Als Theresia Bauer auf der Bühne im Neuen Schloss in Stuttgart steht, weiß sie schon, dass sie gewonnen hat. Es ist ein Abend Anfang Februar, im prachtvollen Weißen Saal sitzen rund 400 Professoren, die im vergangenen Jahr in Baden-Württemberg neu berufen wurden, und jubeln ihr zu. Und dann kommt auch noch der Ministerpräsident Winfried Kretschmann vorbei, der jeden Anlass nutzt, um seine Wissenschaftsministerin zu unterstützen. Mehr Wertschätzung geht hier nicht – das gilt für die neuen Professoren wie für Theresia Bauer. In wenigen Wochen wird die Grüne zum zweiten Mal den Titel "Wissenschaftsminister des Jahres" bekommen. Das ist das Ergebnis einer jährlichen Umfrage des Deutschen Hochschulverbands unter seinen Professoren.

Warum ist diese Politikerin unter Wissenschaftlern so beliebt? Warum loben sogar ihre Vorgänger aus der Opposition die Ministerin? Und warum finden sich die Kritiker ausgerechnet in ihrer eigenen Partei?

Theresia Bauer, 49, ist keine charismatische Politikerin. Sie sieht aus wie ihre eigene Referentin, ist nicht besonders groß, nicht ganz schlank, trägt ihre Haare so wie Merkel zu Beginn ihrer Kanzlerschaft, und auch die Farbpalette ihrer Blazer erinnert an die der Kanzlerin. Ein paar Stunden bevor sie auf der Bühne des Neuen Schlosses steht, bekommt Bauer Besuch von einem Kamerateam, das einen Dreiminüter für die Internetseite des Hochschulverbandes drehen möchte. Theresia Bauer sagt: "Tut mir leid, jetzt habe ich entgegen der Verabredung doch kein Make-up drauf." In diesen Momenten erinnert auch ihr Gestus an die Kanzlerin.

Wie Merkel hält auch Bauer keine donnernden Reden. Bei der Begrüßung der Professoren muss man genau zuhören, um die Zahlen zu verstehen, die sie erwähnt. Und die einen Teil ihrer Popularität erklären. 1,7 Milliarden Euro ist so eine Zahl. So viel mehr Geld als bisher steckt Baden-Württemberg in den kommenden sechs Jahren in die Hochschulen des Landes. Das steht im neuen Hochschulfinanzierungsvertrag, den Theresia Bauer mit ihrem Finanzminister aus der SPD und den Hochschulrektoren ausgehandelt hat. In keinem anderen Bundesland bekommen Hochschulen eine so hohe Zulage. Die Rektoren lieben sie dafür.

Ein Teil des Geldes stammt aus den Mitteln, die früher für die Studentenförderung Bafög eingesetzt wurden. Das Bafög wird seit diesem Jahr vom Bund gezahlt. Die Länder dürfen selbst entscheiden, welche Bildungsausgaben sie mit dem frei werdenden Geld finanzieren. Niedersachsen etwa will das Geld in Kitas stecken und Schleswig-Holstein in Schulen – in Baden-Württemberg geht die Hälfte in die Hochschulen. Das kommt gut an.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 9 vom 26.02.2015.

Zu Beginn ihrer Amtszeit hat Bauer das Landeshochschulgesetz novelliert. Sie hat sich dabei mit den Rektoren abgestimmt und sich nicht, wie ihre Kolleginnen in NRW und Hamburg, mit den Rektoren verkracht. Auch die Abschaffung der Studiengebühren hat sie besser über die Bühne gebracht als andere: Den Hochschulen wurde das wegfallende Geld vollständig erstattet.

Kein Wunder also, dass man in keinem anderen Bundesland so viel Gutes über die Wissenschaftspolitik hört wie in Baden-Württemberg. "Wir haben sicher die bundesweit beste Wissenschaftsministerin", sagt etwa Hans-Jochen Schiewer, der Rektor der Universität in Freiburg, der derzeit auch die Landesrektorenkonferenz leitet.

Das war nicht unbedingt zu erwarten. Zwar war Bauer zu Oppositionszeiten schon lange hochschulpolitische Sprecherin, über Fachkreise hinaus jedoch kannte sie kaum jemand.

Beim Regierungswechsel 2011 ist sie dennoch die Wunschkandidatin von Winfried Kretschmann – was nicht jeder in der Partei nachvollziehen kann. Denn in Baden-Württemberg ist Wissenschaft ein Hauptfach der Politik. Das Land hat die meisten Exzellenz-Unis in Deutschland und ist durch viele außeruniversitäre Forschungseinrichtungen zur wichtigsten Forschungsregion Europas aufgestiegen, Hochschulen gelten als Innovationsmotor. Theresia Bauer aber hat weder einen Doktortitel, noch hat sie jemals an einer Uni gearbeitet. Sie war eine Zeit lang Geschäftsführerin der Heinrich-Böll-Stiftung in Stuttgart.

"Das war vielen zu wenig", erinnert sich Boris Palmer, der prominente grüne Oberbürgermeister von Tübingen, der 2001 zusammen mit Bauer in den Landtag gewählt wurde. Heute ist Theresia Bauer die Streberin im rot-grünen Kabinett von Baden-Württemberg. Ihr akademischer Grad ist kein Thema mehr. "In der Wissenschaft kommt es gut an, dass sie sich nicht als die Oberprofessorin aufspielt", sagt Palmer.