Irgendwann verschwand sein richtiger Name. Aus Edathiparambil wurde Edathy. Das Verkürzen des Namens war einfach, das Modellieren der eigenen Identität ist komplizierter. Da lässt sich vieles nicht so schlicht abkoppeln. Menschen ziehen Mauern um ihre Seele, wenn sie dort etwas entdecken, vor dem sie erschrecken, das nichts mit dem Bild zu tun hat, das sie von sich entworfen haben. So hat es der Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich formuliert.

Wer in diesen Tagen versucht, mit dem ehemaligen SPD-Bundestagsabgeordneten Sebastian Edathy ins Gespräch zu kommen, erhält innerhalb von 15 Minuten via Facebook von ihm persönlich die Absage. Wenn man dann über Edathy redet, mit dessen Familienmitgliedern, Genossen, Gegnern, Journalisten, Schulkameraden und Freunden, mit denen er Nächte durchgearbeitet, Wahlkämpfe gewonnen und Partys gefeiert hat, hört immer wieder dasselbe: Unnahbar sei er gewesen, geheimnisvoll, immer schon. "Wir kennen ihn nicht", sagen all diese Menschen. Er sei ein "Joker mit zwei Gesichtern", sagt ein politischer Mitbewerber. Sein Bruder Thomas sagte vor einem Jahr dem stern: "Ich wusste bis heute nicht, dass Sebastian schwul ist."

Edathy blieb oft bis nach Mitternacht in seinem Büro. Der Bundestagsabgeordnete Ernst Kastning, für den Edathy lange arbeitete, erinnert sich, dass "der Bengel vom Intellekt her prima" und extrem fleißig gewesen sei. Nur machte Kastning sich früh Sorgen, dass Edathy keinen Ausgleich zur Arbeit zu haben schien. Er sah ihn selten lachen, fast nie über Privates sprechen, nie über Freunde. Einige sahen in diesem Verhalten elitäres Gehabe und Arroganz. Eine alte Bekannte aus Bückeburg sagt: "Er gab Menschen gern das Gefühl, mit seiner Anwesenheit würde er Perlen vor die Säue werfen." Seinen 30. Geburtstag feierte er in einem kühlen Parkhaus. Wann hat Sebastian Edathy beschlossen, eine Mauer um sich zu errichten?

Ferndiagnosen und Küchenpsychologie gehören zu unserer Medienwelt. Man kann ahnen, wie sehr ihn, den kühlen Intellektuellen, das nervt. Aber er muss es sich gefallen lassen, denn er ist nicht nur angeklagt wegen des Besitzes von kinderpornografischem Material, sondern zudem auch eine öffentliche Person, ein ehemaliger Mandatsträger, der selbst Unrecht aufklären sollte. Als im Februar 2014 seine Privaträume durchsucht wurden, reichte Edathy Klage ein, unter anderem mit der Begründung, eine Durchsuchung hätte nie angeordnet werden dürfen, da er nur legales Material besessen und daher kein Anfangsverdacht im juristischen Sinn vorgelegen habe. Doch das Bundesverfassungsgericht wies die Klage zurück und fasste die Vorwürfe zusammen: "Bild- und Videomaterial mit überwiegend oder vollständig unbekleideten vorpubertären Jungen, teilweise mit kinder- oder jugendpornografischem Inhalt (...) Die von ihm mutmaßlich bestellten Produkte zeigten zwar keine sexuellen Handlungen, wohl aber unbekleidete Kinder und Jugendliche einschließlich gezielter Darstellungen ihres Genitalbereiches (...) Der sexualisierte Charakter werde durch akustische Untermalung wie Stöhnen des Kameramanns noch verstärkt."

Am vergangenen Montag begann der Prozess vor dem Landgericht im niedersächsischen Verden. Häufig ist in Gerichtsverhandlungen die Zeit der Geheimnisse vorbei. Es wird ausgefragt, begutachtet, offengelegt. Doch diesmal ist es anders, der vorsitzende Richter Jürgen Seifert beendete den ersten Prozesstag schon nach eineinhalb Stunden und machte dem Angeklagten ein Angebot, wohl auch aufgrund der letztlich dürftigen Beweislage: Wenn Edathy ein Geständnis ablege, werde er das Verfahren gegen eine "mittlere, vierstellige Geldauflage" einstellen. Edathy verfolgte die Verhandlung schweigend, mit regungslosem Gesicht. Er hat nun bis zum kommenden Montag Zeit, über den Vorschlag des Richters nachzudenken.

