Steckbrief einer Mumie – Vermisst jemand einen drahtigen Herrn mit Schuhgröße 38?

Nachdem Ötzi am 19. September 1991 in den Ötztaler Alpen entdeckt worden war, suchte die Polizei von Innsbruck ihn zunächst in den Vermisstenkarteien der Gegenwart. Eine Woche später war klar: Die Akte Ötzi reicht in die Steinzeit zurück. Radiokarbonmessungen zufolge hat der "Mann aus dem Eis" zwischen 3350 und 3100 vor Christus gelebt. Rund 45 Jahre alt ist er geworden (nicht jünger als 40, nicht älter als 53). Und er war kein Hüne (160 Zentimeter, 53 Kilogramm, Schuhgröße 38), dafür drahtig, durchtrainiert und "gewiss kein Stubenhocker", wie Albert Zink, Direktor des Instituts für Mumien und den Iceman an der Europäischen Forschungsakademie (EURAC) in Bozen, meint. Dass Ötzi das Wandern gewohnt war, zeigen kräftige Beinmuskeln. War er Händler, war er Metallsucher? Abnutzungserscheinungen am Rücken deuten zumindest darauf hin, dass er schwer getragen hat. Seine Hände aber: keine einzige Schwiele. 2012 präsentierte das niederländische Künstlerzwillingspaar Adrie und Alfons Kennis eine lebensechte Nachbildung des Mannes aus dem Eis, der sich bis dahin als ausgezehrtes Gerippe mit gegerbter Haut, tiefen Augenhöhlen und scheinbar hämischem Grinsen präsentiert hatte. Nun: braune Augen, breite Nase, struppiger Bart und dunkelbraunes, schulterlanges, gewelltes Haar. Ginge heute glatt noch als Südtiroler Urgestein durch, dieser Ötzi.

Tauwetter in der Römerzeit – Wie Ötzi trotz Ruhestörungen im ewigen Eis überdauerte

Archäologie - Was Wissenschaftler durch die Gletschermumie Ötzi erfahren haben

Wegen der Hopfenbuchenpollen, die zwischen April und Juni durch die Luft fliegen und zuhauf in Ötzis Dickdarm gefunden wurden, ist sich der österreichische Archäobotaniker Klaus Oeggl sicher: Ötzi starb im Frühsommer. Kalte Winde trockneten den Körper aus und ließen ihn gefrieren. Mikroorganismen, die einem Toten normalerweise zusetzen, machten sich unter den unwirtlichen Bedingungen nicht ans Werk. Als das Wetter umschlug, begrub eine leichte Schneedecke den Leichnam unter sich und schützte ihn vor Aasfressern. Am Ende sargte eine 20 Meter dicke Eisschicht den Toten ein. Da die Felsmulde, in der Ötzi gefunden wurde, quer zur Fließrichtung des Gletschers liegt, konnten sich die Eismassen über den Körper hinwegschieben, ohne ihn zu zermalmen. Rund 5.300 Jahre verbrachte der "Iceman" oder "Frozen Fritz" (wie Ötzi im angelsächsischen Raum auch genannt wird) in seinem Tiefkühlsarg, bei einer Durchschnittstemperatur von minus 10 Grad. Nur zweimal – in der zweiten Hälfte des 3. Jahrtausends vor Christus und in der Römerzeit – dürfte der Leichnam zwischenzeitlich durch milderes Wetter freigelegt worden sein.

Filet vom Hirsch – Bei seinem letzten Mahl schlug Ötzi sich den Magen voll

Er ahnte nicht, dass er sterben würde. Der Tod überraschte ihn. Dieser Schluss drängt sich auf, seit Paul Gostner, Entdecker der Pfeilspitze, 2008 Ötzis Magen auf einer CT-Aufnahme geortet hat. Das Organ war – wohl durch den Todessturz auf einen Stein – hinter den Dünndarm gerutscht und bis dahin übersehen worden. Umso erstaunlicher die Tatsache, dass er prall gefüllt war: mit Steinbockfleisch und Filet vom Hirsch, einem Stück Apfel und ein paar Bissen Brot aus Emmer, Einkorn und Gerste – alles vermengt mit tierischem Fett. Hatte Ötzi seine Brotzeit mit einem Happen Käse abgerundet? Nein, aber vielleicht hatte er sich eine nicht minder delikate Südtiroler Spezialität gegönnt: Speck. Etwa 30 Minuten vor seinem Tod muss Ötzi auf seinem Rastplatz in der windgeschützten Mulde des Tisenjochs darauf herumgekaut haben. "Wer auf der Flucht ist, schlägt sich nicht derart den Magen voll", sagt Mumienexperte Zink.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 9 vom 26.02.2015.

Urzeit-Schick: Leggings und Strapse – Gut gerüstet ins Gebirge: Mit Grasmantel, Kupferbeil und Glut

Auf seiner letzten Wanderung im Hochgebirge war Ötzi gut ausgerüstet und warm eingepackt: Er trug einen Lendenschurz und Leggings aus Ziegenleder, die mit Strapsen an einem Gürtel befestigt waren, einen Mantel (wohl aus Ziegenfell) und einen Grasumhang zum Überstülpen oder Draufsitzen. Ötzis Kopf wärmte eine Mütze aus Bärenfell, seine Füße steckten in Schuhen aus feinstem Hirschleder mit einer Polsterung aus Heu. Niemand weiß, ob Ötzi allein oder in Begleitung unterwegs war. Auf jeden Fall hatte er alles Nötige dabei, um sich selbst zu versorgen: einen Köcher voller Pfeile und einen großen Bogen (wobei der Bogen und 12 der 14 Pfeile unvollendet waren), ein wertvolles Kupferbeil, einen Bohrer, einen handlangen Dolch, der in einer aus Stroh geflochtenen Scheide steckte, und das Allzweckwerkzeug Feuerstein. Zum Feuermachen hatte Ötzi Zunderschwamm und Eisenpyrit in seine Rückentrage gepackt. Die warme Glut war in Ahornblätter eingerollt und in einem Gefäß aus Birkenrinde verstaut. Sogar Löcher stopfen konnte der Mann: Sein Nähset bestand aus einer Knochenahle zum Löcherstechen, Lindenbast, Lederschnüren und Tiersehnen. Für medizinische Notfälle hatte Ötzi zwei Pilzstückchen mit antibiotischer und blutstillender Wirkung auf zwei Fellstreifen gefädelt.