Mark Aurel ist ein gutes Beispiel dafür, dass das Bild eines Menschen im Laufe der Geschichte sich vollkommen ablösen kann von der historischen Figur.

Der römische Kaiser steht uns heute in erster Linie durch sein wunderbares Buch vor Augen, ein Buch, das die Menschen der Antike gar nicht kannten, denn er hatte es tatsächlich nur für sich geschrieben. Es war in der Antike unbekannt und tauchte erst im 10. Jahrhundert in einer Handschrift wieder auf. Weil er für sich selbst schrieb und beim Schreiben oft unterbrochen wurde, sind dem Autor die den Leser störenden Wiederholungen vielleicht gar nicht aufgefallen. Vielleicht waren sie ihm aber auch als Stilmittel wichtig. Die Selbstbetrachtungen sind in Griechisch geschrieben; denn Griechisch war zur Zeit Mark Aurels immer noch die Sprache der Philosophie, der Rhetorik und der Literatur.

Marcus Aurelius verstand das Schreiben als eine ständige Selbstermahnung. Obwohl er fast während seiner gesamten Regierungszeit aktiv in Kriegsgeschehen verwickelt war, suchte er jenen Prinzipien treu zu bleiben, die er für sich festgelegt und dann gegen Ende seines Lebens nach und nach niedergeschrieben hat. Heute lesen wir die Selbstbetrachtungen als eine Art Idealkatalog für gerechtes und kluges Regieren und nehmen den Kaiser für das, was in seinem Buche steht.

Es begegnet uns in der Geschichte immer wieder, dass ein Vorbild sich von der historischen Figur löst und idealisiert wird. Manchmal kann eine historische Figur überhaupt nur als Vorbild in Erscheinung treten, wenn man bestimmte Charakterzüge bewusst ausblendet und Unangenehmes einfach wegschneidet. Friedrich II. von Preußen etwa, der für viele noch heute ein verehrungswürdiger Mann ist. Er hat für die Vergrößerung seines Besitzes einen Krieg nach dem anderen geführt – und zwar gegen das ebenfalls deutsche Haus der Wittelsbacher. Einen Alexander den Großen im Taschenformat habe ich ihn einmal genannt. Das Ideal hat sich in diesem Fall sehr weit von der historischen Wirklichkeit gelöst. Aber das sollen die Friedrich-Verehrer mit sich selber ausmachen.

Ich jedenfalls habe mich nicht für die Gesamtperson interessiert, sondern mir nur das herausgepickt, was mir exemplarisch, vorbildlich und nachahmenswert schien. Man kann es auch anders ausdrücken: Jemand muss kein Heiliger sein, um Vorbild für dieses oder jenes werden zu können. Die Frage ist: Wie gehen wir damit um, wenn wir von einem Menschen, den wir als Vorbild empfinden, in anderen Zusammenhängen Negatives erfahren? Dass der Soldatenkaiser Marcus Aurelius die imperialen Interessen des Römischen Reiches mit großer Härte durchsetzte, habe ich irgendwann zu einem späteren Zeitpunkt meines Lebens verstanden. Der Eindruck, den seine Selbstbetrachtungen auf mich als Fünfzehnjährigen gemacht hatten, wurde dadurch nicht im Geringsten getrübt.

Marcus Aurelius war für mich ein Vorbild. Seine Ermahnungen sind mir selbstverständlich geworden. Seine beiden für mich wichtigsten Gebote, innere Gelassenheit und Pflichterfüllung, standen mir immer vor Augen. Das Gegenteil von Gelassenheit ist Aufgeregtheit, Nervosität – ein Zustand, in dem man im äußersten Fall nicht mehr Herr seiner selbst ist. Gelassenheit bewahrt einen davor, zu schnell zu entscheiden und dabei Fehler zu begehen. Sie ist eine Hilfe, fast eine Voraussetzung für die Anwendung der Vernunft: Nur wer die innere Gelassenheit mitbringt, kann auf die Stimme der Vernunft hören.

Richtig ist, dass ich oft ungeduldig war. Insbesondere im Umgang mit meinen Mitarbeitern ging mir manches nicht schnell genug, manches war mir nicht sorgfältig genug vorbereitet. Hier liegt jedoch nur auf den ersten Blick ein Widerspruch vor, denn tatsächlich blieb ich innerlich immer gelassen – auch in den Tagen von Mogadischu. Um im Herbst 1977 die entführte Lufthansa-Maschine aus der Hand der Terroristen zu befreien, hatte ich meinen Freund Hans-Jürgen Wischnewski mit einem heiklen Kommando betraut. "Du hast jede Vollmacht", sagte ich zu ihm, "und wenn es dir notwendig scheint, reicht diese Vollmacht über das Grundgesetz hinaus." Das heißt, ich habe mich ihm völlig ausgeliefert, und er hat mein Vertrauen in großartiger Weise gerechtfertigt.

