Keinen einzigen seiner Freunde kennt Louis* persönlich. Sie begegnen ihm nur auf dem Bildschirm, um mit ihm gegen das Böse zu kämpfen. Wenn der 17-Jährige nicht zur Schule geht, spielt er bis in die Nacht im Internet World of Warcraft. Jede Spielpause macht ihn zum Verlierer, und er möchte seine Mitspieler nicht enttäuschen. Dabei merkt der Junge nicht, wie er langsam aus dem realen Leben aussteigt.

Der Jugendliche erfüllt mit seinem Verhalten die Kriterien einer Computerspieleabhängigkeit, wie sie vor knapp zwei Jahren von der amerikanischen Psychiatervereinigung in den offiziellen Katalog psychischer Erkrankungen aufgenommen wurde. Dazu gehört, dass die Onlinespiele zur dominierenden Aktivität des alltäglichen Lebens werden, dass sie benutzt werden, um negative Emotionen zu lindern, oder dass die Betroffenen Entzugssymptome wie Gereiztheit zeigen. All dies trifft auf Louis zu.

Genau diese Suchtkriterien hat das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) für eine aktuelle Studie in der Fachzeitschrift Addicition berücksichtigt. Darin wurden 11.000 Jugendliche mit einem Durchschnittsalter von 14,9 Jahren zu ihren Computergewohnheiten befragt. Ergebnis: Zwei Prozent der Jungen und 0,3 Prozent der Mädchen zeigen ein suchtartiges Verhalten und verbringen täglich im Schnitt sechs Stunden mit Computerspielen. Gymnasiasten hängen durchschnittlich 72 Minuten pro Tag vor dem Bildschirm, Hauptschüler 132 Minuten. Die vor dem PC verbrachte Zeit allein reicht nicht für Aussagen darüber, ob jemand süchtig ist. "Das Risiko für eine Abhängigkeit ist vor allem dann besonders hoch, wenn die Jugendlichen plötzlich Hobbys aufgeben oder trotz offensichtlicher Nachteile wie zum Beispiel schlechter Noten nicht vom Spielen ablassen können", sagt Florian Rehbein, Leiter des Projektes Computerspiele- und Internetabhängigkeit am KFN.

Louis hat Glück. Er kommt in das Therapiezentrum Teen Spirit Island in Hannover – die bundesweit erste Klinik, die auf computersuchtkranke Jugendliche spezialisiert ist.

"Die Jugendlichen müssen zunächst lernen, wieder mit anderen Menschen in Kontakt zu treten und ihren Körper überhaupt wahrzunehmen", sagt Klinikchef Christoph Möller. Seine Patienten haben oft ein sehr geringes Selbstwertgefühl, Erfolgserlebnisse bekommen sie nur durch Computerspiele. Möller zeigt ihnen in seiner Einrichtung attraktive Alternativen. So treiben die Patienten viel Sport, spielen etwa Volleyball oder machen körperliches Training: "Sie müssen durch reale Erlebnisse Glücksgefühle entdecken."

Nach dem Klinikaufenthalt könnten etwa 70 Prozent der computerspieleabhängigen Jugendlichen ihren PC-Konsum gut kontrollieren, sagt Möller. Nur halb so viele Kiffer schafften es, sich von ihrer Droge zu lösen. Das mag damit zusammenhängen, dass Drogen wie Haschisch oder Kokain wesentlich schneller psychisch abhängig machen als Computerspiele. Doch die Auswirkungen einer Sucht auf die psychosoziale Situation können ähnlich gravierend sein.

Wer aber ist besonders anfällig, abhängig zu werden? "Computerspiele sind besonders attraktiv für Jugendliche in Außenseiterpositionen, die Angst vor einer realen Nähe haben", sagt Rainer Thomasius, ärztlicher Leiter des Deutschen Zentrums für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters. "Durch die Spiele haben sie plötzlich ganz viele Freunde und fühlen sich als Sieger." Zwar hätten viele Jugendliche Phasen, in denen sie übertrieben spielten, sagt Thomasius. "Doch die meisten merken, wie sehr sie das in anderen Lebensbereichen behindert." Dann spielten sie seltener. Das bedeute jedoch keinesfalls, dass Eltern das Thema Computerspiele der Selbstkontrolle ihrer Kinder überlassen sollten. "Es müssen klare Regeln und Begrenzungen mit den Jugendlichen vereinbart werden", sagt Thomasius. Zeitkontingente etwa. Gleichzeitig sollten sich Eltern bemühen, mit ihren Heranwachsenden Dinge zu unternehmen, von denen diese sich begeistern ließen. So lernen sie, an anderen Aktivitäten Spaß zu haben.

In seiner Suchtambulanz am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, sagt Thomasius, habe der Anteil von computerabhängigen Jugendlichen über die letzten Jahre eindeutig zugenommen. Jungen sind dabei eindeutig anfälliger als Mädchen. In der Befragung des KFN waren 88 Prozent der PC-Spielsüchtigen Jungen. Das hängt wohl mit dem Belohnungssystem im männlichen Gehirn zusammen, das sich durch Erfolge am Computer besonders leicht erreichen lässt. Wenn Mädchen den PC suchtartig nutzen, dann eher, um in Sozialen Netzwerken nicht abgehängt zu werden.

Die übertriebene Begeisterung für die virtuelle Welt ist aber keinesfalls ein Jugendphänomen. Mehr als die Hälfte derjenigen, die Hilfe wegen einer Computerspieleabhängigkeit in Beratungsstellen suchen, sind Erwachsene. Florian Rehbein vom KFN hat vor Kurzem auch zu diesem Thema eine repräsentative Telefonbefragung unter 4.000 Personen durchgeführt: Immerhin erfüllen rund ein Prozent der Männer und 0,5 Prozent der Frauen hierzulande die Kriterien einer Computerspieleabhängigkeit. Damit ist diese Suchtform ähnlich häufig wie Essstörungen.

Louis ist mittlerweile 19 Jahre alt und hat wieder Fuß gefasst im Leben. Er ist froh, das Fachabitur gemacht zu haben, und beginnt demnächst ein Studium. Computerspiele betrachtet er heute als normalen Zeitvertreib. Viel mehr Spaß machen ihm die Proben mit seiner Band, er spielt Gitarre.

*Name geändert

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