Zuvor hatte Edathys Anwalt Christian Noll die hannoversche Justiz heftig attackiert. Noll erzählte vor dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss von seinen merkwürdigen Erfahrungen mit der Staatsanwaltschaft. Er habe Wochen gebraucht, um herauszufinden, dass Oberstaatsanwalt Thomas Klinge der zuständige Mann sei. Dann habe dieser Staatsanwalt bei Nolls Besuch am 22. Januar 2014, also etwa drei Wochen vor der Hausdurchsuchung, so getan, als sage ihm der Vorgang um Edathy gar nichts; er habe ein Schauspiel aufgeführt. Er, Noll, habe Klinge alles angeboten, was für "Internetbestellungen" relevant sein könne: Laptops, Kreditkarten, Computer. Doch der habe sich nicht darauf eingelassen. Nolls Fazit: "Der wollte keine Beweise. Der wollte durchsuchen. Die Staatsanwaltschaft wollte offenbar öffentlichkeitswirksam vorgehen." Staatsanwalt Klinge und Anwalt Noll sitzen sich im Gerichtssaal 104 gegenüber.

Edathy greift an, das ist sein Muster, so war es immer. Er beendete das Gymnasium in Stolzenau als einer der Schulbesten und gründete mit einem Freund das Südkreismagazin. In dem Blatt griff er lokale Honoratioren an. Jahrzehnte später, als Vorsitzender des NSU-Untersuchungsausschusses, hakte er unnachgiebig nach, wenn BKA-Ermittler, Behördenleiter oder Verfassungsschützer mauern wollten. Manche sagen, bei einigen Befragungen habe er die Grenze zur Beleidigung überschritten. Zu einem Beamten des Bundeskriminalamts sagte Edathy einmal, als er sich über dessen vermeintliche Untätigkeit aufregte: "Also, wenn ich einmal keinen Job mehr bekomme, dann bewerbe ich mich auch beim BKA."

Doch diesmal wird er trotz aller juristischen Gefechte feststellen müssen, dass es nicht die Stunde der Attacken ist, sondern der Erklärungen, seiner Erklärungen. Nach Ansicht der Ermittler soll von Edathys Rechner unter anderem nach den Stichworten "little boys" gesucht worden sein. Aber auch nach Begriffen, die in der Pädophilenszene bestimmte kinderpornografische Bilderserien bezeichnen: "spongebob abuse boy" etwa oder "scooby do childporn". Nach Informationen der ZEIT ist die sogenannte Spongebob-Serie besonders ekelhaft, hier gehe es um Hardcorepornos, in denen beispielsweise ein Mann gezeigt werde, der einen Zwölfjährigen auf einer Decke mit dem Muster der Spongebob-Zeichentrickfigur sexuell missbraucht. Dass von Edathys Rechner derartige Suchbefehle ausgegeben wurden, heißt nicht, dass er solche Videos betrachtet oder erworben hat. Aber er wird sich für die Aktivitäten auf seinem Rechner erklären müssen. Auf Nachfragen der ZEIT wollte sich Edathy dazu nicht äußern.

Er war einer der profiliertesten Innenpolitiker der SPD, ein ehrgeiziger, intelligenter Vernunftmensch. Er kann auf eine 25-jährige Karriere in der Politik zurückschauen. Er kämpfte sich von den Jusos bis zum Vorsitzenden des Innenausschusses im Deutschen Bundestag hoch, engagierte sich gegen Rassismus und war der schonungslose Aufklärer der NSU-Affäre als Vorsitzender im Untersuchungsausschuss. "Er interessierte sich maßlos für Politik", erinnert sich eine mütterliche Freundin an seine Anfangszeit. Mit 21 Jahren kam er in das Wahlkreisbüro einer SPD-Landtagsabgeordneten, die sein Talent erkannte. Dort stürzte er sich ehrenamtlich auf jede Aufgabe, die ihm übertragen wurde: egal, ob Wahlkampf oder das Beschaffen von Wasserproben. Für seine Mitarbeit wollte er kein Geld haben, er wollte nur lernen, wie Politik funktioniert.

Viele trauten ihm höhere Aufgaben zu, ein Amt als Staatssekretär oder gar Minister. Warum es nicht geklappt hat? In seinem Wahlkreis Nienburg sitzen alte Weggefährten zusammen im SPD-Büro. Eine Thermoskanne mit Filterkaffee und Gebäck stehen auf dem Konferenztisch. "Er legte keinen Wert auf ein vertrauensvolles Miteinander", sagt Elke Tonne-Jork, die Vorsitzende des SPD-Unterbezirks. Nie trank er mal ein Bier mit, keinen Parteifreund lud er in seine Wohnung ein. Er sei der typische Einzelgänger gewesen. Ein Bundestagspolitiker wird noch deutlicher: "Ihm waren die Menschen im Wahlkreis schon immer egal, er war ein Ekelpaket zu ihnen."

Ein merkwürdig klingender Vorwurf an die Adresse eines Abgeordneten, der fünfmal hintereinander direkt in den Bundestag gewählt wurde. Hätte man vor seinem Sturz auch so über ihn geredet? Der Unnahbare. Nach einem Auftritt vor der türkischen Gemeinde in Hannover vor zwei Jahren war er nicht in der Lage, mit den Migranten über sein Thema NSU ins Gespräch zu kommen. Er rauchte noch eine Zigarette vor dem Gebäude und verschwand dann schnell. Einer der Teilnehmer erinnert sich: "Wir standen danach zusammen und dachten: Was ist denn das für einer?"