Das Ganze stand 50 zu 50. Entweder fliegen wir 90 Passagiere nach Hause, oder sie werden alle in die Luft gesprengt. Wischnewski konnte wunderbar mit den Arabern umgehen, deshalb auch sein Ehrenname Ben Wisch. Er hat dem Diktator in Somalia den Hof gemacht und ihn durch Schmeicheleien davon abgehalten, seine eigenen Soldaten zur Befreiung des Flugzeugs einzusetzen, was zweifellos schiefgegangen wäre. Als Wischnewski am 18. Oktober 1977 kurz nach Mitternacht in Bonn anrief, um mitzuteilen, dass der Auftrag "erledigt" sei, wusste niemand besser als ich, was wir ihm zu verdanken hatten. Ben Wisch war die Zuverlässigkeit in Person.

Zwei Tage vorher hatte ich mich im Kanzleramt mit den Schriftstellern Heinrich Böll, Siegfried Lenz und Max Frisch zu einem ausgiebigen Meinungsaustausch getroffen. Der Termin war seit Monaten verabredet, und es gab in meinen Augen keinen Grund, ihn wegen der Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer durch die RAF platzen zu lassen. Am Tag des Treffens mit den Schriftstellern versuchte die Bundesregierung vergeblich, die entführte Lufthansa-Maschine in Dubai festzuhalten, deshalb musste ich das Gespräch mehrfach unterbrechen. Der Verleger Siegfried Unseld, den ich ebenfalls eingeladen hatte, hielt hinterher fest, wie ruhig ich auf ihn gewirkt hätte – ganz anders als Böll, der sich über unverhältnismäßige Polizeieinsätze erregt habe. Es ging natürlich auch um politische und gesellschaftliche Verantwortung. 37 Jahre später fasste Siegfried Lenz die damalige Diskussion so zusammen: "Der Schriftsteller kann es auf dem Papier entscheiden, so oder so. Der Politiker muss es tragen."

Ähnlich gelassen blieb ich auch Anfang der achtziger Jahre bei den Demonstrationen gegen den sogenannten Nato-Doppelbeschluss. Dem war eine jahrelange strategische Kontroverse innerhalb des westlichen Bündnisses vorausgegangen, die 1979 in einen Kompromiss mündete: Wenn nach vier Jahren Verhandlungen mit den Russen nichts erreicht ist, wird der Westen nachrüsten. Die Verwirklichung der zweiten Hälfte dieses Beschlusses führte 1983 unter meinem Nachfolger zur Nachrüstung und wiederum vier Jahre später zum Vertrag nuklearer Mittelstreckenwaffen. Der sogenannte INF-Vertrag (Intermediate-Range Nuclear Forces) war der erste völkerrechtlich gültige beiderseitige Abrüstungsvertrag seit dem Zweiten Weltkrieg. Inzwischen hatten in den USA, in Frankreich, in der Bundesrepublik und in der Sowjetunion die Regierungen gewechselt. Gleichwohl haben die entscheidenden Personen an den Spitzen der Regierungen an der strategischen Vernunft des Doppelbeschlusses festgehalten – ein Triumph des internationalen Kompromisses.

Ich hatte erkannt, dass die Sowjetunion auf eine Weise rüstete, die es dem Nachfolger von Breschnew oder späteren Nachfolgern erlauben würde, die Bundesrepublik von ihren Bündnispartnern zu isolieren. Eine Rakete mit drei nuklearen Sprengköpfen hätte Köln, Düsseldorf und Dortmund mit einem Schlag ausgelöscht. Eine solche militärische Erpressung zu verhindern war der eigentliche Sinn des Nato-Doppelbeschlusses. Die sogenannte Friedensbewegung, die eine Nachrüstung des Westens als Voraussetzung für Abrüstungsgespräche ablehnte, diffamierte mich damals als Kriegstreiber. Auch für meine eigene Partei wurde der emotionale, an Hysterie grenzende Widerstand gegen den Doppelbeschluss zu einer schweren Belastungsprobe. Es war Helmut Kohl, der meine Sache weiterführte. Meiner späteren Genugtuung über den Erfolg des INF-Vertrages hat dies keinen Abbruch getan, im Gegenteil.

Für mich war entscheidend, dass ich mir Anfang der achtziger Jahre die innere Gelassenheit bewahrt habe und meiner Pflicht nicht ausgewichen bin. Oder anders ausgedrückt: Die innere Gelassenheit hat mir die nötige Kraft gegeben, meiner Pflicht nachzukommen. Ich vermute, dass in dem Augenblick, in dem ich mich an Mark Aurel erinnerte, die Gelassenheit jedes Mal zurückgekehrt ist.