DIE ZEIT: Herzlichen Glückwunsch, Björk. Sie sind die erste Popmusikerin, der das New Yorker Museum of Modern Art eine eigene Retrospektive widmet.

Björk: Ja, ich bin sehr stolz und fühle mich geehrt. Ich liebe die Herausforderung, auch wenn ich mir unsicher bin, ob ich wirklich zur Kunstwelt gehöre. Ich habe mich immer als Punk gesehen, der hier und dort Verbindungen eingeht, aber insgesamt unabhängig bleibt. Andererseits: Nur wer Risiken eingeht, kommt im Leben weiter.

ZEIT: Sie haben mit der Zusage lange gezögert. Was waren Ihre Bedenken?

Björk: Ich bin nun mal keine bildende Künstlerin, sondern Musikerin. Es war aber auch so, dass es keine Vorbilder gab, wir mussten Neuland betreten. Sicher, es gibt ein paar Museen auf der Welt, die sich mit Popmusik befassen, doch meistens beschränken sie sich darauf, Hinterlassenschaften auszustellen, auf Zettel gekritzelte Songtexte, Poster oder Kostüme. Uns dagegen ging es darum, die Musik selber in einen Ausstellungskontext zu bringen. Die zentrale Frage war: Wie hänge ich einen Song an die Wand?

ZEIT: Am 8. März ist Eröffnung. Wie haben Sie das Problem gelöst?

Björk: Wir bieten fünf Lösungen in fünf Räumen an. Oder sagen wir lieber: Wir machen fünf Vorschläge, wie man meiner Musik im Rahmen eines Museums begegnen kann. Einige sind eher traditionell. In einem Raum geht es um die Videos zu meinen Songs, da ist dann ein kleines Kino aufgebaut. In einem anderen zeigen wir die Instrumente aus meinem Album Biophilia. Es gibt eine Art zeitlichen Verlauf, aber auch ein Labyrinth, in dem man die einmal gewonnene Orientierung wieder verliert. Es ging uns also nicht so sehr um Chronologie und Überblick, sondern um Erfahrung.

ZEIT: Es war zu lesen, dass Sie sich an den Songlines orientiert haben, den Traumpfaden der australischen Aborigines.

Björk: Richtig. Wir dachten, es könnte eine gute Idee sein, Musik und Raum zu verbinden, indem man Linien auf dem Boden zieht, wie Inschriften auf Felsen oder Zeichen in der Landschaft. Wichtig war dem Kurator Klaus Biesenbach und mir, dass das Ganze nicht nur als Retrospektive angelegt ist: In einem Raum wird es ausschließlich um einen neuen, eigens für die Ausstellung komponierten Song gehen, Black Lake. Wichtig war mir auch, dass die Wiedergabetechnik auf dem neuesten Stand ist: keine billigen, krächzenden Boxen, sondern Lautsprecher, die den Besuchern die Musik körperlich nahebringen. Ein Experiment bleibt das Ganze natürlich trotzdem. Ob es funktioniert, muss das Publikum entscheiden.


ZEIT:
Hat Sie die Frage beschäftigt, ob Popmusik überhaupt ins Museum gehört?

Björk: (lacht) Nein, nicht wirklich. Es stimmt, für die Aufführung von Musik gibt es überlieferte Orte, gesungen wird an Lagerfeuern, auf Festen, in Opernhäusern. Seit es Popmusik gibt, sind Konzerthallen und Clubs dazugekommen, insofern spielt man immer vor Menschen, ohne sich über die Hintergründe Gedanken zu machen. Andererseits hat die Musik kein Zuhause, sie wird im Radio übertragen und spielt in Sozialen Netzwerken, warum also nicht im Museum? Ich sehe mich als Folksängerin. Was ich mache, ist Folkmusik für das 21. Jahrhundert. Wie ich dabei meine Zuschauer erreiche, ist für mich zweitrangig, ich trete vor 100.000 Festivalbesuchern genauso gern auf wie in einem kleinen Club. Nur Stadionkonzerte mag ich nicht so sehr, da geht der Draht zu den Leuten verloren.

ZEIT: Gerade die Verbindung von Technik und Musik macht es schwer, sich Björk bloß als Sängerin vorzustellen. Die Videos, die Albumcover, die vielen Formate, Kostüme und Masken – sind Sie nicht eher eine Multimediakünstlerin?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 9 vom 26.02.2015.

Björk: Das mag von außen so wirken. Ich weiß keine eindeutige Antwort auf die Frage, aber ich denke, der visuelle Anteil meiner Arbeit hat viel mit Archetypen zu tun. Der allgemeingültige Aspekt ist in dem Bereich einfach stärker. Ein Albumcover zu entwerfen hat für mich etwas von Tarotkartenlegen, da steht auch das Universelle bestimmter Figuren im Vordergrund. Sie absorbieren die Energie, von der ich umgeben war, als ich das Album schrieb. Man könnte sagen: Bei den visuals geht es darum, einen Song zu kommunizieren, während der Song selbst von innen kommt. Beides ist notwendig, um in Kontakt mit der Außenwelt zu treten. Trotzdem bleibt die Musik der Kern von allem.

