Philip, wenn ich in diesen Tagen eine Tankstelle ansteure, dann packt mich das Entsetzen. Nicht weil das Benzin so teuer ist – sondern weil es so billig ist. In Berlin kostet der Liter Super derzeit weniger als 1,30 Euro. Es ist noch nicht so lange her, da waren fast zwei Euro fällig.

Für die Verbraucher ist das eine gute Nachricht. Auch ich freue mich, wenn ich beim Tanken Geld spare, das ich für andere Dinge ausgeben kann. Dass die deutsche Wirtschaft derzeit wieder an Fahrt gewinnt und die Stimmung bei den Unternehmen von Monat zu Monat besser wird, hat auch damit zu tun, dass der Ölpreis in den vergangenen Wochen dramatisch gefallen ist. Das bewirkt eine enorme Umverteilung von Einkommen aus den erdölproduzierenden Ländern in die erdölverbrauchenden Länder. Und Deutschland gehört der zweiten Gruppe an.

Für die Umwelt hingegen ist der Preisrückgang eine Katastrophe. Energiesparen ist plötzlich kein Thema mehr: In den Autosalons sind Sprit schluckende Geländewagen der große Renner, und wenn das Öl für die Heizung kaum mehr etwas kostet, kann man auch auf die Dämmung der Fassade verzichten.

Mit dem niedrigen Ölpreis sinken auch die Anreize, mehr Geld in erneuerbare Energien zu investieren, weil sich das plötzlich nicht mehr rechnet. Damit rückt die – aus geopolitischen und klimapolitischen Erwägungen dringend gebotene – Umstellung der Weltenergieversorgung auf nicht fossile Quellen in weiter Ferne.

Dabei bieten die rückläufigen Ölpreise die einmalige Gelegenheit, die Abhängigkeit vom Öl zu verringern. Dazu müsste der Verbrauch fossiler Energie besteuert werden – zum Beispiel durch eine CO₂-Abgabe. In dem Maße, wie der Ölpreis sänke, stiege automatisch die Steuerbelastung. Stiege der Preis wieder, reduzierte sich die Abgabenlast.

Eine solche Steuer hätte eine Reihe von Vorteilen: Weil durch ihre Einführung sinkende Rohölpreise nicht dazu führten, dass das Öl aus Sicht der Endverbraucher billiger würde, würde sparsames Verhalten weiterhin belohnt. Weil die Steuer aber nur griffe, wenn das Öl selbst billiger würde, fiele für die Verbraucher keine zusätzliche Belastung an – sie müssten bei fallendem Ölpreis lediglich auf eine zusätzliche Entlastung verzichten, die sich ohne die Steuer ergeben würde.

Hinzu käme: Weil die Verbraucher zumindest kurzfristig natürlich nicht völlig auf Ölprodukte verzichten könnten, fielen für den Staat Einnahmen an. Die könnten verwendet werden, um den Klimaschutz voranzutreiben oder die sozialen Härten der neuen Steuer auszugleichen – zum Beispiel durch Nahverkehrsgutscheine für einkommensschwache Bürger. Die Ölabgabe wäre das ökonomische Äquivalent einer eierlegenden Wollmilchsau: Sie führte zu einer Verhaltensänderung und sorgte zugleich für zusätzliche Staatseinnahmen.

Eine solche Abgabe müsste idealerweise in einem breiten internationalen Konsens eingeführt werden, damit die Unternehmen sie nicht umgehen könnten. Aber wahrscheinlich müssten die Industriestaaten – wie bei vielen internationalen Abkommen – den ersten Schritt machen. Der Zeitpunkt jedenfalls ist gerade günstig: Die Weltwirtschaft erscheint stabil genug, um ohne einen zusätzlichen Schub durch noch einmal niedrigere Rohölpreise auszukommen. Und weil den Menschen ja in Zeiten sinkender Preise nur eine zukünftige Vergünstigung genommen würde, mit der sie noch nicht kalkuliert hätten, dürfte eine solche Maßnahme sogar auch politisch vergleichsweise einfach durchzusetzen sein. Dein mark

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