Mal das Gefühl, dass dieses Buch ein für mein weiteres Leben richtungsweisendes Buch werden würde. Meine unmittelbare Empfindung war: So will ich auch werden. Einige Jahre später habe ich das Buch mit in den Krieg genommen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 9 vom 26.02.2015.

Bei dem Geschenk von Onkel Heinz handelte es sich um die alte Kröner-Ausgabe. Sie hat mich bis auf den heutigen Tag begleitet. Auch wenn ich den Text inzwischen in vielen Ausgaben besitze, muss ich gestehen, dass ich ihn immer nur abschnittsweise, mit vielen zeitlichen Unterbrechungen und nie systematisch gelesen habe. Obwohl das Buch nur gut zweihundert Seiten umfasst, fand ich es ziemlich dick; es war mir auch zu abstrakt, zu wenig unterhaltsam, und als besonders störend empfand ich die vielen Wiederholungen. Erschwerend kam hinzu, dass ich zuvor nie einen philosophischen Text gelesen und keine entsprechende Anleitung hatte. Gleichwohl hat mich Mark Aurel vom ersten Tag an fasziniert. Heute bin ich der Überzeugung, dass ich das, was mir aufgrund mangelnder philosophischer Schulung möglicherweise entging, durch lebenslange Beschäftigung und stete Vertiefung hinlänglich ausgleichen konnte.

Vor allem die beiden Tugenden, die Mark Aurel in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen rückt, sprachen mich auf der Stelle an: die innere Gelassenheit und die bedingungslose Pflichterfüllung. Wobei ich damals allerdings noch nicht so weit war, zwischen dem Prinzip der Pflichterfüllung und der Pflicht selbst zu unterscheiden. Die Forderung, seine Pflicht zu erfüllen, lässt offen, in welchem konkreten Handeln die Pflicht besteht, und ist deshalb, für sich genommen, keine wirkliche Hilfe. Wenn ich die Selbstbetrachtungen heute zur Hand nehme, entdecke ich weitere Forderungen, denen ich mich sofort anschließen kann – die Forderung nach Humanität und Menschlichkeit etwa oder die Forderung nach Gerechtigkeit. Was den Text wohltuend von vergleichbaren Schriften unterscheidet, ist die Tatsache, dass der Kaiser seine Forderungen nur an sich selbst richtet.

Wenn ich Mark Aurel alles in allem mein erstes Vorbild nenne, so tue ich das unter den in der Vorrede gemachten Einschränkungen. Denn natürlich hatte auch Mark Aurel seine Schwächen und seine Schattenseiten. Wenn wir die Selbstbetrachtungen lesen und ihren Stoizismus bewundern, dürfen wir daraus nicht schließen, dass der Autor auch im wirklichen Leben ein Stoiker war. Im Gegenteil, der historische Kaiser hat ganz und gar nicht so gelassen und vorbildlich gehandelt, wie er es in seiner Schrift fordert. Er war im Jahre 161 Kaiser geworden – wie seine Amtsvorgänger durch Adoption. In den knapp zwanzig Jahren seiner Herrschaft hat er manches wieder eingeführt, was seine Vorgänger abgeschafft hatten, etwa die Sklavenfolter. Er nahm die Christenverfolgung wieder auf und begann nach fünfzig Friedensjahren, zur Festigung des Reiches erneut massiv Kriege zu führen. Seine wichtigste Aufgabe sah er in der Abwehr der Barbaren im Nordosten und in Kleinasien. Er starb 180 mit 58 Jahren an der Pest.

Ein Alexander der Große im Taschenformat

Mark Aurel ist ein gutes Beispiel dafür, dass das Bild eines Menschen im Laufe der Geschichte sich vollkommen ablösen kann von der historischen Figur.

Der römische Kaiser steht uns heute in erster Linie durch sein wunderbares Buch vor Augen, ein Buch, das die Menschen der Antike gar nicht kannten, denn er hatte es tatsächlich nur für sich geschrieben. Es war in der Antike unbekannt und tauchte erst im 10. Jahrhundert in einer Handschrift wieder auf. Weil er für sich selbst schrieb und beim Schreiben oft unterbrochen wurde, sind dem Autor die den Leser störenden Wiederholungen vielleicht gar nicht aufgefallen. Vielleicht waren sie ihm aber auch als Stilmittel wichtig. Die Selbstbetrachtungen sind in Griechisch geschrieben; denn Griechisch war zur Zeit Mark Aurels immer noch die Sprache der Philosophie, der Rhetorik und der Literatur.

