Der 9. November 1923. In der Aula der Universität Wien herrscht eine mystische Stimmung. Schwarze Tücher bedecken die Wände. Der gelbe Schein von Fackeln tanzt auf Männergesichtern. Eine Abordnung ist angetreten, um die Enthüllung des Siegfriedskopfes zu feiern. Ein Denkmal, das den Gefallenen der Universität im Ersten Weltkrieg gewidmet ist. Die Spitze des Zuges bilden nationalsozialistische Studenten mit Stahlhelmen, dann folgen Chargierte der katholischen und nationalen Verbindungen mit ihren Bannern und Fahnen. Als Rektor Carl Diener das Wort ergreift, huldigt er den im Kampf für das Vaterland Verstorbenen. "So ruft uns dieses Denkmal zu: Wir haben den Tod gefunden, in der Ausübung unserer Pflicht!" Auch Walter Kobe, Vertreter der deutschvölkischen Studenten, beschwört den Heldentod – und bezeichnet den 9. November 1918, also den Tag, an dem das deutsche Kaiserreich unterging, als "Tag der Knechtschaft". Zum Schluss singen alle Deutschland, Deutschland über alles .

Heute ruht der Marmorkopf im stillen Arkadenhof hinter Glas, versehen mit Texten und Fotografien zu seiner historischen Einordnung. Es gibt wohl kein zweites Objekt, das die Aufarbeitung der finsteren Sphären in der Geschichte der Universität Wien so gut versinnbildlicht. Lange Zeit war der Hort der Vernunft und des Wissens ein Ort der Exklusion, des Ausschlusses, und der Diskriminierung.

Bis zur Toleranzgesetzgebung in der Zeit des aufgeklärten Absolutismus war der Zugang zum Studium katholischen Studenten vorbehalten. Auch Professoren mussten ihre Zugehörigkeit zur römischen Kirche nachweisen. Im 19. Jahrhundert wurde Wien dann zu einer intellektuellen Metropole, zum Einzugsgebiet von Gelehrten aus allen Teilen der Monarchie. Trotzdem durfte nicht jeder an die Uni. Wer politisch nicht erwünscht war oder aus anderen Gründen nicht zum Zug kam, fand oft einen Job an einer der Volkshochschulen, die zu den besten Europas zählten.

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Die für die Forschung durchaus fruchtbaren Spannungen zwischen den akademischen Nationalitäten zeitigten aber auch rabiate Konsequenzen. Besonders nach dem Zerfall der Monarchie wurde die Universität zu einem Schauplatz politischer Agitation und gewaltsamer Tumulte – gerade weil sie die Stimmungslagen der Gesellschaft reproduzierte. Rumpfösterreich ohne Deutschland? Konnten sich viele nicht vorstellen. Dazu kam der grassierende Antisemitismus, der regelmäßig zu Scharmützeln führte.

Zunächst konnte sich die Deutsche Studentenschaft mit ihrer Forderung, dass nur noch deutsche Professoren in akademische Behörden gewählt werden dürften und es für jüdische Studierende einen Numerus clausus geben sollte, nicht durchsetzen. Ihre Initiative, ein Denkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges zu errichten, stieß aber auf das Wohlwollen des Senats. Im Mai 1923 beschloss die Universität den Erwerb einer Büste von Josef Müllner, die den gefallenen Siegfried darstellt – den Helden aus dem Nibelungenlied. "Ehre, Freiheit, Vaterland" steht auf dem Sockel zu lesen. Den deutscharischen Studenten war damit vorgegeben, wofür es sich zu sterben lohnt. Zur Zeit des Nationalsozialismus ging die ideologische Saat voll auf: Die Vertreibung alles Jüdischen führte zu einem intellektuellen Aderlass, von dem sich die Universität lange nicht erholte.

Deutschnationale Burschenschaften pilgerten fortan gerne zum Siegfriedskopf, an dem sie regelmäßig Gedenkfeiern abhielten. An der Uni selbst konnte sich noch in den sechziger Jahren rechtsextremes Gedankengut breitmachen. Antisemitische Äußerungen des Professors für Welthandel, Taras Borodajkewycz, veranlassten den Rechtsgelehrten Hans Kelsen dazu, den 600-Jahr-Feiern der Universität 1965 fernzubleiben. Der Autor der österreichischen Verfassung war einst selbst von den Nationalsozialisten vertrieben worden. Für die Universität bot der Fall Borodajkewycz den Anlass, sich der eigenen Geschichte zu stellen. Erst nach der Katharsis der Waldheim-Jahre ging es aber auch dem Siegfriedskopf an den Kragen. Anhaltende Proteste störten den Aufmarsch der Burschenschafter. Schließlich schlugen linke Studenten dem germanischen Helden sogar die Nase ab. 2006 wurde der Kopf im Zuge von Umbauarbeiten von der Aula in den Arkadenhof verlegt und durch ein Kunstprojekt inhaltlich neu verortet. Aus dem Denkmal ist inzwischen ein Mahnmal geworden.