Warum sind so viele Gefängnisinsassen tätowiert? Der Wiener Fotograf Klaus Pichler hat über diese Frage lange geforscht. Er befragte rund 150 ehemalige Häftlinge, die sich im Gefängnis tätowieren ließen, und daraus entstand ein aufschlussreiches Buch (Fürs Leben gezeichnet). Warum etwa tragen so viele Häftlinge drei Punkte auf dem ledrigen Hautlappen zwischen Daumen und Zeigefinger? Weil sie zeigen wollen, dass sie keine Verräter sind. Die Punkte sind Symbole für die drei Affen, die demonstrativ nichts sehen, nichts hören, nichts sagen – der Tätowierte vermag also zu schweigen wie ein Grab, Verhöre sind bei ihm zwecklos.

Andere Frage: Das Tätowieren im Gefängnis ist verboten, wie also kommen die Häftlinge an ihre Farben? Pichlers Antwort: Aus Ruß, Schuhcreme und Zigarettenasche wird schwarze Farbe gemacht; aus dem Ziegelstaub, den man aus den Gefängniswänden kratzt, kann man Rot herstellen; angerührt werden die Farbpasten mit Wasser oder Shampoo und in die Haut geritzt mit Büroklammern, Draht oder angespitzten Gitarrensaiten.

Die wichtigste Frage aber lautet: Warum die Mühe? Warum sorgen sich Gefangene so sehr um die Wirkung der eigenen Haut? Einer der Ex-Häftlinge, die Pichler bei seinen Recherchen traf, ein Herr O., 53 Jahre alt, gibt zu Protokoll: "Der Schmerz beim Tätowieren, der reißt einen aus der Monotonie und dem Trott. Man spürt sich selbst wieder und empfindet etwas Intensives. Nicht nur beim Stechen, auch hinterher, das ist ja eine Wunde, die verheilt. Dadurch merkt man, dass man noch lebt."

Pichlers Arbeiten gehören zu den auffälligsten Exponaten der Tattoo-Ausstellung, die das Gewerbemuseum Winterthur zusammengestellt hat und die nun erstmals in Deutschland zu sehen ist – im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe (bis 6. September). Wenn man durch das Museum geht, kommt man zum Schluss, dass Pichler die richtige Idee hatte. Das Tattoo ist am Ende immer Gefangenenkunst. Einer ist eingeschlossen in Haut, Fleisch, Geäder und Knochen, und er lässt sich sein Gefängnis als leuchtende Festung gestalten.

Die Schau geht, da die Tätowierung eine Kunst ist, welche von der Menschheit schon früh entwickelt wurde, sehr weit zurück, zu den rituellen Ursprüngen. Sie zeigt archaische Tätowierwerkzeuge (Rosendornen) und feinstes Hightech-Werkzeug von heute, sie zeigt überhaupt sehr viel, unter anderem ein tätowiertes Schwein, aber sie kommentiert wenig. Und vor dem heutigen Tattoo-Boom steht sie weitgehend ratlos.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 9 vom 26.02.2015.

Der Trend geht, man schaue sich nur um im Schwimmbad oder im Sommer am See, zum wuchernden Tattoo. Und manche Körper, deren Fotos in dieser Ausstellung gezeigt werden, sitzen in ihren Tattoos wie in einem Unterholz, aus dem sie zu uns herausstarren: verborgen unter dem Gestrüpp aus Blüten, Augen, Dornen, Klauen, Schwingen, Schlangenhäuten. Die Deutschen, einst beschrieben als das Volk der Nackten und FKK-Enthusiasten, lassen ihre Blöße längst großflächig überschreiben und übermalen. Und man fragt sich: Kann ein üppig Tätowierter überhaupt noch die Erfahrung der Nacktheit machen? Ist er ein Selbstentblößer, der seine Haut darbietet, oder nicht eher ein Ritter, der unter einer Rüstung der Zeichen lebt? Oder fühlt er sich sogar als stolzer Heiligen, der, wie oben zitierter Herr O. gesagt hat, seine verheilten Wunden auf dem Leib trägt? Wunden, die nun leuchten und blühen?

Vermutlich erfüllt das Tattoo eine Schutzfunktion. In der Biologie spricht man von Schrecktracht: Ein Lebewesen bildet auf seinem Äußeren Zeichen aus, welche die Fressfeinde davor warnen sollen, sich zu nähern. So gesehen, wäre das Tattoo ein Abwehrzauber. Die Überfülle der Zeichen auf der Haut wird mobilisiert, um die Überfülle der Organe, Adern, Sehnen und Muskeln unter der Haut zu schützen. Vom verborgenen Inneren lenkt das Motivgeschlinge auf dem Leib ab. Der Tätowierte ist nackt, aber es ist eine waffenstarrende Nacktheit. Dieser Mensch, so sagt das Tattoo, weiß sich zu wehren gegen die Zumutung, mit einem anderen verwechselt zu werden.

Menschen, die sich häufig tätowieren lassen, berichten davon, dass mit dem Schmerz Genuss einhergehe, ein Suchtfaktor: Die Flut der Endorphine, die ausgeschüttet werden, wenn der andere in die eigene Haut eindringt, ist eine Belohnung für die Marter. So könnte das Tattoo eine Möglichkeit sein, sich mit den Rückständen der eigenen Vergangenheit, den Trophäen überstandenen Schmerzes zu schmücken. Man war ausgeliefert und hat es ohne Verrat überstanden. Man hat sein Innerstes nicht preisgegeben, das Geheimnis wurde bewahrt. Ja, am Ende schenkt einem das Tattoo Narben, die zu keinem Kampf zurückführen, und Erfahrungen, die man gar nicht gemacht hat.

In einem alten Hollywood-Film ist Humphrey Bogart auf der Flucht vor Feinden. Er nimmt die Dienste eines Gesichtschirurgen in Anspruch, der ihm ein neues Aussehen geben wird. Der Chirurg beugt sich über Bogart und sagt: "Ich werde Sie älter machen, aber ich werde Sie gut machen. Sie werden aussehen wie jemand, der gelebt hat." Bogart antwortet: "Das habe ich, Doktor."

Auch der Tätowierte sieht, wenn man ihm einen rosigen Untätowierten zur Seite stellt, immer aus wie derjenige, der mehr gelebt hat als der andere. Vielleicht ist dieser Anschein schon die Mühe wert.

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