"Ich möchte immer das sein, was ich gerade nicht bin"

ZEIT: Sie haben mit Regisseuren wie Spike Jonze zusammengearbeitet, aber auch mit Designern und Modemachern. Wie wählen Sie Ihre Partner aus?

Björk: Meistens passiert das einfach. Es hängt natürlich vom Charakter der Person ab, mit der ich in Kontakt trete, aber auch mit meiner inneren Verfassung. Und von anderen Faktoren, die sich nicht immer verstehen oder beeinflussen lassen. Manchmal habe ich viel Zeit, dann hängen wir zusammen ab, und die Dinge entwickeln sich organisch. Ich mag es auch, wenn die Rollen nicht von vornherein festgelegt sind. Wenn mein Gegenüber ein bisschen desorganisiert ist, bringe ich Disziplin in die Sache, wenn alles nach Plan gehen soll, spiele ich gern die Verrückte. Ich möchte immer das sein, was ich gerade nicht bin.

ZEIT: An welche Zusammenarbeit erinnern Sie sich gern?

Björk: Oh, da will ich keine hervorheben, sie sind ja auch so verschieden. Belassen wir es bei der Feststellung: Ich hatte das Glück, dass vieles zusammengepasst hat. Ob die betreffende Person nun wirklich so fantastisch ist, wie die Leute sagen, ist dabei nicht so wichtig, viel wichtiger ist es, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Manche Dinge konnte ich nur in dem Moment tun, in dem ich sie getan habe, fünf Jahre später hätte es nie geklappt und fünf Jahre früher auch nicht. Ich glaube, es hat tatsächlich etwas mit Magie zu tun.

ZEIT: Woher nehmen Sie die Ideen für Ihre Musik?

Björk: Auch da gibt es keine Regel. Es gibt Phasen, in denen ich viel reise, besonders natürlich, wenn eine Tour ansteht. Dann lebe ich wieder äußerst zurückgezogen. Manchmal gehe ich ständig aus, in anderen Phasen bin ich gern allein mit mir selbst. Wenn ich auf Island bin, wandere ich viel, während ich einen Berg hinaufklettere, kommen mir Einfälle für Melodien und Texte. Ich sitze aber auch oft am Laptop und bastle an einem Track. Natur und Hightech sind für mich kein Widerspruch, sie gehören zusammen.

ZEIT: Sind Sie eine Romantikerin?

Björk: Es kommt darauf an, was man darunter versteht. Wenn damit der Glaube gemeint ist, dass die Dinge eine Seele haben, dann ja. Wir haben eine reiche animistische Tradition auf Island, jeder Fels kann eine Geschichte erzählen. Natürlich sind wir zugleich moderne Menschen, die in der modernen Welt zu Hause sind, und doch hat uns der Glaube an unsere überlieferte Mythologie nicht verlassen. Wir glauben daran, dass es gut ist, der Natur mit Respekt zu begegnen, und wir sind der festen Überzeugung, dass diese Haltung sich in Geschichten weitererzählen lässt. Es gibt viele Geschichten auf Island ...

ZEIT: Stimmt es, dass Sie während eines Vulkanausbruchs zur Welt kamen?

Björk: Ja, allerdings begann er schon 1963, zwei Jahre vor meiner Geburt, und zog sich bis 1967 hin. Es war eine Dauereruption, vier Jahre lang bebte die Erde. Während dieser Zeit ist eine neue Insel namens Surtsey entstanden.

ZEIT: Seltsame Koinzidenz: Im vergangenen September, während der Dreharbeiten zum Video für Ihren Song Black Lake, brach ein anderer Vulkan aus.

Björk: Ja, das war der Bárdarbunga, der zweithöchste Berg, den wir haben. Aber in Island gibt es dauernd Eruptionen.

ZEIT: So ein Vulkanausbruch ist gar nichts Besonderes?

Björk: Doch, natürlich. Wir Isländer sind sehr stolz auf unsere Vulkane. Jedes Mal, wenn einer ausbricht, sind wir ganz aufgeregt, weil die Erde Feuer spuckt und weil wir schon wieder eine neue Insel oder einen neuen Berg benennen müssen. Es herrscht dann eine Stimmung wie auf einem Volksfest, überall wird diskutiert und gestritten, es gibt einen Wettbewerb um den richtigen Namen. Während eines Vulkanausbruchs fühlen wir uns lebendig und kreativ. Wir spüren dann: Hey, wir haben es immer noch in uns.