Marcus Aurelius verstand das Schreiben als eine ständige Selbstermahnung. Obwohl er fast während seiner gesamten Regierungszeit aktiv in Kriegsgeschehen verwickelt war, suchte er jenen Prinzipien treu zu bleiben, die er für sich festgelegt und dann gegen Ende seines Lebens nach und nach niedergeschrieben hat. Heute lesen wir die Selbstbetrachtungen als eine Art Idealkatalog für gerechtes und kluges Regieren und nehmen den Kaiser für das, was in seinem Buche steht.

Es begegnet uns in der Geschichte immer wieder, dass ein Vorbild sich von der historischen Figur löst und idealisiert wird. Manchmal kann eine historische Figur überhaupt nur als Vorbild in Erscheinung treten, wenn man bestimmte Charakterzüge bewusst ausblendet und Unangenehmes einfach wegschneidet. Friedrich II. von Preußen etwa, der für viele noch heute ein verehrungswürdiger Mann ist. Er hat für die Vergrößerung seines Besitzes einen Krieg nach dem anderen geführt – und zwar gegen das ebenfalls deutsche Haus der Wittelsbacher. Einen Alexander den Großen im Taschenformat habe ich ihn einmal genannt. Das Ideal hat sich in diesem Fall sehr weit von der historischen Wirklichkeit gelöst. Aber das sollen die Friedrich-Verehrer mit sich selber ausmachen.

Ich jedenfalls habe mich nicht für die Gesamtperson interessiert, sondern mir nur das herausgepickt, was mir exemplarisch, vorbildlich und nachahmenswert schien. Man kann es auch anders ausdrücken: Jemand muss kein Heiliger sein, um Vorbild für dieses oder jenes werden zu können. Die Frage ist: Wie gehen wir damit um, wenn wir von einem Menschen, den wir als Vorbild empfinden, in anderen Zusammenhängen Negatives erfahren? Dass der Soldatenkaiser Marcus Aurelius die imperialen Interessen des Römischen Reiches mit großer Härte durchsetzte, habe ich irgendwann zu einem späteren Zeitpunkt meines Lebens verstanden. Der Eindruck, den seine Selbstbetrachtungen auf mich als Fünfzehnjährigen gemacht hatten, wurde dadurch nicht im Geringsten getrübt.

Marcus Aurelius war für mich ein Vorbild. Seine Ermahnungen sind mir selbstverständlich geworden. Seine beiden für mich wichtigsten Gebote, innere Gelassenheit und Pflichterfüllung, standen mir immer vor Augen. Das Gegenteil von Gelassenheit ist Aufgeregtheit, Nervosität – ein Zustand, in dem man im äußersten Fall nicht mehr Herr seiner selbst ist. Gelassenheit bewahrt einen davor, zu schnell zu entscheiden und dabei Fehler zu begehen. Sie ist eine Hilfe, fast eine Voraussetzung für die Anwendung der Vernunft: Nur wer die innere Gelassenheit mitbringt, kann auf die Stimme der Vernunft hören.

Richtig ist, dass ich oft ungeduldig war. Insbesondere im Umgang mit meinen Mitarbeitern ging mir manches nicht schnell genug, manches war mir nicht sorgfältig genug vorbereitet. Hier liegt jedoch nur auf den ersten Blick ein Widerspruch vor, denn tatsächlich blieb ich innerlich immer gelassen – auch in den Tagen von Mogadischu. Um im Herbst 1977 die entführte Lufthansa-Maschine aus der Hand der Terroristen zu befreien, hatte ich meinen Freund Hans-Jürgen Wischnewski mit einem heiklen Kommando betraut. "Du hast jede Vollmacht", sagte ich zu ihm, "und wenn es dir notwendig scheint, reicht diese Vollmacht über das Grundgesetz hinaus." Das heißt, ich habe mich ihm völlig ausgeliefert, und er hat mein Vertrauen in großartiger Weise gerechtfertigt.

