Tabuthema Sterbehilfe: "Die Mehrheit der Ärzte denkt wie wir, aber kaum jemand traut sich, offen zu reden", sagt Palliativmediziner Matthias Thöns. © BSIP/UIG via Getty Images

DIE ZEIT: Wann haben Sie das letzte Mal einem Patienten dabei geholfen, sein Leben zu beenden?

Matthias Thöns: Bevor wir antworten, habe ich eine Frage: Wir bekommen das Gespräch doch noch einmal zu lesen, bevor es gedruckt wird?

ZEIT: Ja, warum fragen Sie?

Thöns: Ich empfinde Druck, mich entgegen der offiziellen Position der Bundesärztekammer zu äußern. Die Mehrheit der Ärzte denkt wie wir, aber kaum jemand traut sich, offen zu reden. Deshalb habe ich Sorge um Missverständnisse.

Michael de Ridder: So weit ist es schon gekommen, dass Ärzte sich fürchten, eine öffentliche Debatte über ein Thema zu führen, das große Teile der Bevölkerung umtreibt.

Anton Wohlfart: Auch ich habe noch nie mit einer Kollegin oder einem Kollegen öffentlich über ärztliche Hilfe zum Suizid gesprochen.

ZEIT: Ich wiederhole die Frage: Wann haben Sie zuletzt einem Patienten zum Sterben verholfen?

Wohlfart: Das war 2009 bei einer 68-jährigen allein lebenden Patientin, die unter einer Hirnschädigung litt mit einer beidseitigen Lähmung der Gesichtsnerven. Am Ende ihres Lebens wog sie noch 36 Kilo. Am schlimmsten plagten sie die Schluckstörungen, die sie nachts wach hielten, weil sie Angst hatte, an ihrer eigenen Spucke zu ersticken. Sie wollte sterben, solange sie noch fähig war, Entscheidungen zu treffen und diese zu formulieren. Ich habe ihr geholfen.

ZEIT: Was heißt das?

Wohlfart: Ich habe alle bis dahin mitbehandelnden Kollegen intensiv befragt: die Oberärzte der zwei Kliniken, in denen sie untersucht worden war, den niedergelassenen Neurologen sowie ihre Logopädin. Über zwei Monate hinweg habe ich die alte Dame regelmäßig besucht. Sie war sich die ganze Zeit über völlig im Klaren: Sie wollte sterben. Sie sagte sogar: Geben Sie mir bloß genug Medikamente, ich bin zäh. So war es dann auch. Sie litt nicht, aber das Sterben zog sich über mehrere Stunden hin.

ZEIT: Können Sie Ihren jüngsten Fall schildern, Herr de Ridder?

De Ridder: Dieser Fall ist nicht abgeschlossen, sondern zieht sich seit mehr als drei Jahren hin. Es handelt sich um eine Frau mit einer Querschnittslähmung. Sie war lange beatmungspflichtig und hatte mehrfach gefordert, dass man die Beatmung abstellt. Das hatten die Ärzte ihr immer wieder verweigert, was ein klarer Rechtsbruch ist. Jeder Mensch kann jederzeit verlangen, eine Behandlung abzubrechen. Zwar konnte sie später wieder eigenständig atmen, und ich ermutige sie heute zum Weiterleben. Doch ich habe ihr versprochen, dass ich ihr beistehe, wenn sie es wünscht.

ZEIT: Wie oft haben Sie solchen Beistand geleistet?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 9 vom 26.02.2015.

De Ridder: Es ist unbedeutend, ob es zwei, fünf oder acht Fälle waren. Ich stehe eng an der Seite mehrerer mir lange bekannter schwerstkranker Menschen, die wissen, dass ich da bin, wenn sie meinen, dass es so weit ist.

ZEIT: Herr Thöns, auch Sie haben beim Suizid geholfen, wie häufig ist das geschehen?

Thöns: Ich habe das mal überschlagen. In zehn Jahren bin ich auf acht Fälle gekommen. Natürlich kann ich aber von sehr viel mehr Menschen berichten, denen ich anders beistehen konnte. Ich erinnere mich zum Beispiel an einen jungen Krebspatienten, der sich umbringen wollte, dessen Schmerzen wir jedoch gut in den Griff bekamen. Wenige Wochen später fragte er mich nach einem Rezept für Viagra. Das zeigt: Befindlichkeiten und Bedürfnisse können sich schnell ändern.