ZEIT: Wieso sind die alten Mythen in Island lebendiger als anderswo?

Björk: Es liegt an unserer Geschichte. 600 Jahre lang waren wir dänische Kolonie, 1944 kam dann die Unabhängigkeit, und von da an entwickelten die Dinge sich sehr rasch. Bestimmte Erscheinungen, auch Irrwege der Moderne, sind an uns vorbeigegangen, wir hatten nie so etwas wie eine industrielle Revolution, wir haben nicht an den beiden Weltkriegen teilgenommen, wir haben bis heute keine Armee. Wir sind sozusagen aus der Magie unserer Überlieferung direkt im 21. Jahrhundert gelandet, mit Internet und allem, was dazugehört. Das Ergebnis ist eine Art Hightech-Romantik, die von vielen geteilt wird, nicht nur von Künstlern. Es ist auf Island eine allgemein verbreitete Haltung zur Welt.

ZEIT: Sie sind bereits als Kind mit Kunst in Berührung gekommen – als Sängerin in Punkbands, aber auch als Mitglied des Künstlerkollektivs Medusa.

Björk: Zu Hause gefühlt habe ich mich eher in der Punkszene. Medusa war eine Gruppe von Dichtern und Malern, die den Surrealismus nach Island getragen haben. Ein richtiges Mitglied war ich nie, ich war ihr Groupie ... (lacht) Aber sie haben mich stark beeinflusst, sie diskutierten mit mir, gaben mir Bücher und luden mich zu ihren Aktionen ein. Sie hatten eine Garage im Zentrum von Reykjavík, wirklich nicht mehr als ein Raum, ein winziger dazu, aber da fand alles statt: Ausstellungen, Konzerte, Dichterlesungen. Auch Medusa war eine wilde Mischung aus Tradition und Avantgarde, sie haben einfach verschiedenste Einflüsse in sich aufgesogen und etwas sehr Eigenes, Selbstgebasteltes daraus gemacht.

ZEIT: Dann ist wahr, was man sich erzählt: In Island ist jeder ein Künstler?

Björk: Ja, aber wir nehmen uns nicht so ernst dabei. Wir stellen uns nicht selbst auf einen Sockel, der uns über andere erhebt. Auch das hat mit unserer Geschichte zu tun: Die Hierarchien sind auf Island nicht so stark ausgeprägt. Ob du nun Künstler bist oder sonst etwas, Handwerker vielleicht oder Jäger, macht keinen Riesenunterschied.

"Eine Forscherin, die den Schmerz unter die Lupe nimmt"

ZEIT: Der isländische Dichter Sjón hat zu Ihrer Ausstellung eine "psychogeografische Reise" beigesteuert: kurze Poeme, die durch die Stationen Ihrer Karriere führen.

Björk: Sjón ist ein alter Weggefährte. Beide gehören wir der Generation an, die das, was isländische Kunst seit der Unabhängigkeit ist oder sein kann, mitdefiniert haben, wir haben alles in uns: die Natur, den Punk und den speziellen Surrealismus. Manchmal habe ich das Gefühl, dass sich seit damals nichts verändert hat. Wir sind immer noch Menschen aus einem kleinen Dorf namens Reykjavík, das heute zugleich eine europäische Hauptstadt ist.

ZEIT: Ihr jüngstes Album, das parallel zur Ausstellung erscheinen sollte, aber vorab geleakt wurde, heißt Vulnicura – lateinisch für Heilung. Ist Kunst auch Medizin?

Björk: Ich halte es für unausweichlich und natürlich, dass man als Musikerin aus seinen Gefühlen schöpft. Wie bei allem, was ich tue, geht es um die Kommunikation innerer Zustände in Tönen und Bildern, moderne Technik und modernes Design helfen dabei. Aber geplant war das nicht. Die neun Songs sind während einer Periode der Trennung entstanden, teilweise aus einer Ahnung heraus, teilweise auch im Rückblick. Sie sind einfach Momentaufnahmen dessen, was mich in der Zeit beschäftigt hat.

ZEIT: Das Cover zeigt eine Frau im Strahlenkranz, die der Welt eine offene Wunde entgegenstreckt. Ist es mehr die persönliche oder die universelle Björk, die hier spricht?

Björk: Einerseits hatte ich Bedenken, Vulnicura in der Form zu veröffentlichen, schließlich geht es um etwas so Intimes wie das Ende einer Liebesbeziehung, beginnend mit den ersten Zweifeln, der langsamen Auflösung, bis hin zu dem Punkt, an dem klar wird: Es geht nicht mehr. Andererseits wohnt in mir immer auch eine Forscherin, die den Schmerz unter die Lupe nimmt und ins Allgemeine wendet. Insofern ist auch hier wieder beides am Werk, doch wie die Anteile sind, kann ich nicht sagen. Die Hörer müssen es herausfinden.