Das Ganze stand 50 zu 50. Entweder fliegen wir 90 Passagiere nach Hause, oder sie werden alle in die Luft gesprengt. Wischnewski konnte wunderbar mit den Arabern umgehen, deshalb auch sein Ehrenname Ben Wisch. Er hat dem Diktator in Somalia den Hof gemacht und ihn durch Schmeicheleien davon abgehalten, seine eigenen Soldaten zur Befreiung des Flugzeugs einzusetzen, was zweifellos schiefgegangen wäre. Als Wischnewski am 18. Oktober 1977 kurz nach Mitternacht in Bonn anrief, um mitzuteilen, dass der Auftrag "erledigt" sei, wusste niemand besser als ich, was wir ihm zu verdanken hatten. Ben Wisch war die Zuverlässigkeit in Person.

Zwei Tage vorher hatte ich mich im Kanzleramt mit den Schriftstellern Heinrich Böll, Siegfried Lenz und Max Frisch zu einem ausgiebigen Meinungsaustausch getroffen. Der Termin war seit Monaten verabredet, und es gab in meinen Augen keinen Grund, ihn wegen der Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer durch die RAF platzen zu lassen. Am Tag des Treffens mit den Schriftstellern versuchte die Bundesregierung vergeblich, die entführte Lufthansa-Maschine in Dubai festzuhalten, deshalb musste ich das Gespräch mehrfach unterbrechen. Der Verleger Siegfried Unseld, den ich ebenfalls eingeladen hatte, hielt hinterher fest, wie ruhig ich auf ihn gewirkt hätte – ganz anders als Böll, der sich über unverhältnismäßige Polizeieinsätze erregt habe. Es ging natürlich auch um politische und gesellschaftliche Verantwortung. 37 Jahre später fasste Siegfried Lenz die damalige Diskussion so zusammen: "Der Schriftsteller kann es auf dem Papier entscheiden, so oder so. Der Politiker muss es tragen."

Ähnlich gelassen blieb ich auch Anfang der achtziger Jahre bei den Demonstrationen gegen den sogenannten Nato-Doppelbeschluss. Dem war eine jahrelange strategische Kontroverse innerhalb des westlichen Bündnisses vorausgegangen, die 1979 in einen Kompromiss mündete: Wenn nach vier Jahren Verhandlungen mit den Russen nichts erreicht ist, wird der Westen nachrüsten. Die Verwirklichung der zweiten Hälfte dieses Beschlusses führte 1983 unter meinem Nachfolger zur Nachrüstung und wiederum vier Jahre später zum Vertrag nuklearer Mittelstreckenwaffen. Der sogenannte INF-Vertrag (Intermediate-Range Nuclear Forces) war der erste völkerrechtlich gültige beiderseitige Abrüstungsvertrag seit dem Zweiten Weltkrieg. Inzwischen hatten in den USA, in Frankreich, in der Bundesrepublik und in der Sowjetunion die Regierungen gewechselt. Gleichwohl haben die entscheidenden Personen an den Spitzen der Regierungen an der strategischen Vernunft des Doppelbeschlusses festgehalten – ein Triumph des internationalen Kompromisses.

Ich hatte erkannt, dass die Sowjetunion auf eine Weise rüstete, die es dem Nachfolger von Breschnew oder späteren Nachfolgern erlauben würde, die Bundesrepublik von ihren Bündnispartnern zu isolieren. Eine Rakete mit drei nuklearen Sprengköpfen hätte Köln, Düsseldorf und Dortmund mit einem Schlag ausgelöscht. Eine solche militärische Erpressung zu verhindern war der eigentliche Sinn des Nato-Doppelbeschlusses. Die sogenannte Friedensbewegung, die eine Nachrüstung des Westens als Voraussetzung für Abrüstungsgespräche ablehnte, diffamierte mich damals als Kriegstreiber. Auch für meine eigene Partei wurde der emotionale, an Hysterie grenzende Widerstand gegen den Doppelbeschluss zu einer schweren Belastungsprobe. Es war Helmut Kohl, der meine Sache weiterführte. Meiner späteren Genugtuung über den Erfolg des INF-Vertrages hat dies keinen Abbruch getan, im Gegenteil.

Für mich war entscheidend, dass ich mir Anfang der achtziger Jahre die innere Gelassenheit bewahrt habe und meiner Pflicht nicht ausgewichen bin. Oder anders ausgedrückt: Die innere Gelassenheit hat mir die nötige Kraft gegeben, meiner Pflicht nachzukommen. Ich vermute, dass in dem Augenblick, in dem ich mich an Mark Aurel erinnerte, die Gelassenheit jedes Mal zurückgekehrt ist.