Ich bin sauer auf Philosemiten. Ich brauche sie nicht. Ich mag keine Schlechte-Gewissen-Aktionen. Ich will auch keine jüdischen Würdenträger, die die Gesellschaft ständig an den Horror unserer Geschichte erinnern. Ich brauche auch Herrn Netanjahu nicht, der mich zur Einwanderung nach Israel überreden will, um seine politische Machtposition zu stärken. Meiner Familie und mir geht es gut hier.

Ganz besonders sauer bin ich auf alle demokratisch verankerten liberalen Muslime. Auf meine türkischen Freunde, die mit mir trinken und tanzen, die aber, wenn es darauf ankommt, schweigen. Die muslimische Mahnwache vor dem Brandenburger Tor war doch nur eine Alibiveranstaltung. Wo seid ihr feinen, klugen, freiheitsliebenden und humorvollen Muslime? Warum sagt ihr nichts?

Ich lebe seit 50 Jahren in Deutschland. Mit vielen nicht jüdischen Freunden und ja, auch manchmal mit einem latenten Antisemitismus in allen Bereichen der Gesellschaft. Genauso wie meine Freunde in Amerika, England und Spanien. Seitdem es Juden gibt, gibt es auch Antisemitismus. Überall.

Die terroristische Gewaltbereitschaft gegen Juden ist nicht neu für mich. Ich bin damit aufgewachsen. Aber ich bin auch aufgewachsen mit vielen Deutschen, die so denken und fühlen wie ich. Mit wunderbaren Menschen, für die unsere Freundschaft einen elementaren Grundwert darstellt.

Wir alle haben jetzt gemeinsam ein wachsendes Problem. Wenn Juden wieder verfolgt und umgebracht werden, nur weil sie Juden sind ...

Die brave, politisch korrekte Demokratie in Europa hat einen großen Fehler gemacht: Sie versteht Toleranz falsch. Politiker und Medien haben das gemeinsam verbockt. Ob das berechnend oder naiv ist, ist mir ziemlich egal. Wenn wir in Deutschland die antisemitischen Überzeugungen, die seit vielen Jahren auch aus der Mitte des Islams heraus gewachsen sind, die trotz aller politisch motivierten Beschwichtigungen sehr wohl Teil der muslimischen Kultur geworden sind, wenn wir sie nicht entlang der gesamten Sozialisation vehement bekämpfen, werden die Juden in den nächsten hundert Jahren aus Deutschland verschwunden sein.

Getragen von Hasstiraden islamischer Kriegstreiber gegen Israel, genährt von einer Abertausend Jahre langen Familienfehde, sind die jüdischen Brüder und Schwestern (ja, wir haben denselben Stammesvater, Abraham) Feindbild Nummer eins für den Islam. Weltweit.

Lesen Sie dazu auch "Ein Teil von uns" (S. 1) und "Atheisten haben keine Feiertage" (S. 56) von Josef Joffe in der ZEIT Nr. 10 vom 05.03.2015.

Wir Juden sind auch für den Islam der Sündenbock, der für die eigene Misere verantwortlich gemacht wird. Nur wenn es gelingt, diesen ewigen Misthaufen an Vorurteilen zu beseitigen, der natürlich auch in dem christlich-abendländischen Kosmos sein Ebenbild hat, nur wenn es mit der gemeinsamen Überzeugung aller verantwortlichen Politiker, Intellektuellen, Lehrer, Mütter, Väter und Religionswächter gelingt, dass eine neue Interpretation der Menschheitsgeschichte erzählt wird, nur dann können wir daran etwas ändern.

Utopie oder Chance?

Und als wenn das nicht genug wäre, kommt nun erschwerend hinzu: Überall dort, wo alle Kombattanten ausschließlich sich selbst als Opfer einer himmelschreienden Ungerechtigkeit sehen, sich also als Einzige einen rechtmäßigen Opferstatus zusprechen, geht in der Regel nichts voran. Sackgasse.